Mehr Geld für Kinder: Hilfe oder "Nebelkerzen"?

ARCHIV - ILLUSTRATION - Kinder stehen am 18.09.2015 im Rahmen eines Medientermins in einem Kindergarten in Hamburg.

Mehr Geld für Kinder: Hilfe oder "Nebelkerzen"?

  • Bundesrat gibt Zustimmung für mehr Familien-Förderung
  • Kritik vom Sozialverband Deutschland
  • "Maßnahmen bekämpfen Kinderarmut nicht"

Der Bundesrat hat am Freitag (12.04.2019) seine Zustimmung zum Gesetz für mehr Familien-Förderung gegeben, das der Bundestag im März beschlossen hatte. Es sieht Verbesserungen beim Kinderzuschlag sowie den Ausbau des Bildungs- und Teilhabepakets vor.

Doch das Gesetz aus dem Hause der Familienministerin stößt auf Kritik. Warum? Fragen an Matthias Veit vom NRW-Landesverband des Sozialverbandes Deutschland.

Bundesrat stimmt mehr Familien-Förderung zu WDR aktuell 12.04.2019 02:06 Min. Verfügbar bis 12.04.2020 WDR

WDR.de: Das sind doch gute Nachrichten, wenn arme Kinder mehr Geld bekommen. Da freut sich ihr Verband doch sicherlich?

Matthias Veit: Das Gesetz ist ein wichtiger Schritt, aber die Bundesregierung muss noch deutlich nachlegen. Kinderarmut ist Elternarmut, und wenn man sich mit Hilfen nur an die Kinder richtet, ändert das nichts an der Armut der Eltern. Wir würden uns da ein ganzheitliches Maßnahmenpaket wünschen.

Starke-Familien-Gesetz: "Trommeln hilft nicht"

WDR 5 Morgenecho - Interview 21.03.2019 06:01 Min. Verfügbar bis 20.03.2020 WDR 5

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WDR.de: Schauen wir mal auf konkrete Gesetzespunkte: 150 statt 100 Euro Schulgeld. Der Kinderzuschlag soll um 15 Euro von 170 auf 185 Euro steigen. Reicht das?

Veit: Das ändert an der Kinderarmut überhaupt nichts. Wenn der Sozialminister Hubertus Heil sagt, Leistung und Talent und nicht die soziale Herkunft sollen über die Zukunft entscheiden, dann wünschen wir uns das auch. Aber das ist Wunschdenken. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Mit fünf Euro mehr kommt man nicht aus Hartz IV oder der Wohnsituation raus. Und auf die Schule, auf die ein Kind gehen könnte, kommt es aufgrund der Wohnsituation möglicherweise gar nicht. Das Thema ist also weitaus größer.

WDR.de: Es gab ja auch schon vorher finanzielle Unterstützungen für bedürftige Familien. Aber nur eine wenige haben sie genutzt. Woran liegt das?

Veit: Das ist die Bürokratie. Wir haben das Antragsprinzip in Deutschland. Und die Anträge muss man erst mal verstehen. Das hat auch nicht nur etwas mit Bildung zu tun.

Matthias Veit

Matthias Veit

Ein Beispiel: Beim Kindergeld haben Sie es mit der Familienkasse zu tun, beim Kinderzuschlag ist der Adressat das Jobcenter. Wenn es um viel Geld geht, macht man sich vielleicht noch die Mühe. Aber bei zehn Euro? Beim Thema Teilhabe müssten ganz andere Beträge fließen.

WDR.de: Was hätte sich der Sozialverband Deutschland denn bei der Gesetzesänderung gewünscht?

Veit: Die Politik muss sich dafür interessieren, ob das Geld ankommt. Sie muss die Zusammenhänge im Bereich Wohnen und Arbeitsmarkt sehen.

Ich kann auch nicht über Kinderarmut sprechen, ohne über die Selektivität unseres Schulsystems oder über Mietpreise zu sprechen. Stattdessen redet man über die Schultüte, die Blockflöte oder zehn Euro für den Fußballverein. Das sind Nebelkerzen. Wir haben viel größerer Probleme.

Das Interview führte Katja Goebel.

Stand: 12.04.2019, 14:01

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