Chance für Todkranke? US-Ärzte verpflanzen erstmals Schweineherz

Chance für Todkranke? US-Ärzte verpflanzen erstmals Schweineherz

Erstmals ist einem Menschen in den USA ein Schweineherz eingesetzt worden. Der schwer kranke 57-Jährige habe das Organ am Freitag bekommen, bisher gehe es es ihm gut, hieß es. Eine neue Hoffnung für Tausende, die auf ein Spenderorgan warten?

In Deutschland warten Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation zufolge derzeit mehr als 9.000 Menschen auf ein Spenderorgan. Wie viele von ihnen ein neues Herz brauchen, ist unklar. Anfang 2021 lag die Zahl bei rund 700. Für die meisten von ihnen gibt es kaum Hoffnung, dass sie rechtzeitig operiert werden können: Die Wartelisten sind lang, Organspender gibt es viel zu wenige. Im Jahr 2021 konnten nur in 856 Fällen Spendern nach dem Tod Organe entnommen werden.

Die Meldung aus Baltimore vom Dienstag, dass US-Ärzte erstmals erfolgreich einem Menschen ein Schweineherz verpflanzt haben, gibt immerhin für die Zukunft Anlass zur Hoffnung. Fragen und Antworten.

Was ist das Besondere an der Operation?

Das Verpflanzen von Organen von tierischen Spendern an Menschen gilt als die Zukunft der Transplantationschirurgie. Schon jetzt leben viele Menschen mit einer Herzklappe, die aus dem Gewebe von Schweinen oder Rindern geformt wurde. Die aktuelle Operation in den USA ist allerdings ein gewaltiger Entwicklungssprung für die so genannte "Xenotransplantations"-Technik (xénos: altgriechisch für "fremd"): Erstmals wurde einem Menschen ein vollständiges Schweineherz implantiert. Die Ärzte von der University of Maryland in Baltimore erklärten am Montag, nach der OP am Freitag habe das Spenderherz seine Arbeit aufgenommen. Dem Patienten gehe es gut.

Ist der Patient außer Gefahr?

Das wird man erst in einigen Wochen oder Monaten sagen können. Risiken gibt es noch viele: Wie bei jeder Organtransplantation besteht die Gefahr, dass das Immunsystem des Patienten das fremde Gewebe abstößt. Deshalb müssen Transplantierte auch bei einem menschlichen Spenderorgan Medikamente einnehmen, die das Immunsystem unterdrücken - oft ein Leben lang. Schließlich können noch unbekannte Probleme auftreten - es handelt sich schließlich um eine medizinische Pionierleistung.

In einer ersten Operation dieser Art erhielt ein Mann, mit einer Herzkrankheit im Endstadium, erfolgreich eine Transplantation eines genetisch veränderten Schweineherzens.

David Bennett (r.)

Für den 57 Jahre alten Patienten David Bennett ist die Operation wohl trotzdem ein Glücksfall. Er hatte keine Chance auf ein menschliches Spenderherz und wäre ohne die Operation bald wohl unweigerlich gestorben. "Ich will leben. Ich weiß, es ist ein Schuss ins Blaue, aber es ist meine letzte Wahl", sagte Bennett.

Welche Probleme sind noch nicht gelöst?

Porträt Udo Boeken

Udo Boeken

Leider gibt es noch viele Probleme und solche Operationen stellen wohl auch auf absehbare Zeit ein hohes Risiko dar. Das erklärte zumindest der Düsseldorfer Transplantationsmediziner Udo Boeken im WDR-Fernsehen: "Man weiß zum Beispiel, dass diese Schweineherzen im Menschen sehr schnell wachsen." Zwar gebe es Medikamente, die solche Vorgänge unterdrücken. Völlig ausschließen könne man diese oder andere Komplikationen nicht. Aber die Technik biete natürlich auch große Chancen: "Ich glaube in fünf Jahren sind wir soweit, dass das schon etliche Male gemacht worden ist." Aber auch auf längere Sicht würden Schweineherzen die "humane" Herztransplantation nicht ersetzen können.

Werden die Organe aus ganz normalen Schweinen entnommen?

Nein, die Tiere müssen für ihren Einsatz als Organspender speziell gezüchtet werden. Ohne genetische Anpassung käme es bei der Übertragung auf den Menschen sofort zu schweren Abstoßungsreaktionen. Im konkreten Fall wurden zehn Modifikationen am Erbgut vorgenommen, sagt Eckhard Wolf vom "Gene Center" der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Unter anderem müssen biochemische Strukturen verändert werden, gegen die ein Mensch Antikörper entwickeln könnte. Außerdem gilt es zu verhindern, dass sich innerhalb der Gefäße beim Kontakt mit menschlichem Blut Gerinnsel bilden. Weitere gentechnische Manipulationen sorgen dafür, dass die Tiere entzündungshemmende Proteine produzieren.

Solche Tiere werden seit einigen Jahren auch von den Münchner Forschern gezüchtet, in einer völlig keimfreien Umgebung: Die Tiere dürfen keine Viren beherbergen, die später Komplikationen mit dem Spenderorgan hervorrufen können.

Wie liefen solche Versuche in der Vergangenheit?

Die Geschichte der Xenotransplantation ist lang und von Fehlschlägen gezeichnet. Schon 1905 versuchten sich französische Mediziner an der Transplantation der Niere eines Kaninchens - der Patient überlebte die Operation nur um zwei Wochen. Vor knapp 40 Jahren machte der Fall von Baby Fae Schlagzeilen. Der Säugling wurde mit einer tödlichen Herzerkrankung geboren und erhielt 1984 in Kalifornien das Herz eines Pavians. Die Ärzte konnten das Kind nur etwa drei Woche am Leben halten.

In der jüngeren Vergangenheit gab es allerdings bei der Forschung große Fortschritte: Bei Tierversuchen mit Affen wurden die Fremdorgane gut angenommen, die Überlebensdauer wurde immer weiter gesteigert.

Warum braucht die Medizin überhaupt Organe von Tieren?

Vor allem in Deutschland gibt es nicht genug Organspender. Tausende warten auf ein Spenderherz oder eine Niere. Das hängt zum einen damit zusammen, dass viele Menschen zögern, einen Organspendeausweis auszufüllen und bei sich zu tragen. Zum anderen kommt eine Organspende auch nur nach dem Hirntod des Spenders in Betracht – und der ist insgesamt ein seltenes Phänomen.

Welche Chancen bietet die neue Technologie?

In klinischen Studien wurden bereits Pankreas-Inselzellen aus Schweinen transplantiert, um Menschen mit Diabetes Typ I zu helfen - mit guten Resultaten für die Volkskrankheit. Perspektivisch könnten in einigen Jahren neben Herzen auch Nieren oder Lungen verpflanzt werden - und damit Tausende Leben gerettet werden.

Eines Tages könnte der Einsatz von speziell gezüchteten Spendertieren sogar besser für die Patienten sein als menschliche Spenderorgane: Denn bei der Auswahl kann man sich auf junge, kräftige und völlig gesunde Tiere beschränken. Bis die Technik völlig ausgereift ist, wird es aber wohl noch viele Jahre dauern.

Stand: 11.01.2022, 18:18

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