Tag gegen Gewalt an Frauen: Schläge gegen Mütter treffen die Kinder

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Tag gegen Gewalt an Frauen: Schläge gegen Mütter treffen die Kinder

Von Susanne Schnabel

Wenn Kinder Zeuge werden, wie ihrer Mutter psychisch oder physisch Gewalt angetan wird, hat das Auswirkungen auf ihre seelische Entwicklung. Nicht nur die Mütter, auch die Kinder brauchen Hilfe.

Das Mädchen, wir nennen sie Mia, trommelt so fest mit ihren Fäusten vor die Wand, bis Blut spritzt. Sie schreit ihre Betreuerin an: "Halten Sie die Fresse!". Die 18-Jährige wohnt seit einem Jahr in einer stationären Jugend-Wohngruppe in einem kleinen Dorf in NRW. Ihre Arme sind übersät von Narben - Verletzungen, die sie sich selbst zufügt. Im Alter von zehn Jahren musste Mia mitanschauen, wie ihr Vater ihre Mutter bis zur Bewusstlosigkeit würgte.

Tag gegen Gewalt an Frauen

WDR Studios NRW 25.11.2021 04:17 Min. Verfügbar bis 02.12.2021 WDR Online


Mias Betreuerin erzählt uns diese Geschichte. Sie möchte anonym bleiben zum Schutz der Jugendlichen, die in ihrer Obhut sind. Niemand soll die Kinder finden – es bestehe in manchen Fällen Lebensgefahr, weil Väter Morddrohungen ausgesprochen haben. Mia selbst wurde nie geschlagen, aber sie war Zeugin, wie der Mutter jahrelang brutale Gewalt angetan wurde.

Gewalt gegen Frauen - Zahlen und Fakten

Jede dritte Frau in Deutschland ist mindestens einmal in ihrem Leben von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. Etwa jede vierte Frau wird mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner. Betroffen sind Frauen aller sozialen Schichten und jeden Alters. Jeden dritten Tag stirbt eine Frau in Deutschland, weil sie von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht wird.

Aktuelle Zahlen aus NRW

In der Polizeilichen Kriminalstatistik NRWs für das Jahr 2020 wurden insgesamt 32.705 Opfer (Erwachsene, Kinder und Jugendliche) vollendeter und versuchter Delikte der häuslichen Gewalt erfasst. Hiervon waren 22.905 weibliche Opfer (70 Prozent) und 9.800 männliche Opfer (30 Prozent). Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Anzahl der Opfer um 7,9 Prozent (2019: 30.300 Opfer).

"Das Kind wird im Kern erschüttert" Hannah Manchen, Kinderschutzbund Münster
Hannah Manchen

Hannah Manchen berät Kinder und Erwachsene in Münster

"Kinder sind immer mitbetroffen", sagt Hannah Manchen von der Beratungsstelle des Kinderschutzbundes Münster. Um das zu verstehen, brauche man nur die Perspektive des Kindes einzunehmen, so Manchen: "Das sind meine Eltern, ich bin abhängig, bekomme von ihnen Essen, je nach Alter werde ich noch gebadet oder gewickelt. Das sind die Menschen, denen ich vertraue. Das Kind wird im Kern erschüttert, wenn es Zeuge von Gewalt gegen die Mutter wird."

Einige Kinder, so berichtet Manchen, gehen dazwischen, um die Mutter zu schützen, andere geben sich selbst die Schuld. "Was auch daran liegt, dass Kinder im Streit instrumentalisiert werden. Wenn der Vater zum Beispiel sagt, Du bist eine schlechte Mutter", erklärt Manchen.

Mögliche Folgen: Schlafstörungen, Angst, Selbstmordgedanken

Ein kleines Mädchen sitzt weinend auf dem Fußboden in seinem Zimmer

Urvertrauen kann verloren gehen, wenn Kinder Zeuge werden von Gewalt gegen die Mutter

Es ist sei nicht immer leicht, die Situation von außen zu erkennen, "die Symptome sind unspezifisch", so die Expertin. Manche Kinder verhalten sich unauffällig, andere werden ängstlich, ziehen sich zurück und es gibt Kindern, die entwickeln Symptome wie bei ADHS, sind unruhig und unkonzentriert.

Solche Erlebnisse können kurzfristig zu Schlafstörungen, Schulschwierigkeiten und Entwicklungsverzögerungen führen. Langfristig können zusätzlich folgende Symptome auftreten: selbstverletzendes Verhalten, Depression, Ängstlichkeit, suizidale Krisen, Essstörungen oder Sucht. Zudem zeigen Studien, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass Kinder das Verhalten ihrer Eltern als Erwachsene übernehmen.

Anlaufstelle auch für Erwachsene

Symbolfoto zu häuslicher Gewalt: Eine Frau hält einen Zettel gegen die Fensterscheibe mit der Aufschrift 'Hilfe'

Wer Hilfe sucht beweist Stärke

"Wir müssen diese Gewalt unterbrechen. Alle sind gefordert, aufmerksam zu sein: ob Großeltern, Erziehende oder Babysitter", sagt Manchen und ergänzt, "Kinder können sich an uns wenden, telefonisch oder persönlich. Wir gehen auch an Schulen, wenn es den Kindern dort leichter fällt, zu sprechen." Der Kinderschutzbund hilft zudem betroffenen Eltern und Fachkräften mit Rat, Tat und einem Netzwerk aus Polizei, Jugendamt und Therapeuten.

"Ich habe großen Respekt davor, wenn Väter sich melden, die überfordert sind, die sich ändern möchten und sich Hilfe suchen. Das ist ein Zeichen von Stärke und Verantwortung." Hannah Manchen, Kinderschutzbund Münster

Gemeinsam wird eine Lösung gefunden, sagt Hannah Manchen. Manchmal ist die Lösung, dass das Kind die Familie verlässt, wie bei Mia, die nun therapeutische Hilfe bekommt und in einem friedlichen Umfeld lebt.

Stand: 25.11.2021, 11:48

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