Gewalt an Schulen nach Corona-Pause - "Schülern fehlen Sozialkontakte"

Gewalt an Schulen nach Corona-Pause - "Schülern fehlen Sozialkontakte"

Viele Schulen starten jetzt in den Präsenzunterricht - im Kreis Olpe und in Gelsenkirchen schlägt die Aggression einzelner Schüler in brutale Gewalt um. Ein Schulpsychologe erklärt die Hintergründe.

An einer Gesamtschule in Finnentrop ist ein Streit unter Schülern eskaliert, bei dem zwei 16-Jährige schwer und ein 15-Jähriger leicht verletzt wurden. An einer Hauptschule in Gelsenkirchen ist ein 14-Jähriger von fünf unbekannten Tätern mit einem Baseballschläger schwer verletzt worden. Zwei Fälle am ersten Tag Präsenzunterricht in voller Klassenstärke nach einer monatelangen Pause ohne Unterricht und ohne regulären Kontakt zu Gleichaltrigen.

Was diese monatelange Vorsichtsmaßnahme zur Eindämmung der Corona-Pandemie mit den Kindern und Jugendlichen gemacht hat? "Ich gehe davon aus, dass wir auf einem Pulverfass sitzen", sagt die Leiterin der Bochumer Web-Individualschule für von Gewalt betroffene Schüler, Sarah Lichtenberger. Die wahren Folgen lassen sich momentan nur erahnen, sagt Michael Berens von der Schulpsychologischen Krisenintervention NRW.

WDR: Schüler sind in der Corona-Pandemie durch Unterrichtsausfall und viele weitere Einschränkungen stark belastet. Fürchten Sie, dass sich das in einer höheren Aggressivität an Schulen niederschlägt?

Michael Berens: Die Belastung für Schüler ist total hoch in Coronazeiten. Die negativen Auswirkungen auf Lern- und Leistungsbereich sind groß. Dabei geht es aber nicht nur um Bildung. Schülern fehlen Erfahrung- und Erprobungsräume im Bereich des sozialen Lernens. Diese Sozialkontakte sind für deren Entwicklung immens wichtig. Zu Hause fällt selbst uns Erwachsenen die Decke auf den Kopf. Schüler - gerade in der Pubertät - sind noch mehr darauf angewiesen.

Ob mehr Gewalt an Schulen eine mögliche Folge ist, lässt sich noch nicht sagen. Dafür ist es viel zu früh. Die psychosozialen Auswirkungen können wir noch gar nicht abschätzen.

WDR: Kann die Eskalation das Schulklima nachhaltig vergiften?

Michael Berens, Schulpsychologisches Krisenmanagement in Nordrhein-Westfalen

Michael Berens, Schulpsychologisches Krisenmanagement in Nordrhein-Westfalen

Berens: Meine Erfahrung ist eine andere. Kurzfristig ist das Klima stark belastet. Ich habe aber immer wieder erlebt, dass solche Vorfälle langfristig zu positiven Veränderungen führen. Dass die Schulgemeinschaft danach enger zusammenrückt und jeder besser auf den anderen achtet.

Lehrer empfinden ein hohes Verantwortungsgefühl für ihre Schüler, und in solchen Krisen merken Schüler, dass sie sich auf ihre Lehrer verlassen können. Zwischen ihnen und unter den Schülern wächst oft die wechselseitige Fürsorge nach so schlimmen Erlebnissen. Das ist das Gute im Schlimmen und langfristig für eine Schulgemeinschaft positiv, wenn die sozialen Bänder fester werden.

WDR: Wann sind Sie an Schulen vor Ort, wenn die Gewalt eskaliert wie zuletzt in Finnentrop?

Berens: Sobald das Blaulicht aus ist, hat der Schulleiter die Verantwortung für das schulische Krisenmanagement. An den Schulen in NRW weiß man, dass wir ihnen in solchen Situationen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Wenn wir angefordert werden, gibt es von uns immer ein unmittelbares Unterstützungsangebot für die gesamte Schulgemeinschaft.

WDR: Wie kann man sich diese Hilfe konkret vorstellen?

Berens: Zunächst einmal kann ich aus Erfahrung sagen, dass es in solchen Krisen an Schulen immer mehr Unterstützer als Betroffene gibt. Unsere Hilfe ist es Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Die Menschen brauchen in enorm belasteten Situationen Selbstwirksamkeitserleben, das heißt, dass sie aus Unterstützungsangeboten unbedingt selbst auswählen sollten. Was in so einer Situation kontraproduktiv für den Selbstheilungsprozess ist, dass ist jede Form von Übergriffigkeit.

WDR: Wann bittet man Sie um Ihre Hilfe?

Berens: Die Krisenintervention nach Gewaltdelikten ist nur eine Facette der Schulpsychologie. Die wichtigsten Themen für die rund 400 Schulpsychologen in NRW sind Mobbing, Suizidankündigungen, starke Leistungsabfälle in der Schule, Schulverweigerung sowie der Umgang mit Tod und Trauer, wenn etwa Lehrer oder Schüler sterben - unabhängig von Gewalt.

Wir sind aber auch in der Prävention tätig, das heißt wir befähigen Lehrer bei Fortbildungen zum Umgang mit diesen Themen. Sie sind keine Psychologen, aber für Schüler eben die wichtigeren Ansprechpartner und oft Vertrauenspersonen.

Das Interview führte Christian Zelle.

Diese Stellen helfen bei Konflikten an der Schule

In Nordrhein-Westfalen gibt es in jedem Kreis und in jeder kreisfreien Stadt eine schulpsychologische Beratungsstelle. Lehrkräfte, Eltern und Schüler werden dort kostenfrei unterstützt und können sich direkt an diese Stellen wenden.

Stand: 01.06.2021, 20:17

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