Das Selfie mit der Kanzlerin - ein Foto geht um die Welt

Das Selfie mit der Kanzlerin - ein Foto geht um die Welt

Von Constanze Thönessen

Anas Modamani macht ein Selfie, das sein Leben verändert. Dass es die deutsche Bundeskanzlerin ist, mit der er sich fotografiert, erfährt er später. Doch da geht sein Bild mit Angela Merkel längst um die Welt.

Anas Modamani macht ein Selfie, das sein Leben verändert. Im Spätsommer 2015 flüchtet er vor dem Krieg aus Syrien nach Deutschland. Vor einer Erstaufnahmestelle zückt er sein Smartphone – macht ein Selfie mit einer ihm unbekannten Frau, von der er glaubt, dass sie berühmt sein muss.

Dass es die deutsche Bundeskanzlerin ist, erfährt er später. Doch da geht sein Selfie mit der Kanzlerin längst um die Welt. 

Die letzten Meter an Land geschwommen

Im August 2015 flüchtet Anas Modamani aus Damaskus. Er sitzt auf einem völlig überfüllten Boot mit vielen anderen Flüchtlingen auf dem Mittelmeer: Nur hundert Meter trennen ihn vielleicht von seinem neuen Leben in Europa. Dann zerstechen er und 30 andere Flüchtlinge das Schlauchboot.

Die griechische Küstenwache kann sie nun nicht mehr zurückschicken, so wie bei zwei Versuchen zuvor. Das Wasser ist kalt, die Wellen sind hoch, jetzt müssen sie schwimmen: gegen die Strömung. Viele Menschen, darunter Frauen und Kinder, schaffen es nicht. Ertrinken im Mittelmeer.

Andere erreichen die griechische Küste. Anas ist einer von ihnen. "Ich konnte nicht helfen", erinnert sich Anas heute. 

NRW hat 21 Prozent aller Geflüchteten aufgenommen 

Seenotrettung von Bootsflüchtlingen vor der libyschen Küste

Bootsflüchtlinge vor der libyschen Küste

In den vergangenen fünf Jahren sind 2.081.789 Menschen über das Mittelmeer geflüchtet. 19.240 Menschen sind  dabei ertrunken, darunter auch der kleine Alan Kurdi; der zweijährige, syrische Junge. Sein Bild, tot am Strand liegend, schockiert die ganze Welt. 

Wenn die Geflüchteten es nach Europa und nach Deutschland schaffen, werden sie nach dem Königssteiner Schlüssel verteilt, der Größe und Wirtschaftskraft des Bundeslandes berücksichtigt. 2019 nehmen NRW 21,1 Prozent, Bayern 15,6 Prozent der Geflüchteten auf. Sachsen nimmt 5 Prozent, Thüringen 2,6 Prozent auf. Anas "landet" in einem Flüchtlingsheim in Berlin: ohne Geld, ohne Arbeit, ohne Deutschkenntnisse. "Mir war gleich klar, dass ich hier schnell wieder raus muss", sagt er. 

Dann kommt der Besuch der Kanzlerin in der Erstaufnahmestelle. Ihre schwarze Dienstlimousine fährt vor. Anas glaubt an eine berühmte Persönlichkeit, weiß aber nicht, dass es die deutsche Bundeskanzlerin ist. Er macht ein Selfie mit der Frau im türkisfarbenen Blazer, die nett in sein Smartphone lächelt. 

Auf einen Schlag ist Anas nicht mehr nur eine Nummer, einer von 1.032.408 Geflüchteten. Die Welt kennt jetzt sein Selfie – und seinen Namen.  

Selfie mit der Kanzlerin – Rechte nutzen es aus 

Zunächst ist die Resonanz positiv. Durch das Selfie lernt er u.a. eine Frau kennen, die ihm über Facebook eine Familie vermittelt. Damit gehört die Helferin zu der Hälfte der Deutschen,  die sich zwischen 2015 und 2017 für Flüchtlinge engagieren und sich stark machen.  

Doch das Bild hat auch unglaublich starke negative Konsequenzen für ihn: Bis heute nutzen ihm Unbekannte das Selfie für ihre rechte Propaganda, behaupten, Anas Modamani sei der Brüssel-Bomber, später wird er mit dem Attentat am Breitscheidplatz in Verbindung gebracht. 

Deutsch lernen – und zwar schnell 

Anas studiert mittlerweile Wirtschaftskommunikation, hatte Jobs, u.a. in einem Schnellimbiss. Einen Job verliert er in der Corona Pandemie, wie so viele Menschen in Deutschland. Seit drei Monaten arbeitet er als Kassierer in einem Supermarkt. Er gehört zu den wenigen Geflüchteten, die es in kurzer Zeit schaffen, Arbeit zu finden.

Statistisch gesehen hat nach zwei Jahren knapp jeder fünfte, nach fünf Jahren bereits fast jeder zweite Geflüchtete einen Job. Die Beschäftigungsquote von allen Geflüchteten beträgt knapp 36 Prozent. Der Hauptgrund für die relativ geringe Quote ist, dass Flüchtlinge für den Arbeitsmarkt Deutsch auf dem Niveau B2 sprechen müssen. 

Anas hat schnell Deutsch gelernt. "Das war mir ganz wichtig", sagt er. Seine Flucht ist eine Erfolgsgeschichte. Die Frau auf dem Selfie, die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, hat er nicht wieder getroffen. 

Wir schaffen das (1/6): Kleiner Satz mit großer Wirkung

WDR 5 Morgenecho - Beiträge 24.08.2020 03:04 Min. Verfügbar bis 21.08.2021 WDR 5 Von Alex Krämer


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Stand: 31.08.2020, 09:00

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