Sarah Wiener: "Wir werden absichtlich getäuscht"

Sarah Wiener: "Wir werden absichtlich getäuscht"

  • Fleischproduktion steht wieder in der Kritik
  • Was muss sich ändern?
  • Interview mit TV-Köchin und EU-Abgeordneter Sarah Wiener

Einem Millionenpublikum bekannt wurde Sarah Wiener als TV-Köchin. Inzwischen sitzt sie für die österreichischen Grünen im EU-Parlament (Fraktion der Grünen/Freie Europäische Allianz). Im Interview mit der "Aktuellen Stunde" sagt sie, was sich bei der Fleischproduktion ändern müsste.

WDR: Welche Möglichkeiten haben wir, die Herkunft unseres Fleisches besser zu erkennen?

Sarah Wiener: Eine Kennzeichnung wie bei den Eiern wäre schon mal sehr hilfreich. Da sieht man aus welchem Land sie kommen und welche Haltungsform es gegeben hat. Bei manchen Tieren wie der Pute gibt es nicht einmal Mindeststandards von der Politik. Da muss die Politik sehr viel machen und dann können auch die Verbraucher überhaupt eine Wahl treffen, die sie de facto heute gar nicht haben.

WDR: Wie weit sind wir davon entfernt, die Ursprungskette beim Fleisch nachvollziehen zu können?

Wiener: Sehr weit. Es gibt ja auch keine Transparenz bei schwerstverarbeiteten Nahrungsmitteln. Wir produzieren zum Beispiel bei uns keine Käfigeier mehr. De facto aber werden Millionen Käfigeier importiert und dann in unseren Keksen, unseren Kuchen und Fertigprodukten versenkt. So dass wir auch ein bisschen an der Nase herumgeführt und absichtlich getäuscht werden.

WDR: Wie sehr sind wir alle Teil des Problems, weil wir ja jeden Tag möglichst viel Fleisch essen wollen.

Wiener: Ich weiß nicht, ob wir wirklich jeden Tag Fleisch essen wollen oder ob wir nicht darauf konditioniert worden sind. Mehr als drei Viertel, vier Fünftel unserer Erzeugnisse landen auf anderen Märkten in Asien und Afrika und machen dort die Fleischmärkte kaputt - oder sie landen in Hunde- oder Nutztierfutter. Ich finde es unethisch und unmoralisch, wenn man mit Fleisch einen Dumpingpreis-Wettbewerb anfacht.

WDR: Wie wirkt sich die Coronakrise auf unseren Fleischkonsum, auf das Tierwohl und das Klima aus?

Wiener: Gerade Corona hat gezeigt, dass wir ein anderes Landwirtschaftssystem brauchen. Wir sind abhängig von Importen, von sehr langen Handelswegen. Wir haben die Souveränität über unsere Teller delegiert an Großkonzerne und globale Player, die nicht unsere Gesundheit, unser Glück und unsere Zufriedenheit im Visier haben.

Das sollten wir ändern zum Beispiel mit kleinen Höfen, mit Hofläden und Märkten, mit kurzen Ketten oder mit Transparenz, wenn das nicht möglich ist. Und durch Selberkochen mit regionalen und ökologischen Grundzutaten. Was gut ist für unsere Gesundheit, ist auch gut für die Gesundheit der ganzen Welt und die der Tiere.

Anmerkung der Redaktion: Die schriftliche Version des Interviews wurde sprachlich angepasst. Der Inhalt bleibt davon unberührt.

Stand: 05.07.2020, 20:25

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