Digitalisierung an Schulen: WDR-Umfragen zeigen tiefen Frust

Digitalisierung an Schulen: WDR-Umfragen zeigen tiefen Frust

Von Till Hafermann

WDR-Umfragen unter fast 1.100 Schulleitern und über 500 Schülern zeigen: Viele Schulen fühlen sich in Sachen Digitalisierung überfordert und frustriert. Es fehlen Geräte und die passende Fortbildung - und wenn Geräte da sind, müssen sich oft Lehrer in ihrer Freizeit um die Wartung kümmern. Erstmals gibt es nun auch einen Überblick, wie das "Homeschooling" in NRW abläuft - oft mit ausgedruckten Arbeitsblättern und nicht wirklich digital.

"Sollte es die Stadt wirklich schaffen, unsere Schülerschaft mit Endgeräten auszustatten und wir endlich eine stabile Internetanbindung bekommen, werden wir vielleicht den Schritt ins 21. Jahrhundert wagen können." (Leiter einer Hauptschule)

Ein vernichtendes Urteil zum Stand der Digitalisierung - es steht exemplarisch für NRW. Denn: Die digitale Ausstattung der Schulen ist oft schlecht. Das zeigen die Ergebnisse von exklusiven WDR-Umfragen. In diesen haben Schulleiter und Schulleiterinnen sowie Schüler und Schülerinnen die digitale Ausstattung ihrer Schulen in Schulnoten bewertet.

Mit den vorliegenden Umfragedaten gibt es jetzt für NRW als zurzeit einziges Bundesland aktuelle Zahlen zum Digitalisierungsprozess an den Schulen. Fast 1.100 Schulleiter haben mitgemacht, außerdem wurden mehr als 500 Schüler von weiterführenden Schulen in einer repräsentativen Online-Studie zum selben Thema befragt. Die Daten belegen, dass an vielen Schulen Nachholbedarf besteht - und dass es stark vom Wohnort, der Schulform und dem Engagement von Lehrern und Lehrerinnen abhängt, wie gut die Digitalisierung umgesetzt wird.

Im Folgenden fassen wir die wichtigsten Ergebnisse zusammen und zeigen sie in prägnanten Grafiken. Wer sich ausführlicher mit den Daten beschäftigen will, kann das in unserer Faktensammlung zur Recherche tun.

Große Unterschiede in NRW: Noten sind breit gestreut

Die Situation in NRW gleicht einem Flickenteppich, es gibt Unterschiede je nach Region und Schulform. Wie unterschiedlich die Digitalisierung bewertet wird, sieht man auch daran, wie häufig die jeweils einzelnen Schulnoten vergeben wurden. Ein Schnitt von 3,8 könnte auch entstehen, wenn sehr viele Teilnehmer eine 4 und ein paar eine 3 vergeben - in den Daten zeigt sich aber: Von 1 bis 6 wurden alle Noten relativ oft vergeben.

Auch auf Kreisebene sind die Unterschiede breit gestreut. Während es im Kreis Coesfeld mit einem Schnitt von 2,6 eher gut aussieht, geben die Schulleiter in Bochum im Schnitt eine 5, in Mülheim an der Ruhr sogar eine 5,2. Ähnlich waren auch die Ergebnisse einer WDR-Umfrage unter den Kommunen in NRW im August dieses Jahres, die zeigen, dass die Ausstattung von Schulen mit digitalen Geräten je nach Ort stark schwankt.

Wie frustriert die Schulleiter sind, hängt sehr von der Schulform ab: Sekundar- und Gesamtschulen sind im Durchschnitt zufriedener als der Rest, vor allem an Grund- und Hauptschulen gibt es aber schlechte Noten. Das deckt sich mit Zahlen aus einer vergleichbaren Umfrage, die der WDR 2019 in ganz Deutschland durchgeführt hat.

Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Schulformen zeigt sich auch bei der Ausstattung mit verschiedenen Geräten: Besonders die Leiter von Haupt- und Grundschulen empfinden die Ausstattung mit Tablets und Laptops als mangelhaft.

Bildungsforscher: "Jahrelange Vernachlässigung des Themas"

Diese Zahlen belegen, was viele schon ahnen: Es steht offenbar nicht gut um die Digitalisierung an Schulen in NRW. Das sieht auch Michael Kerres so, Professor für Mediendidaktik und Wissensmanagement an der Uni Duisburg-Essen - er wurde im Zuge der Corona-Krise in eine Arbeitsgruppe des deutschen Wissenschaftsrats berufen, die die Zukunft der digitalen Lehre erforschen soll. Er sagt: "Wir haben durch Corona wie in einem Brennglas feststellen müssen, wie schlecht Deutschland dasteht bei der Digitalisierung in der Schule."

Prof. Michael Kerres mit einem Mikrofon

Prof. Michael Kerres


Auch im internationalen Vergleich sehe die digitale Ausstattung von Schulen unter anderem mit Lernplattformen oder WLAN schlecht aus: "Bei all diesen Parametern ist Deutschland Schlusslicht." Das gelte auch für die Kompetenz von Lehrern wie Schülern: "Das ist das Ergebnis einer jahrelangen Vernachlässigung dieses Themas."

Erstmals Überblick zu "Homeschooling" in NRW - von wegen digital

Der Corona-Pandemie machte diese Vernachlässigung vielen bewusst. Denn die Probleme der schlechen digitalen Ausstattung und Förderung traten besonders in den Phasen des Distanzlernens, dem sogenannten "Homeschooling" offen zu Tage. Eine Erkenntnis aus den Umfragedaten: Lernen auf Distanz wurde oft mit ausgedruckten Arbeitsblättern und nicht digital umgesetzt. Mehr dazu weiter unten. Und noch ein weiteres Problem der Digitalisierung wurde klar. Selbst wenn es neue Geräte gibt - wer kümmert sich eigentlich darum, dass sie funktionieren?

Stand: 06.10.2020, 19:22

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