Sascha Lobo über rechte Hetze: "Wir müssen eine rote Linie ziehen"

Sascha Lobo

Sascha Lobo über rechte Hetze: "Wir müssen eine rote Linie ziehen"

  • Lobo: Rechte Schläfer werden aktiviert
  • Rote Linie gegen menschenfeindliche Positionen
  • Man muss nicht mit jedem debattieren

Der Buchautor, Journalist und Blogger Sascha Lobo beschäftigt sich mit den Folgen der Digitalisierung für Gesellschaft. Wir haben mit ihm über Hass im Netz und Konsequenzen aus dem Fall Lübcke und den Morddrohungen gegen NRW-Politiker gesprochen.

Rechte Gewalt: "Nicht mit jeder Meinung debattieren"

WDR 5 Morgenecho - Interview 21.06.2019 06:46 Min. Verfügbar bis 20.06.2020 WDR 5

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WDR: Herr Lobo, sie sagen, wir erleben gerade eine Aktivierung rechtsextremistischer Schläfer. Wie werden die Ihrer Meinung nach aktiviert?

Sascha Lobo: Das funktioniert in erster Linie über eine gesellschaftliche Stimmung, über ein politisches Klima. Dieses politische Klima geht nicht nur einzelne Neonazis etwas an. Es pflanzt sich in Netzwerke fort. Und es wird leider auch durch große Debatten, Medien und Politiker angeheizt.

WDR: Würden Sie dazu auch eine Bemerkung wie die des früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck zählen, man brauche eine "erweiterte Toleranz Richtung rechts"?

Lobo: Indirekt ja, direkt nicht. Aber ich glaube, dass Herr Gauck etwas Falsches getan hat – weil er nicht-demokratische, menschenfeindliche Positionen legitimiert. Es ist eben nicht so, dass man in einer liberalen Demokratie mit jedem debattieren sollte. Es gibt einfach zwischen menschenfeindlichen und nicht-menschenfeindlichen Meinungen keine ausgewogene Mitte. Da muss man einen klaren Strich ziehen. Und ich glaube, dass Herr Gauck diese rote Linie verwischt hat.

WDR: Welche Rolle spielt die AfD in diesem gesellschaftlichen Kontext? Vertreter der AfD haben den Mord an Walter Lübcke verurteilt und grenzen sich auch immer wieder von Gewalt ab.

Lobo: Aus meiner Sicht sind das Posen. Tatsächlich findet die gesellschaftliche Stimmung, die die AfD aktiv anheizt, in solchen Netzwerken Resonanzraum. Das bedeutet konkret: Es wird eine Notwehr-Situation imaginiert, als müsse man sich in Deutschland gegen den Angriff von Migranten wehren. Diese Debatte dient für rechte Kreise als Bestätigung.

WDR: Sie sagen auch: Rechte Gewalttäter werden – auch nach dem rechten Terror des NSU – notorisch von der Gesellschaft unterschätzt. Aber die NSU-Morde haben doch zu einem großen Erschrecken geführt?

Lobo: Das gab es. Es hat aber nicht zu den erwarteten Handlungen geführt: Diese Entwicklungen strukturell und politisch ernster zu nehmen. Wir haben zu wenig aus dem NSU gelernt. Das gilt insbesondere auch für die Behörden. Es war nicht so, dass alles getan worden ist, um aufzuklären. Beim NSU überwiegt die Einzeltäter-Theorie. Aber es gibt eine Reihe von Hintergründen, die mindestens merkwürdig – eigentlich sogar hochproblematisch sind – und nicht aufgeklärt wurden.

WDR: Was kann man gegen die Aktivierung von möglichen rechtsextremistischen Schläfern tun?

Lobo: Wir müssen das als gesamtgesellschaftliches Problem sehen. Es ist viel zu normal geworden, menschenfeindliche und rechtsextreme Thesen als einen Teil der Debatte zu begreifen. Wir müssen eine klare, rote Linie ziehen.

Das Interview führte Andrea Oster, WDR 5 Morgenecho.

Stand: 21.06.2019, 07:38

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