Welt-Roma-Tag: "Wir sind zuerst Deutsche"

Romani Rose

Welt-Roma-Tag: "Wir sind zuerst Deutsche"

Gegen die Diskriminierung von Schwarzen gab es 2020 viele Proteste. Dass auch Sinti und Roma häufig diskriminiert werden, wird seltener thematisiert. Manche trauen sich nicht, ihre Identität preiszugeben.

Am 8. April ist Welt-Roma-Tag. Eine Minderheit, die nur selten sichtbar ist. Romani Rose ist Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma.

WDR: Der Begriff Antisemitismus ist den meisten Bürgerinnen und Bürgern in diesem Land geläufig. Bei Antiziganismus bin ich mir nicht so sicher. Wie sehen Sie das?

Romani Rose: Ja, der Begriff ist in der Gesellschaft nicht so verankert, obwohl wir genauso wie jüdische Menschen in den europäischen Gesellschaften immer die Sündenböcke waren: Wir waren für alles verantwortlich, von der Pest bis hin zu Katastrophen. Und mit dem Begriff 'Antiziganismus' wollen wir auf diese Tradition hinweisen und sagen, dass sich diese Form von Stigmatisierung bis heute hält. Auch in Zeiten der Pandemie, das erleben wir in Osteuropa.

Vorurteile - "Sinti und Roma zeigen kulturelle Identität nicht"

WDR 5 Morgenecho - Interview 08.04.2021 06:08 Min. Verfügbar bis 07.04.2022 WDR 5


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WDR: Da war die WDR-Sendung "Die letzte Instanz" wahrscheinlich ein Rückschlag, oder?

Rose: Sie war ein Beispiel dafür, dass man über die Köpfe von Minderheiten hinweg in selbstherrlicher Form zu diskutieren pflegt, wie sich die Minderheit gefälligst zu bezeichnen hat.

WDR: Es leben etwa 70.000 Sinti und Roma in Deutschland - oder sind es mehr?

Rose: Schätzungen sagen, es sind 60.000 bis 70.000. Aber die Zahl derer, die mit einer anderen Staatsbürgerschaft hier leben, die aber mit ihrer kulturellen Identität nicht hervortreten, dürfte größer sein. Viele haben Angst, den Klischees und den Vorurteilen zum Opfer zu fallen und dadurch gesellschaftliche Ausgrenzung zu erfahren.

WDR: Wie geht es diesen Menschen?

Rose: Diese Leute sind weniger bereit, als Angehörige der Minderheit hervorzutreten. Und wissen Sie, was uns wichtig ist? In erster Linie zählt die nationale Identität: Wir sind zuerst Deutsche. Und die kulturelle Identität ist kein Gegensatz zur nationalen Identität. Wir sind von diesem Land, von dieser Kultur geprägt, genauso wie wir in umgekehrter Weise auch Einfluss genommen haben auf die europäische Kultur.

Nehmen Sie zum Beispiel die Klassik von Beethoven, Liszt, Händel und so weiter: Die wurde sehr von den ungarischen Roma in ihrem Stil beeinflusst. Das sind Dinge, die in der Gesellschaft immer noch zu wenig bekannt sind.

WDR: Womit Sie auch massiv zu kämpfen haben, ist die Verknüpfung von Roma und Sinti mit bestimmten Zuschreibungen wie Kriminalität, Armut et cetera. Wie kann man das ändern?

Rose: Man muss zunächst deutlich machen, gerade gegenüber den Medien, dass zwischen der kulturellen Identität und der nationalen Identität unterschieden werden muss: Wer in der Berichterstattung bei Vorwürfen gegenüber dem Einzelnen auf die Abstammung verweist, der hat aus der Geschichte nichts gelernt.

Das Interview führte Andrea Oster.

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Stand: 08.04.2021, 06:00

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