Deutschland braucht Zuwanderer

Die Samstagskolumne: Elizabeth Shoo

SamstagsKOLUMNE

Deutschland braucht Zuwanderer

Von Liz Shoo

Deutschland braucht dringend Fachkräfte aus dem Ausland, sagt Liz Shoo. Was dazu in den Parteiprogrammen steht, mehr dazu in der SamstagsKOLUMNE.

Nein, es ist kein Zufall, dass ich in meiner ersten Kolumne über Migration schreibe. Ja, ich bin Ausländerin, das ist also naheliegend. Doch bis vor einem Monat gehörte Migration gar nicht zu den top Themen im Wahlkampf. Dann las ich vergangene Woche diese Schlagzeile: “Wir brauchen 400.000 Zuwanderer pro Jahr”.

Menschen wie ich sind auf dem Arbeitsmarkt also begehrte Ware. Aber warum wird so wenig unternommen, um noch mehr Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern nach Deutschland zu holen?

Und nein, hier meine ich nicht Geflüchtete, wie zum Beispiel Menschen aus Afghanistan. Diese Menschen sind in erster Linie in Deutschland, weil sie Schutz suchen. Obwohl sie bestimmt Qualifikationen mitbringen, möchte ich den Fokus in diesem Text auf Einwanderung legen und nicht auf Flucht. Migration ist zwar ein Wahlkampfthema. Doch ich höre selten von Politikerinnen und Politikern, dass Einwanderer auf dem deutschen Arbeitsmarkt dringend gebraucht werden.

Die aktuelle Situation lässt sich so zusammenfassen: Tausende Menschen wollen nach Deutschland. Gleichzeitig hat Deutschland einen massiven Fachkräftemangel. Ich sage nur das Stichwort: Pflegenotstand. Laut Experten wird sich das Problem in den kommenden Jahren sogar verschärfen. Im Jahr 2040 könnten in Deutschland insgesamt über vier Millionen Stellen offen bleiben, vor allem, weil die Gesellschaft immer älter wird. Daher mein Appell:

"Deutschland soll das Ganze als Win-win-Situation betrachten und von sich aus Ausländern die Möglichkeit geben, die Lücken im Arbeitsmarkt zu schließen." Liz Shoo

Kaum neue Lösungen

Dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, erkennen alle großen Parteien außer der AfD an. Doch nicht alle sehen die Notwendigkeit, Schritte zu unternehmen, um Ausländer ins Land zu holen. Bei Lösungsvorschlägen zum Fachkräftemangel werden Ausländer im SPD-Programm nicht erwähnt. Die Linke findet, Menschen aus dem Ausland sollten nicht abgeworben werden. Stattdessen sollten die Abschlüsse all jener anerkannt werden, die bereits im Land sind, damit sie ihre Berufe ausüben können. Auch die Union setzt darauf, Abschlüsse und Qualifikationen eher anzuerkennen. Zudem sollen deutsche Botschaften, Firmen und Institutionen im Ausland für Deutschland als Ausbildungsland werben. Doch das wird meiner Meinung nach nicht ausreichend getan.

Spannender wird es beim Blick in die Wahlprogramme von FDP und Grünen: Dort ist die Rede von einem Einwanderungsgesetz.

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So soll regelmäßig erfasst werden in welchen Branchen Fachkräfte fehlen. Gleichzeitig soll ein Punktesystem darüber entscheiden, welche arbeitssuchenden Menschen aus dem Ausland nach Deutschland kommen dürfen. Punkte gibt es für gewisse Kriterien: zum Beispiel Alter, Sprachkenntnisse und berufliche Qualifikationen. Im Gegensatz zum aktuellen Fachkräfteeinwanderungsgesetz könnte die neue Regelung mehr Möglichkeiten für Menschen bieten, die noch keine Stellenzusage in Deutschland haben.

Unbürokratisch nach Deutschland kommen

Ich würde ein solches Gesetz begrüßen, wenn es dazu führt, dass deutsche Botschaften schneller Visa für Azubis, Studierende oder Arbeitnehmer erteilen. Denn wenn sich Visaverfahren über Monate hinziehen, schreckt das nicht nur Bewerber, sondern auch Arbeitgeber ab.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie kompliziert es mit einer Aufenthaltsgenehmigung manchmal sein kann. Nach meinem Studium in Köln habe ich für einige Monate als freie Journalistin gearbeitet und wollte danach ein Volontariat beginnen. Dafür musste ich wieder nach Tansania ausreisen, um ein Visum für ein Volontariat zu beantragen. Für Menschen, die noch nie in Deutschland gelebt haben, ist der Prozess oft noch viel komplizierter.

Was allerdings in einigen Programmen der großen Parteien fehlt, sind Sprachangebote für Bewerber aus dem Ausland. Aus dem Bekanntenkreis kenne ich einige Fälle, bei denen ein Visum-Antrag an mangelnden Deutschkenntnissen gescheitert ist. Fachkräfte sollen Deutsch sprechen können. Doch ich finde, es würde auch reichen, wenn sie einen Intensivkurs in Deutschland absolvieren könnten. Ja, das kostet Geld. Aber wenn man es ernst meint und wie Armin Laschet, der Kanzlerkandidat der Union, "Zuwanderung als Chance" sieht, dann müssen Hindernisse abgebaut werden.

Migration ist unaufhaltbar

Jeden Tag stellen Tausende Menschen Visa-Anträge in deutschen Botschaften. Und wenn es nicht klappt, machen sie sich trotzdem auf den Weg. Die neue Bundesregierung kann darauf auf zwei Arten reagieren: "Toll! So viele Menschen wollen zu uns" oder "Oh nein! So viele Menschen wollen zu uns". Ja, sie kommen. Und das aus ganz unterschiedlichen Gründen: Weil sie keinen Job im eigenen Land finden. Oder, weil sie in Deutschland einen besseren Job suchen. Vielleicht möchten sie studieren oder eine Ausbildung machen. Deutschland hätte die Gelegenheit, es den Menschen zu ermöglichen, unkompliziert legal hierher zu kommen.

Wie hat es der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung so schön ausgedrückt? "Man kann sich hinstellen und sagen: Wir möchten keine Ausländer. Aber das funktioniert nicht. Fakt ist: Deutschland gehen die Arbeitskräfte aus."

Sehen Sie das ganz anders und haben Sie vielleicht andere Ideen, wie man dem Fachkräftemangel entgegenwirken könnte? Oder arbeiten Sie selbst in einem Betrieb, wo dringend helfende Hände gebraucht werden? Dann erzählen Sie uns davon!

Stand: 04.09.2021, 10:03

Kommentare zum Thema

41 Kommentare

  • 41 Juergen Krueger 10.09.2021, 08:47 Uhr

    Abschließend: Ja, wir brauchen Migration. Aber wir brauchen nicht diese Millionen Armutsflüchtlinge, die in unserer Gesellschaft keinerlei Leistung erbringen können, sondern im Gegenteil unser soziales System durch übermäßige Beanspruchung letztlich kollabieren lassen! Wenn dass passiert, wird Deutschland sehr schnell überhaupt nicht mehr im Stande sein, anderen Ländern zu helfen. Wir müssen die Migranten nach wirtschaftlichen Kriterien aussuchen um die Bedürfnisse der Wirtschaft zu erfüllen, aber wir brauchen sie ganz bestimmt nicht als Faustpfand der Arbeitgeber in den ständigen Lohn und Gehaltskämpfen!

  • 40 Juergen Krueger 10.09.2021, 08:34 Uhr

    Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er diskriminierend ist. (die Redaktion)

  • 39 Juergen Krueger 10.09.2021, 08:00 Uhr

    Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er diskriminierend ist. (die Redaktion)

  • 38 Evgeny 07.09.2021, 17:12 Uhr

    Die Hauptgründe werden im Artikel nicht genannt: die ausufernden Steuern und Abgaben, niedrige Gehälter im Vergleich zu Lebenshaltungskosten. Ich und meine Frau sind selbst Einwanderer. Ich bin Softwareentwickler, meine Frau Krankenschwester. Wir werden demnächst Deutschland wieder verlassen, Ich sehe nicht ein, warum wir die Hälfte unseres sauer verdienten Geldes an den Finanzamt abgeben sollen und uns nicht mal eine ordentliche Wohnung, geschweige denn ein Haus leisten können. Als Softwareentwickler kann ich in Russland netto mehr als hier verdienen, bei halb so hohen Kosten.

  • 37 Jan W. 06.09.2021, 10:08 Uhr

    Sehr geehrte Frau Shoo, Deutschland ist seit den 1960ern ein Einwanderungsland und in unserem Land haben wir diesen Menschen, ob qualifiziert oder unqualifiziert, gerne andere Namen gegeben. Gastarbeiter, Aussiedler, oder in der dunklen Zeit Fremdarbeiter... An vielen der Kommentare sehen Sie, dass beim Thema Einwanderung sofort die Themen Kriminalität & soziale Ungleichheit bei vielen Mitmenschen beigemischt werden und als Meinung xenophober Unfug herauskommt. Solange Menschen die Sehnsucht nach einem besseren Leben (Versorgung, Bildung, Sicherheit, Freiheit) haben, wird es Migration geben und wenn sie nach Deutschland kommen wollen ist es ein Kompliment für unsere Gesellschaft. Es ist hier nur leider wie überall auf der Welt, die Dümmsten sind auch immer am lautesten.

    Antworten (2)
    • Tom 06.09.2021, 23:11 Uhr

      Mir gefällt Ihre Antwort. Ich hoffe sehr, das auch Sie bereit sind jemanden von diesen armen Menschen aufzunehmen. Das wäre mal ehrlich und nicht heuchlerisch! Aber Sie muten es eher denen von Ihnen genannten "Dummen" zu, diese Last zu tragen! Sie selbst sind nicht in der Lage auch nur ansatzweise diesen so armen Menschen, Liebe zukommen zu lassen!

    • Jan W. 07.09.2021, 16:05 Uhr

      Stimmt Tom! Neben meiner Arbeit (neuer Vertrag, kein Tariflohn) helfe ich bei der Tafel und ich unterstütze eine Familie in Mozambik, damit die Kinder hoffentlich zur Schule gehen können und sich dort etwas positives aus deren eigener Kraft entwickeln kann. Es ging im Artikel um die positiven Auswirkungen von Einwanderung. Und die gibt es und überwiegen nach Meinung der Autorin. Ich sehe das auch so. Aus meiner Sicht sind nicht Immigranten das Problem der Armut in Deutschland, sondern Deutschlands reichste 10 Prozent. Die Themen sozialer Abstieg und soziale Ausgrenzung gehören viel mehr in den Vordergrund. Es sind aber verschiedene Themen. Ich kann Sie nur bitten die Begriffe Eigengruppe und Fremdgruppe zu recherchieren und meinen Standpunkt zu akzeptieren, dass es vielen Menschen egal ist wie es ihnen geht, solange sie auf andere Menschen herabblicken können und die Eliten glorifizieren können. Abwertung und Identifikation mit dem Aggressor in Kombination.

  • 36 EU Bürger 05.09.2021, 19:15 Uhr

    Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er beleidigend ist. (die Redaktion)

  • 35 Vasile 05.09.2021, 19:08 Uhr

    Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er diskriminierend ist. (die Redaktion)

  • 34 Afghane 05.09.2021, 18:04 Uhr

    Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er gegen unsere Netiquette verstößt. (die Redaktion)

  • 33 Werner Gonscho 05.09.2021, 16:59 Uhr

    Was Deutschland am dringendsten braucht sind weniger Schwätzer und Klugscheißer.

  • 32 Achim 05.09.2021, 14:55 Uhr

    Wo sollen die denn alle wohnen? In den Städten gibt es ja heute schon kaum noch bezahlbaren Wohnraum. Oder meinen Sie Großverdiener, welche sich ein Haus leisten können. Ach ja wir brauchen billige Arbeitskräfte, welche unter dem Mindestlohn arbeiten. Wir brauchen erst mal soziale Gerechtigkeit, die es in unserem schönen Lande immer weniger gibt. Dafür nimmt der Fremdenhaß zu.

  • 31 Johann Moritz 05.09.2021, 14:37 Uhr

    Deutschland braucht vielleicht Zuwanderer, aber es behandelt sie wie Dreck. Ich seh's bei meiner Frau, die vor 20 Jahren aus Russland kam, um mich zu heiraten. Diplom als Deutsch- und Englischlehrerin nebst Berufserfahrung, aber es wurde nur als erstes Staatsexamen anerkannt. Bzw. wäre, wenn sie noch einen zusätzlichen Deutschkurs gemacht hätte. Also ohne mehrere Jahre weiteres Studium keine Arbeit als Lehrkraft möglich. Familiennachzug ihrer Mutter wurde abgelehnt. Immer wieder mal grundlose Anfeindungen. Wir überlegen mittlerweile, Deutschland den Rücken zuzukehren und nach Russland zu gehen.

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