Bielefelder Synagoge: "Auch bei uns fehlte Polizei vor der Tür"

Die neue Synagoge "Beit Tikwa" ist durch Umbau aus der ehemaligen evangelischen Paul-Gerhardt-Kirche entstanden

Bielefelder Synagoge: "Auch bei uns fehlte Polizei vor der Tür"

  • Keine Polizei an Synagoge in Halle
  • Polizei steht nach Anschlag in der Kritik
  • Auch in Bielefeld fehlten Beamte

Zwei Tote, zwei Verletzte und ein Tatverdächtiger, der offenbar gezielt Juden in der Synagoge in Halle (Saale) umbringen wollte. Nach dem Anschlag am Mittwochmittag (09.10.2019) gibt es Kritik an der fehlenden Polizeipräsenz.

Auch in Bielefeld waren an Jom Kippur - dem höchsten jüdischen Feiertag - keine Beamten vor dem Gebäude, wie Irith Michelsohn, Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld, dem WDR am Donnerstag (10.10.2019) sagte.

WDR: Wie sprechen Sie in der jüdischen Gemeinde über diesen Anschlag?

Irith Michelsohn: Wir haben gestern Abend beim Schlussgebet von Jom Kippur unsere Gemeindemitglieder über das informiert, was wir wussten. Die Menschen waren verunsichert, dass auf einmal am Eingang der Synagoge Polizeibeamte in Uniform standen.

Es war schon ein großes Entsetzen, aber auch große Trauer, dass zwei Menschen ihr Leben verloren haben, die wir dann auch gleich in unser Gebet eingeschlossen haben.

WDR: Es gab in Halle Kritik an mangelndem Schutz der Synagoge. Wie sah das in Bielefeld aus?

Michelsohn: Ich habe mich explizit heute Morgen auch nochmal erkundigt: Auch bei uns stand gestern Morgen keine Polizei vor der Tür. Auch bei uns wäre der Täter bis zur Tür gekommen.

Unsere Tür ist auch gut gesichert - dank des Innenministeriums des Landes NRW, die die Sicherungsmaßnahmen durchgeführt haben. Aber es war bis gestern Abend nicht durchgängig Polizeischutz an der Synagoge in Bielefeld.

Wir haben zwar einen Sicherheitsmann, einen ausgebildeten, nicht bewaffneten, der auch unsere Synagoge mit schützt. Der aber als Einzelmensch im Notfall auch nichts machen könnte. Der dann vielleicht sogar sein Leben verloren hätte.

WDR: Wie sicher oder unsicher fühlen Sie sich?

Michelsohn: Ich fühle mich trotzdem noch verhältsnismäßig sicher in Bielefeld. Ich bin auch froh, dass gestern Abend die Polizei gleich ihr Sicherheitsangebot hochgefahren hat. Trotzdem bleibt eine gewisse Unsicherheit - und die unterscheidet sich natürlich von Mensch zu Mensch.

WDR: Was muss man dem Antisemitismus entgegensetzen?

Michelsohn: Zum einen immer weitere Aufklärung: Dass jeder Bürger weiß, was wir Juden sind. Wir sind nichts besonderes, wir sind Menschen genauso wie jeder andere, nur haben wir eben den jüdischen Glauben.

Und zum anderen eine Unterrichtung: in Kindergärten, Schulen, Verbänden und überall. Man kann nur mit Worten, Diskussionen und Veröffentlichungen entgegenwirken. Wir müssen in unserer Gesellschaft als friedfertige Bürger enger zusammenrücken und noch vehementer die Stirn gegen jedes rechte Gedankengut in Szene setzen.

Das Interview ist eine gekürzte Fassung des Gesprächs, das Johannes Simon für WDR2 geführt hat.

Stand: 10.10.2019, 11:50

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