Schulen erwarten ukrainische Kinder

Stand: 13.03.2022, 18:28 Uhr

Hunderttausende Kinder hat der Krieg in der Ukraine aus ihrem Schulalltag gerissen. Hier angekommen, sollen sie so schnell wie möglich wieder in den Unterricht gehen. Schulen stehen vor einer neuen Herausforderung.

Von Nina Magoley

Mehr als 135.000 Geflüchtete sind nach Angaben des Bundesinnenministeriums bis Sonntag in Deutschland angekommen - darunter Tausende Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter. NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hatte vergangene Woche gesagt, NRW wolle diesen Kindern so schnell wie möglich "einen Schulbesuch ermöglichen, der ihnen ein Gefühl der Sicherheit zurückgibt und das Ankommen erleichtert".

Für Tausende Schulen im Land bedeutet das, sich vorzubereiten auf eine weitere Herausforderung - nach zwei Jahren Ausnahmesituation durch die Pandemie. Die Bezirksregierungen fragen derzeit ab, welche Schulen wieviel Plätze für ukrainische Kinder anbieten können. Ab Montag geht es vielerorts schon los.

Erfahrung mit Flüchtlingskindern vorhanden

In der Gemeinschaftsgrundschule Am Haarbach in Aachen bereitet man sich auf 15 Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine vor. Erfahrung mit Kindern, die kein Wort Deutsch können - zuletzt aus Syrien - habe man reichlich gesammelt, sagt Schulleiter Kai Völlink: "Ein Konzept dafür haben wir." Zunächst müsse man schauen, wo das ankommende Kind schulisch gerade stehe. "Dann zeigen wir ihm das Schulgebäude, erklären, wie der Schulalltag bei uns aussieht."

Und dann wird es spannend: Das Kind bekommt einen Platz in einer Klasse, und von der Lehrerin oder dem Lehrer ein Tablet, mit dem es erste Worte auf Deutsch lernen kann - zusätzlich zum Deutschunterricht in Kleingruppen und "wenn kein zusätzliches Lehrpersonal zur Verfügung steht".

Die Lehrkraft versuche unterdessen, mit der übrigen Klasse den normalen Unterricht weiterzumachen. "Das ist superschwierig", sagt der Schulleiter, und eigentlich bräuchten die Schulen für solche Fälle personelle Unterstützung. Aber die ist nicht in Sicht - im Gegenteil: Besonders an den Grundschulen fehlt es ohnehin massiv an Lehrkräften.

"Wir müssen die neue Situation also mit den vorhandenen Ressourcen stemmen", sagt Völlink, "eine Riesenherausforderung". Schon lange arbeiteten Lehrkräfte an vielen NRW-Schulen am Limit - ohne Aussicht auf Besserung.

Wie schnell sich ein Kind in der neuen Umgebung einlebt und Deutsch lernt, hänge erfahrungsgemäß sehr von verschiedenen Faktoren ab: "Vom Charakter des Kindes, vom Interesse und Bildungsgrad der Eltern." Oft kämen Flüchtlingskinder nach drei bis fünf Monaten schon ganz gut mit im Schulalltag. Wichtig sei, dass in der geflüchteten Familie irgendwann "eine gewisse Zufriedenheit" einkehre: "Wenn zuhause großes Leid herrscht und die Kinder dauernd in Gedanken woanders sind, fällt ihnen das Ankommen schwer."

Schulpsychologische Beratung

In ihrer "Schul-Mail" vom 8. März 2022 hatte Schulministerin Gebauer das Prozedere für die Aufnahme geflüchteter ukrainischer Kinder beschrieben: Die Zuweisung eines Schulplatzes erfolgt demnach durch das zuständige Schulamt. Dort würden Familien auch eine Beratung "zur angemessenen Beschulung ihrer Kinder" bekommen.

Gebauer kündigte auch an, sich um das "psychische Wohlergehen" der geflüchteten Kinder zu kümmern. Zwar helfe die Aufnahme in den Schulalltag allein schon "hochwirksam", psychischen Langzeitfolgen durch Flucht und Kriegserlebnisse vorzubeugen. Zusätzlich aber könnten Schulen die in jeder Kommune vorhandenen schulpsychologischen Beratungseinrichtungen des Landes nutzen.

Auch hier allerdings befürchtet Schulleiter Völlink Personalknappheit: Diese Stellen seien zwar hochqualifiziert besetzt, aber schon jetzt müsse man dort allein in Aachen für eine Einzelberatung mit bis zu sechs Wochen Wartezeit rechnen.

"Möglichst wenig Bürokratie"

Um die Neuankömmlinge möglichst gut betreuen zu können, wären jetzt auch ehrenamtliche Helfer gefragt - zum Beispiel bei der Hausaufgabenbetreuung oder für den ersten Willkommensrundgang an der Schule. "Wer sich dafür jetzt meldet, wird mit Kusshand genommen", sagt der Aachener Schulleiter. Auch kam bereits der Vorschlag, die Lehrerinnen und Lehrer unter den erwachsenen Geflüchteten bei der Betreuung der Schulkinder zur Hilfe zu nehmen. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) hatte vor einigen Tagen ganze Flüchtlingsklassen in Erwägung gezogen.

Für Schulleiter Völlink eine denkbare Lösung. "Wenn diese Kräfte auch bezahlt werden sollen, müsste das allerdings über das Schulamt laufen", sagt er. Er selber könne nicht einstellen. Damit das irgendwie schnell funktionieren kann, sei jetzt vor allem eins wichtig: "Möglichst wenig Bürokratie."

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