Tragödie im Mittelmeer: Nur wenige Seenotretter unterwegs

Tragödie im Mittelmeer: Nur wenige Seenotretter unterwegs

Von Dominik Reinle

  • Wieder eine Tragödie im Mittelmeer
  • Über 100 Migranten werden nach Bootsunglück vermisst
  • Flüchtlinge machen sich trotz fehlender Rettungsschiffe auf den Weg

Es könnte das schwerste Schiffsunglück auf dem Mittelmeer seit Jahresbeginn sein: Die libysche Küstenwache hat am Donnerstag (25.07.2019) mitgeteilt, dass 115 Migranten vermisst werden. Hilfsorganisationen gehen von bis zu 150 Toten aus.

Bis zu diesem Unglück kamen in diesem Jahr nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) bereits 669 Menschen beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, ums Leben. Die Internationale Organisation ‎für Migration (IOM) gibt nach eigenen Erhebungen die Zahl von 686 Toten an. Der leichte Unterschied bei den Zahlen ist dadurch zu erklären, dass teils abweichende Schätzungen von Überlebenden vorliegen, wie viele Menschen sich auf einem untergegangenen Boot befanden.

"Nur ein paar Schiffe unterwegs"

Ein Grund für die vielen Toten: Es sind nur wenige Rettungsschiffe unterwegs. "Das ist fast nichts angesichts der Größe des Meeres", sagt Chris Melzer, Sprecher des UNHCR, am Freitag (26.07.2019) dem WDR.

Trotz der Gefahr machen sich immer wieder Flüchtlinge von Libyen aus auf den Weg nach Europa. Jetzt im Sommer - wenn das Wetter besser ist - sind es etwas mehr als im Winter.

Viele Gründe zu fliehen

Als Fluchtursachen nennt Melzer "einen Mix von Gründen": Die meisten Flüchtlinge kämen aus Bürgerkriegsländern, vor allem aus Afghanistan und Syrien. "Da ist es vermutlich schlicht und einfach Verzweiflung."

Andere Flüchtlinge kämen aus Ländern wie Irak und Kongo, wo Menschenrechtsverletzungen und Unruhen zum Alltag gehören. Wieder andere fielen auf die Versprechungen von Schleppern herein.

"Seenotrettung kein 'Pull-Faktor'"

Dass Menschen ihre Heimat verlassen, hat nach Ansicht des UNHCR nichts mit der Seenotrettung zu tun. Seenotrettung sei kein "Pull-Faktor" - also kein Anreiz für die gefährliche Überfahrt. Vielmehr sei die Situation in libyschen Internierungslagern derart entsetzlich, dass sich die Menschen trotz aller Gefahren auf den Weg machen. Das UNHCR fordere deshalb, die Seenotrettung wieder aufzunehmen.

UNHCR: "Seenotrettung hat oberste Priorität"

WDR 5 Mittagsecho 18.07.2019 05:18 Min. Verfügbar bis 17.07.2020 WDR 5

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Seenotretter gegen Italiens Pläne

Derweil gab Italiens Abgeordnetenkammer am Donnerstag grünes Licht für einen Gesetzesentwurf: Seenotrettern sollen künftig Strafen von bis zu einer Million Euro drohen, wenn ihre Schiffe unerlaubt in italienische Hoheitsgewässer fahren. Auch sollen Schiffe beschlagnahmt werden können.

Die Reaktion von privaten Hilfsorganisationen ist eindeutig: "Man kann uns mit finanziellen Strafen nicht davon abhalten, Menschen vor dem Ertrinken zu retten", sagte "Sea Eye"-Sprecher Gorden Isler dem WDR. "An das Menschenrecht auf Leben kann man kein Preisschild hängen."

Die Organisation "Sea Watch" sagt: "Vor Gericht gehört, wer Menschen im Mittelmeer ertrinken lässt", so Sprecher Oliver Kulikowski.

Diskussion um staatliche Seenotrettung Westpol 07.07.2019 UT DGS Verfügbar bis 07.07.2020 WDR

Stand: 27.07.2019, 06:36

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