Digitalisierung an Schulen: WDR-Umfragen zeigen tiefen Frust

Junge schaut auf ein Tablet, auf dem eine Karte von NRW zu sehen ist

Digitalisierung an Schulen: WDR-Umfragen zeigen tiefen Frust

Von Till Hafermann

Teil 2/2 - Homeschooling heißt Ausdrucken - Geräte-Wartung passiert oft in der Freizeit

Das Land NRW und die Kommunen haben für die Wartung der technischen Infrastruktur an Schulen eine Art zweistufiges System vereinbart: Den direkten, sogenannten First-Level-Support an der Schule sollen Lehrer übernehmen, die dafür entsprechend vom Unterricht abgestellt werden. Damit sind zum Beispiel die Einrichtung von Schülergeräten gemeint. Die Unterstützung für die komplizierteren Aufgaben, zum Beispiel die Verwaltung von Cloud-Speichern, soll dann von den Kommunen gewährleistet werden. In der Praxis zeigt sich, dass das nur begrenzt zu funktionieren scheint.

Während zwar etwas mehr als die Hälfte der Schulleiter*innen angaben, dass sich Lehrer*innen in der Arbeitszeit (59%) und Kommunen (57%) um die Wartung kümmerten, sagten fast genauso viele, dass sich Lehrer und Lehrerinnen in ihrer Freizeit darum kümmerten. Besonders häufig scheint das an Gymnasien der Fall zu sein, nämlich an fast drei von vier Gymnasien.

"Homeschooling" vor allem mit ausgedruckten Arbeitsblättern

Die Schulschließungen durch Corona sind vielen Menschen noch lebhaft im Gedächtnis, viele Schüler und Schülerinnen mussten auch in diesem Jahr schon wieder phasenweise ins "Homeschooling". Unsere Umfrage kann nun zum ersten Mal umfassend zeigen, wie das Lernen auf Distanz umgesetzt wurde - und besonders digital ging es da an vielen Schulen nicht zu.

Etwa drei Viertel der Schulen arbeiteten mit ausgedruckten Arbeitsblättern, die an die Schüler verschickt oder zu ihnen gebracht wurden sowie mit Aufgaben, die per Mail verschickt wurden. Etwas mehr als die Hälfte der Rektoren gab an, dass es Unterricht per Videokonferenz gab, in einem Freitextfeld wurde außerdem von über 300 Schulen (29%) der Einsatz von Videoplattformen wie Logineo genannt. Über 50 Schulen hatten der Umfrage zufolge während der Zeit der Schulschließung gar keinen Kontakt mit den Schülern.

Bei der Umsetzung des Homeschoolings werden die Unterschiede zwischen den verschiedenen Schulformen ganz besonders deutlich: Während fast 90 Prozent der Gymnasien angaben, Unterricht per Videokonferenz geführt zu haben, waren es an Grundschulen nur 35 Prozent, an Hauptschulen sogar nur 26 Prozent. Ebenfalls bemerkenswert: Nur an knapp der Hälfte der Schulen wurden fertige Aufgaben mit den Schülern und Schülerinnen besprochen, an Grundschulen sogar nur bei 37 Prozent. Im Klartext heißt das: Eine Kontrolle der Aufgaben mussten oft die Eltern übernehmen.

Nur ein Drittel der Schüler*innen erinnert sich an Video-Unterricht

Bei dieser Frage gibt es außerdem große Unterschiede zwischen den Antworten der Schulleitern und denen der Schülern - vor allem beim Unterricht per Videokonferenz: Während fast drei Viertel der Schulleiter von weiterführenden Schulen sagten, es habe solchen Unterricht gegeben, sind das bei den Schülern nur 32 Prozent.

"Am Anfang lief alles per Mail", berichtet zum Beispiel Sami von einer Gesamtschule in Düsseldorf. Seine Mitschülerin Melody ergänzt: "Es gab Lehrer, die Seiten vom Buch gescannt haben. Die Aufgaben haben wir dann teilweise auf Papier gemacht und als Foto zurückgeschickt".

Die Hindernisse: Fehlende Infrastruktur und keine ausreichende Ausbildung

Das Bild, das diese Beispiele zeichnen, bestätigen den Eindruck aus den Umfragedaten: Echten digitalen Unterricht gab es im Lernen auf Distanz nur selten. Woran das lag, da sind sich die Schulleiter ziemlich einig: Jeweils mehr als drei Viertel gaben an, dass fehlende technische Infrastruktur und fehlende Endgeräte Hindernisse beim Homeschooling waren. Die Hälfte der Schulen sagte auch, dass Lehrkräfte nicht ausreichend dafür ausgebildet seien.

Doch nicht nur die Ausstattung der Schulen selbst ist ein Problem beim Lernen auf Distanz: Viele Schulleiter sagten auch, dass Schüler keine passende Ausstattung zu Hause hätten, angefangen bei der Verfügbarkeit eines Internetzugangs oder ausreichendem mobilen Datenvolumen.

Schulleiter*innen wollen technisch aufrüsten

Wie also soll es besser laufen mit der Digitalisierung und den Phasen des Distanzlernens, die viele Schulen schon heute wieder erleben? Die Schulleiter wollen vor allem technisch aufrüsten. Etwa ein Drittel gaben an, sich für die Digitalisierung ihrer Schulen eine bessere Infrastruktur zu wünschen, noch mehr (43%) wünschen sich Geräte für die Schüler. 63 Prozent der teilnehmenden Rektoren gaben an, dass es geplant sei, Schülern Geräte mit nach Hause zu geben. Den Schülern verraten sie das allerdings offenbar nicht: Hier sagten etwa die Hälfte, dass ihnen keine solchen Pläne bekannt seien (51%).

Als Konsequenz aus der Phase der Schulschließungen haben außerdem viele Schulen begonnen, Konzepte für das Lernen auf Distanz zu erstellen und digitale Medien mehr in den Schulalltag einzubinden. Für Mediendidaktik-Professor Kerres ein wichtiger Schritt. Allein die technische Aufrüstung genüge nicht: "Wir müssen Handlungsweisen verändern, wir müssen Praktiken des Unterrichtens und Routinen in Schulen verändern". Das seien allerdings Prozesse, die "einige Jahre dauern werden".

Das Fazit: Richtig gut läuft es fast nirgendwo

Aus den Umfragedaten geht eines ziemlich deutlich hervor: Je nach Region und Schulform sieht es an den Schulen sehr unterschiedlich aus, was die Digitalisierung angeht. Richtig gut läuft es nur an wenigen Schulen. Und das sorgt bei den Schulleitern offenbar für viel Frust. Viele Lehrer fühlen sich von den digitalen Anforderungen zunehmend überfordert und von der Politik im Stich gelassen.

Ein Grundschulleiter fasst die Lage zusammen: "Es ist, als würde man einem ein U-Boot in den Garten stellen ohne Betriebsanleitung und Wasserzugang und erwarten, dass man das Ding ans Laufen bekommt.“

Und von einer Hauptschule kommt ein noch härteres Urteil: „Es bedarf massiver Investitionen ins Bildungssystem, um aus einer Bananenrepublik ein Schwellenland zu machen.“

NRW-Schul- und Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) sagte auf Nachfrage des WDR zum Stand in Sachen Schuldigitalisierung: Die Beschaffung von Endgeräten laufe auf Hochtouren. Sie verspreche, dass es in wenigen Wochen besser aussehen werde.

Und: Gelder werden teils gar nicht abgerufen

Allem Frust zum Trotz: Mehr als unverständlich erscheint die Tatsache, dass es in NRW immer noch viele Kommunen gibt, die noch gar keine Fördermittel aus dem Digitalpakt beantragt haben. Dazu gehören unter anderem die Stadt Bonn sowie die Stadt Köln. Der Grund: Die Anträge seien zu bürokratisch.

Einzig aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf haben sämtliche Kommunen Zuwendungen beantragt. Bewilligungen stehen dabei teilweise noch aus.

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Stand: 11.12.2020, 07:55

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