Selenskyj im Bundestag: "Zerstören Sie diese Mauer!"

Stand: 17.03.2022, 13:03 Uhr

Präsident Selenskyj hat an den Bundestag appelliert: Die "Mauer" zwischen der Ukraine und Deutschland müsse eingerissen werden. Das sind seine Botschaften an Deutschland.

Der einzige Farbtupfer ist die gelb-blaue Ukraine-Flagge links im Bild: Präsident Wolodymyr Selenskyj sitzt im dunkel-oliv-grünen Hemd im braunen Sessel vor einer weißen Wand. Er richtet seinen Blick direkt in die Kamera und spricht in ruhigem Ton, als er sich am Donnerstagmorgen per Videoansprache an die Abgeordneten des Bundestages wendet.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht per Live-Schaltung aus Kiew in der 20. Sitzung des Deutschen Bundestages im Reichstagsgebäude

Sofort stellt der ukrainische Präsident die Verbindung zur aktuellen Lage her: "Ich spreche Sie an, nach drei Wochen des allumfänglichen Krieges, den Russland gegen die Ukraine führt - nach acht Jahren Krieg im Osten meines Landes, im Donbass."

Emotionale Schilderung mit Kritik gekoppelt

Seine Worte lassen bei den Zuhörern Bilder im Kopf entstehen: Russland bombardiere Wohnhäuser, Krankenhäuser, Schulen, Kirchen. "Die Besatzer haben schon 108 Kinder getötet." Tausende Ukrainer seien bisher umgekommen. Unmittelbar an diese emotionale Schilderung fügt Selenskyj Kritik an.

"Ich spreche Sie an, nach zahlreichen Treffen und Verhandlungen", sagt er zu den Abgeordneten. Die daraufhin getroffenen Sanktionen gegen Russland seien offenbar nicht genug, um den Krieg zu stoppen. "Manche Schritte waren allzu spät." Nach wie vor hätten deutsche Konzerne viele wirtschaftliche Kontakte zu Russland, die dort zur Finanzierung des Krieges genutzt würden.

An die deutsche Erfahrung der Mauer angeknüpft

Dieses Verhalten Deutschlands erklärt Selenskyj mit einem Bild, das an die historische Erfahrung der deutschen Teilung anknüpft: "Sie sind durch eine Art Mauer durch uns getrennt. Es ist keine Berliner Mauer, es ist eine Mauer inmitten Europas zwischen Freiheit und Unfreiheit." Und diese Mauer werde mit jeder nicht getroffenen Entscheidung für die Unterstützung der Ukraine größer.

Es ist nicht die einzige Kritik, die Selenskyj bei seiner Rede vor dem Bundestag übt. So kritisiert er das deutsche Verhalten bei der Gas-Pipeline Nord Stream 2, wirft Deutschland vor wegzusehen und erinnert an die Berliner Luftbrücke. Die Ukraine könne keine Luftbrücke aufbauen: "Vom Himmel kommen nur russische Bomben."

Anschließend schlägt der ukrainische Präsident den Bogen zum Zweiten Weltkrieg und zum Holocaust: Jedes Jahr werde von den Politikern die Formel "Nie wieder!" verwendet. "Und jetzt sehen wir, dass diese Worte einfach nichts wert sind!" In Europa werde jetzt ein Volk vernichtet. Dabei verteidigten gerade die ukrainischen Soldaten die europäischen Werte - "ohne Ihre tatkräftige Unterstützung".

Dank und Aufruf zum Schluss

Am Ende seiner Rede schlägt Selenskyj versöhnlichere Töne an. "Ich bin denen dankbar, die über Mauern schauen können." Es folgt der Dank an jene Journalisten, die wahrheitsgemäß berichteten, an jene Firmen, die bereits die Moral über den Profit gestellt hätten und an jene Politiker, die sich für Sanktionen ausgesprochen hätten.

Nach diesem Lob kommt Selenskyj erneut auf sein Ziel zu sprechen: "Es ist schwierig, das ohne Ihre Hilfe zu überstehen." Er fordert: "Lieber Herr Bundeskanzler Scholz, zerstören Sie diese Mauer! Geben Sie Deutschland die Führungsrolle, die Deutschland verdient. Damit ihre Nachfahren stolz sind auf Sie."

Applaus - und dann geht es weiter in der Tagesordnung

Nach dem Ende der Rede applaudieren die Abgeordneten des Bundestages stehend. Ohne weitere Aussprache - also auch ohne Antwort auf die Forderungen des Präsidenten - macht der Bundestag weiter mit der Debatte um die Impfpflicht.

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