70 Jahre Zentralrat der Juden: Jüdische Menschen in NRW erzählen

70 Jahre Zentralrat der Juden: Zwei Generationen erzählen Aktuelle Stunde 15.09.2020 UT Verfügbar bis 22.09.2020 WDR Von Ann-Kathrin Stracke

70 Jahre Zentralrat der Juden: Jüdische Menschen in NRW erzählen

Vor 70 Jahren wurde der Zentralrat der Juden in Deutschland gegründet. Heute ist der Festakt mit Bundeskanzlerin Merkel. Hier erzählen jüdische Menschen aus NRW, wie sie auf diesen Tag schauen.

Der Zentralrat der Juden wurde 1950 gegründet worden, um das jüdische Leben in Deutschland zu regeln, Gemeinden miteinander zu vernetzen und Schutz zu gewähren. Doch das wird immer schwieriger.

Merkel spricht beim Festakt "70 Jahre Zentralrat der Juden"

WDR Studios NRW 15.09.2020 01:02 Min. Verfügbar bis 22.09.2020 WDR Online

"Auch Rabbinerinnen fördern"

Susan Borofsky

Vorsängerin und Musical-Sängerin Susan Borofsky

Bisher habe der Zentralrat eher konservativen Einstellungen vertreten, sagt Susan Borofsky, 65. Die Musical-Sängerin aus New York hält Gottesdienste in Duisburg und Düsseldorf, in denen Frauen und Männer gleichberechtigt sind:

"Lange Zeit hat der Zentralrat vor allem orthodoxe Rabbiner gefördert. In deren Gottesdiensten haben Frauen wenig zu sagen. Inzwischen ist der Zentralrat offener und moderner geworden und fördert auch Rabbinerinnen. Das ist so wichtig. Es ist so wichtig, dass auch die Frauen angesprochen werden. Und dass viele Menschen lernen vorzubeten und vorzusingen – Männer und Frauen. Nur so können wir das Judentum an die nächste Generation weitergeben."

Dennis Kavkin (24), studiert Wirtschaftswissenschaften in Dortmund und engagiert sich dort seit 2016 in der Jugendarbeit der jüdischen Gemeinde, also auch in der Studierendenarbeit. "Wenn man mit der Jugendarbeit beschäftigt ist, weiß man auch, was die alles stemmen. Was sie in den letzten Jahren möglich gemacht haben, Bildungsreisen, Bildungsangebote, dass man auch politische Interessen vertritt, ist beeindruckend. Ich bin froh, dass es den Zentralrat gibt und zumindest bin ich beeindruckt von der Masse der Arbeit und die Herausforderungen, die die scheinbar problemlos bewältigen."  

"Deutschland müsste doch gelernt haben"

Balla Mansare

Übersetzer und Dolmetscher Balla Mansare

Balla Mansare, 49, dolmetscht und übersetzt. Er ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Bochum und kritisiert, dass sich Jüdinnen und Juden in Deutschland immer noch nicht sicher fühlen können:

"70 Jahre Zentralrat – das ist keine lange Zeit. Manchmal denke ich, wir leben immer noch in den 50ern. Ich kann als jüdischer Mann immer noch nicht durch die Stadt laufen und Kippa tragen – ohne Gefahr zu riskieren. Unglaublich, dass das so ist – ausgerechnet in Deutschland. Das Land müsste doch gelernt haben. Der Zentralrat vertritt unsere Interessen und weist auf Missstände hin. Das finde ich wichtig."

"Glaube nicht mehr an Leben ohne Sicherheitsmaßnahmen"

Abraham Lehrer ist Vorstandsmitglied der Synagogengemeinde Köln und Vize-Präsident des Zentralrates der Juden. Der 66-Jährige erzählt, dass vor allem junge Familien darüber nachdenken, ob ihre Zukunft noch in Deutschland liegt – und dass er als junger Mann auf etwas ganz anderes gehofft hatte:

Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrates der Juden und Vorstandsmitglied der Synagogen-Gemeinde Köln

Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden

„Ich gehörte zu den jungen Menschen hier in Köln, die Sicherheitsmaßnahmen eingeführt haben, das heißt, wir haben also noch selber an der Tür gestanden und die Kontrollen gemacht. Damals habe ich gedacht, na ja, bis du mal verheiratet bist, ist das vorbei. Das war leider nicht so. Dann haben wir geheiratet, in den 1970ern. Und dann haben wir gesagt, also bis die Kinder kommen, dann ist es vorbei. Das war in den 1980ern. Und ehrlich gesagt, ich glaube nicht mehr daran, dass ich erleben werde, dass diese Sicherheitsmaßnahmen wegfallen werden. Wir werden wohl noch lange lange damit leben müssen.“

In 20 Jahren noch jüdische Gemeinden in NRW?

Chajm Guski aus Gelsenkirchen, 42, betreibt die Seite talmud.de, bloggt und podcastet unter anti & semitisch. Für ihn ist der Zentralrat ein wichtiges Gremium in der Community, das sich auch um unangenehme Aufgaben kümmert:

Chajm Guski

Blogger und Podcaster Chajm Guski

"Der Zentralrat beschäftigt sich mit den Sachen, die nicht alle sofort packend finden: Finanzierungen, Entwicklungen, Hochschulträgerschaft. Und die Zeitung, die Jüdische Allgemeine. Das ist Verwaltungsarbeit, aber auch viel Vernetzung und das Ermöglichen von Dingen, die es sonst nicht gäbe und nicht geben könnte." Allerdings sei die Zukunft der jüdischen Gemeinden ungewiss: "Die  nächste große Herausforderung ist der Mitgliederschwund. Wenn die Mitgliederzahlen in den Gemeinden weiter so sinken, wird es in vielen Städten in NRW in 20 Jahren keine jüdischen Gemeinden mehr geben."

Jüdisches Leben in Deutschland – Normal oder gefährlich? Planet Wissen 11.03.2020 58:10 Min. UT Verfügbar bis 11.03.2025 WDR

Stand: 15.09.2020, 18:58

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