Fall Reichelt: Wenn Chefs ihre Macht missbrauchen

Fall Reichelt: Wenn Chefs ihre Macht missbrauchen

Von Andreas Poulakos

Der Fall des geschassten Ex-"Bild"-Chefs Julian Reichelt wirft Fragen auf: So gibt es zwar klare Regeln gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, bei subtileren Formen des Machtmissbrauchs greifen sie aber meist nicht.

Wenn sich am Arbeitsplatz eine Romanze anbahnt, dann ist das zunächst einmal Privatsache. Umfragen zufolge ist jeder fünfte Berufstätige schon einmal in einer Beziehung mit einem Kollegen oder einer Kollegin gewesen - fast jeder kennt ein Ehepaar, das sich auf der Arbeit kennen und lieben gelernt hat.

Berufliches Machtgefälle wird ausgenutzt

Kompliziert wird es immer dann, wenn es ein klares berufliches Machtgefälle zwischen den Partnern gibt. Dem nun geschassten Ex-"Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt wird vorgeworfen, sich immer wieder nach demselben Muster jungen Berufseinsteigerinnen in seiner Redaktion genähert zu haben.

So habe er sie für ihre Arbeit gelobt, ihnen verantwortungsvolle Aufgaben anvertraut oder sogar auf Positionen gehoben, für die sie nicht geeignet waren. Diese Förderung sei oft mit einem sexuellen Verhältnis zu den Frauen verbunden gewesen.

Soziologin: "Der Machtmissbrauch findet auf subtile Art statt"

Auch wenn kein direkter Zwang ausgeübt wurde, sei so ein Verhalten extrem problematisch, sagt die Soziologin Monika Schröttle von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. "Es geht dabei nicht um sexuelle Belästigung, wie sie der Gesetzgeber definiert. Der Machtmissbrauch findet dabei auf eine ganz subtile Art statt."

Keine "Meldepflicht" für intime Beziehungen

Auf solche Fälle sind die meisten deutschen Unternehmen nicht vorbereitet: Viele haben in den vergangenen Jahren zwar "Compliance"-Regeln eingeführt, also einen firmeninternen Verhaltenskodex. Eine "Meldepflicht" für intime Beziehungen unter Kollegen, wie sie in den USA teilweise verlangt wird, sei in Deutschland aber nicht zulässig, sagt die Bocholter Unternehmensberaterin Nicole Biermann-Wehmeyer. "Viele Unternehmen integrieren aber in ihre Compliance Management Systeme, dass Liebesbeziehungen keinen Einfluss auf geschäftliche Abläufe und Entscheidungen haben dürfen."

So eine ausdrückliche Vorschrift gibt es bei Axel Springer nicht. In den Compliance-Regeln heißt es nur sehr allgemein, dass "persönliche und private Interessen von denen des Unternehmens zu trennen" sind.

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Firmenleitungen müssen in die Offensive gehen

Besser wäre es, wenn Unternehmen offensiver mit dem Thema umgingen, meint Soziologin Monika Schröttle. "Es wäre wichtig, dass Firmenleitungen geschult sind und ganz deutlich machen, dass sie bei Fällen von Machtmissbrauch auch einschreiten werden." Denn bisher seien die Betroffenen meist auf sich allein gestellt.

Es braucht viel Mut, sich zu wehren

Wenn sich Frauen gegen einen Vorgesetzten zur Wehr setzen wollen, der auf subtile Weise Grenzen überschreitet, müssten sie viel Mut haben, meint Schröttle. "Es ist nicht einfach, solche Vorwürfe vor der Firmenleitung zu erheben." Auch weil es oft schwer sei, die Grenzverletzungen zu belegen.

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Schröttle empfiehlt Betroffenen daher, sich zunächst an eine externe Beratungsstelle zu wenden. Ein guter erster Ansprechpartner sei zum Beispiel die Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Angst vor ihrer eigenen Courage sollten die Betroffenen nicht haben, meint Schröttle. "In den vergangenen Jahren hat sich sehr viel getan. Frauen lassen nicht mehr alles mit sich machen."

Stand: 19.10.2021, 19:39

Aktuelle TV-Sendungen