Die Kölner Silvesternacht 2015: eine Zäsur

Situation am Kölner Hauptbahnhof Silvester 2015

Die Kölner Silvesternacht 2015: eine Zäsur

Von Nina Giaramita

In der Silvesternacht 2015 kam es am Kölner Hauptbahnhof zu massenhaften sexuellen Übergriffen. Die Vorkommnisse schlugen hohen Wellen - und änderten mediale Berichterstattung und Asylgesetzgebung nachhaltig.

Zum fünften Mal jähren sich 2020 die Ereignisse der Kölner Silvesternacht: Im Hauptbahnhof und auf dem Bahnhofsvorplatz war es in der Nacht des 31. Dezember 2015 innerhalb weniger Stunden zu einer Vielzahl von Straftaten und sexuellen Übergriffen gekommen. Beteiligt waren zahlreiche junge Männer aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum.

Danach befand sich Deutschland wochenlang in einer Art Schockstarre. Die einhellige Meinung damals: Derartige Vorkommnisse sollten harte Konsequenzen nach sich ziehen. Tatsächlich veränderte sich in den Tagen nach der Silvesternacht vor allem die Tonlage in den Medien. "Die Berichterstattung über Flüchtlinge ist danach deutlich gekippt", sagt Sozialpsychologin Beate Küpper von der Hochschule Niederrhein.

Fünf Jahre "Kölner Silvesternacht": "Viel gelernt"

WDR 5 Morgenecho - Interview 31.12.2020 06:18 Min. Verfügbar bis 30.12.2021 WDR 5


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Eine Vorlage für die AfD

"Davor lag der Fokus der Berichterstattung oft auch auf Familien mit Kindern", sagt Küpper. "In den Medien wurde ein eher positives Bild vermittelt. Es war eine Art mediales Sommermärchen."

"Nach Köln ging es aber nur noch um den jungen sexuell übergriffigen Mann", so Küpper. "Die Berichterstattung bekam eine negative Schlagseite." Der Rechtspopulismusexpertin zufolge profitierte vor allem die AfD von dieser Diskussion.

Die aufgeheizte mediale und politische Debatte habe der rechten Partei "absolut den Boden bereitet". In zahlreichen Beiträgen sei berichtet worden, dass die Stimmung in der Bevölkerung gegenüber Flüchtlingen gekippt sei, so Küpper. Dabei zeigten Studien, dass das in dieser Eindeutigkeit gar nicht der Fall gewesen sei. Küpper führt unter anderem die sogenannte Mitte-Studie an. In dieser stimmten noch 2018/19 75 Prozent der Befragten - mit Einschränkungen - der Aussage zu, dass sie die Aufnahme von Flüchtlingen befürworteten.

"Fehlentwicklung" im Journalismus

Gegenüber Journalisten wurde verstärkt nach der Silvesternacht der Vorwurf erhoben, sie würden aus falsch verstandener Political Correctness die Herkunft von Tätern verschweigen und damit ihre Informationspflicht verletzen.

Als Konsequenz aus der Debatte änderte der Presserat 2016 seine Empfehlung zur Herkunftsnennung. Die Herkunft eines Tatverdächtigen solle nun bei "begründetem öffentlichen Interesse" genannt werden - vorher bei "begründbarem Sachbezug".

Die Folgen für die Berichterstattung sieht Journalismusforscher Thomas Hestermann von der Hamburger Hochschule Macromedia kritisch. Er spricht von einer "Fehlentwicklung". Hestermann hat untersucht, wie häufig in journalistischen Beiträgen die Nationalität eines Verdächtigen oder Straftäters genannt wird.

2014, vor den Kölner Ereignissen, war das in 4,8 Prozent der untersuchten Fernsehbeiträge der Fall, 2017 dagegen schon bei 17,9 Prozent. 2019 verwies fast jeder dritte Fernsehbeitrag auf die Herkunft eines Tatverdächtigen. Bei Zeitungsartikeln waren es 44,1 Prozent.

Deutscher Hintergrund wird selten genannt

Wenn die Herkunft von Tatverdächtigen genannt werde, dann sei dies fast ausschließlich bei ausländischen Verdächtigen der Fall, so Hestermanns Bilanz. Der deutsche Hintergrund eines Täters werde weiterhin so gut wie nie erwähnt. Der Journalismus habe sich mit dieser Entwicklung keinesfalls verbessert, meint Hestermann.

Köln als "Beschleuniger"

Die veränderte Debatte schlug sich schließlich auch in Gesetzesänderungen nieder. "Die Asylgesetzgebung wurde eindeutig restriktiver", sagt Migrationsforscher Thomas Faist. Die Kölner Ereignisse seien für diese Entwicklung aber nur der "Beschleuniger" gewesen. Eine strengere Gesetzgebung sowie Maßnahmen wie das EU-Türkei-Abkommen seien ohnehin schon auf dem Weg gewesen.

Das Ergebnis: "Die Menschen kommen inzwischen in sehr viel geringerem Maße hierher." Tatsächlich ist die Zahl der Asylanträge stark gesunken. In NRW stellten 2016 rund 200.000 Menschen einen Antrag auf Asyl. In diesem Jahr waren es bis Ende November rund 20.000.

Stand: 31.12.2020, 17:10

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