Gewalt an Frauen: "Man läuft lachend in eine Kreissäge"

Gewalt gegen Frauen Frau tv 21.11.2019 01:56 Min. UT Verfügbar bis 21.11.2020 WDR Von Franziska Hilfenhaus

Gewalt an Frauen: "Man läuft lachend in eine Kreissäge"

  • Statistik 2018: 114.000 Frauen Opfer von Partnerschaftsgewalt
  • Säureopfer Vanessa Münstermann setzt sich für Betroffene ein
  • Interview anlässlich des Tages gegen Gewalt an Frauen (25.11.2019)

Laut Kriminalstatistik haben im vergangenen Jahr 114.000 Frauen Gewalt in ihrer Beziehung erlebt. Die Dunkelziffer wird um ein Vielfaches höher geschätzt. Der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen am Montag (25.11.2019) soll darauf aufmerksam machen.

Vanessa Münstermann

Vanessa Münstermann

Schlimmste Gewalt gegen Frauen hat Vanessa Münstermann erfahren. Ihr Ex-Freund übergoss sie 2016 mit Säure.

Das ist Vanessa Münstermann

Vanessa Münstermann, geboren 1989, ist gelernte Kosmetikerin und lebt mit ihrer Tochter und ihrem Mann in Hannover. Im Februar 2016 schüttete ihr Ex-Freund der damals 27-Jährigen nach ihrer Trennung Säure ins Gesicht. Sie überlebte nur knapp; lag wochenlang im Koma. Die Flüssigkeit verätzte Vanessa Münstermanns linke Gesichtshälfte, ihr Dekolleté, ihre linke Hand und sie verlor ihr linkes Auge. Ihr Ex-Freund bekam eine Gefängnisstrafe von zwölf Jahren und muss 250.000 Euro Schmerzensgeld zahlen. Münstermann gründete den Verein AusGezeichnet, mit dem sie anderen Gewaltopfern und entstellten Menschen hilft. In ihrem Buch "Ich will mich nicht verstecken" verarbeitet sie ihre Gedanken.

WDR: Sie reden ganz offen über ihre Geschichte. Wie reagieren die Menschen?

Vanessa Münstermann: Meist mit viel Verständnis. Aber natürlich gibt es den einen oder anderen, der findet, ich hätte zu viel Intimes preisgegeben. Das war mir bewusst. Ich habe das für andere Opfer veröffentlicht.

WDR: Ist das eine Art Therapie für Sie?

Vanessa Münstermann, Opfer eines Säureangriffs, und Moderator Günther Jauch (2017) beim Jahresrückblick einer RTL-Sendung

Interviews helfen bei der Verarbeitung

Münstermann: Definitiv, weil ich verschiedene Gesprächspartner habe und da viel zurückkommt. Es sind aber nicht nur die Gespräche, die mich weiterbringen, es ist auch die Reaktion der Menschen, wenn die mich zum ersten Mal sehen.

WDR: Wie reagieren die Kinder?

Münstermann: Kinder so ab zwölf Jahren wissen, was mir passiert ist. Vor allem Mädchen empfinden Scham und Mitleid. Die finden mich total interessant, sind neugierig.

Vanessa Münstermann wird am Auge behandelt

Vanessa Münstermann hat ein Auge verloren

Jüngere sehen die Narben nicht, denen fällt eher das Auge auf. Ein Mädchen sagte, das finde ich voll eklig. Und ich frage, wie soll ich das denn machen? Sie sagte, mach doch ein pinkes Auge. Die Kinder urteilen nicht, und das ist etwas, was wir alle lernen müssten - gerade die Opfer.

WDR: Inwiefern?

Münstermann: Sie gehen davon aus, dass sie sowieso nicht von der Gesellschaft akzeptiert werden, verurteilen sich selber und sind in ihrer Opferrolle gefangen. Hier versuche ich, mit meinem Verein zu helfen.

WDR: Wann ist der Zeitpunkt, aus einer Beziehung auszubrechen, wenn der Partner gewalttätig wird?

Münstermann: Das Problem ist, man merkt es immer erst, wenn es zu spät ist. Wenn die heulend vor einem stehen und sagen: Es tut mir doch so leid, ich werde mich ändern. Aber das versteht man nicht.

Vanessa Münstermann hält ihr Buch vor das Gesicht "Ich will mit nicht verstecken"

Gefühle und Gedanken in Buchform

Man läuft lachend in eine Kreissäge. Jemand, der nicht bereit ist zu gehen, dem kann man nicht helfen. Ich kann nicht helfen, wenn sie nicht innen drinnen den Entschluss gefasst hat zu gehen.

WDR: Denken die Frauen, sie haben Schuld?

Münstermann: Ja, ganz oft. Auch ich denke oft noch, ich bin Schuld, dass das so ausgeartet ist. Ich habe mich furchtbar geschämt. Aber davon muss man sich lösen. Das ist der schwierigste Schritt. Ich kann nur jedem raten, macht es anders als ich: redet darüber!

Das Interview führte Susanne Schnabel.

Stand: 25.11.2019, 17:18

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