Millionen Bürger ohne guten ÖPNV-Anschluss

Millionen Bürger ohne guten ÖPNV-Anschluss

Von Anke Kahle

Aus ökologischen Gründen aufs Auto verzichten - das können sich viele schon aus Zeitgründen nicht leisten. Zu dem Schluss kommt eine Studie der Deutschen Bahn.

Für viele Millionen Menschen, die im Umland großer Metropolen und im ländlichen Raum leben ist der Nahverkehr nicht attraktiv. Die Wohnorte sind schlecht angebunden.

Lediglich 27 Millionen Menschen in Großstädten steht ein sehr gut ausgebauter ÖPNV zur Verfügung, steht in einer Studie des Bahn-Tochterunternehmens Ioki. Die Firma preist als Lösung des Dilemmas ihre eigenen Produkte an. "Die Deutsche Bahn ist selbst eher das Problem als die Lösung", sagte Mobilitätsforscher Andreas Knie dem WDR.

Wer ist betroffen?

Insbesondere in ländlichen Regionen fahren Busse und Bahnen seltener als in Großstädten. In NRW beobachten Verkehrsforscher das am Niederrhein sowie im Münsterland, Sauerland, Siegerland, Bergischen Land und Rhein-Sieg-Kreis.

Ländlichen Verkehr nehme zwei Drittel der Fläche Deutschlands ein, sagte Mobilitätsforscher Knie. In den dort fahrenden Bussen seien etwa 90 Prozent nur Schüler und Auszubildende.

Worin liegt das größte Problem?

Die öffentlichen Verkehrsbetriebe hätten es bisher nicht geschafft, sich so umzustellen, dass die Fahrpläne zu unseren modernen Arbeitszeiten passen, kritisiert der Duisburger Verkehrsforscher Michael Schreckenberg. Viele Menschen arbeiteten in Schichtdiensten oder in Teilzeit. Dementsprechend müssten die Fahrpläne flexibler gestaltet werden.

Hinzu kommt, dass viele ältere Menschen auf dem Land leben. Einige wollen oder können nicht mehr mit dem Auto fahren. Diese Menschen müssten besser ans öffentliche Verkehrsnetz angebunden werden, damit sie nicht gezwungen sind, vom Land in die Stadt zu ziehen.

Welche Lösungen sind denkbar?

Was auf dem Land helfen könnte, sind Shuttle-Sammel-Taxis, die man auf Abruf per App bestellen kann - ohne festen Fahrplan. Solche On-Demand-Dienste gibt es bereits in Münster, Gütersloh und Meinerzhagen – mit finanziert vom Land NRW. Dieses Angebot soll ausgebaut werden, so auch in Roetgen, Kleve und Hürth.

Mobilitätsforscher Andreas Knie

Mobilitätsforscher Andreas Knie

Es kommt also nicht unbedingt darauf an, wie oft ein Bus oder eine Bahn fährt. Wichtiger ist, dass der ÖPNV insgesamt flexibler wird.

Mobilitätsforscher Knie kritisierte, dass die Bahn sich bisher nur auf ihre Haltestellen konzentriert habe. Doch diese seien nicht die Zukunft.

"Wir werden einen Nahverkehr nur dann attraktiv kriegen, wenn wir von Haustür zu Haustür fahren." Mobilitätsforscher Andreas Knie
Autonomer Bus in Drolshagen fährt eine Straße entlang

Autonomer Bus in Drolshagen

"Die Alternative zum Auto kann nur das bessere Auto sein: Es holt mich irgendwas ab und bringt mich dort hin, wo ich hinwill." Denkbar seien Sammeltaxis und Mitfahrgelegenheiten - in der Zukunft auch autonome Shuttles und Robo-Taxis.

Welchen Preis hat mehr Flexibilität?

Mehr als neun Milliarden Euro steckt der Bund in diesem Jahr in den Nahverkehr. Das Geld sei nicht das Problem, sagte Mobilitätsforscher Knie. "Wir hängen an Konzept aus dem beginnenden 20. Jahrhundert, nämlich mit Bussen Haltestellen abzufahren und Linien zu organisieren, wo keiner mehr drin fährt. Das müssen wir abschaffen, diese Busse kann es so nicht mehr geben."

Auf der Streichliste stehen auch die unterschiedlichen Zonen und Tarife: Der Duisburger Verkehrsforscher Michael Schreckenberg fordert einen einheitlichen Tarif. Also nur so viel zahlen, wie man fährt, allerdings muss es eine Höchstgrenze geben. Dafür sollte nicht das Land, sondern der Bund in die Pflicht genommen werden, "denn das ist Aufgabe, die ganz Deutschland betrifft, grenzüberschreitend - auch im ÖPNV sollte man eine übergreifende Lösung finden und die dann auch finanzieren", so Schreckenberg.

Ministerpräsident Hendrik Wüst, ehemaliger Verkehrsminister, will noch in diesem Jahr den sogenannten "eTarif NRW" einführen. Dadurch soll es möglich sein, bequem per App in ganz NRW zu landeseinheitlichen Tarifen mit Bus und Bahn zu fahren.

Mehr als neun Milliarden Euro steckt der Bund in diesem Jahr in den Nahverkehr: Am Geld liegt es eh nicht, dass Bus und Bahn so unattraktiv sind, sagt uns Mobilitätsforscher Andreas Knie:

Stand: 27.10.2021, 21:31

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