Ich mache drei Kreuze: Der Wahlkampf 2021 ist endlich vorbei

Die Samstagskolumne: Ralph Sina

SamstagsKOLUMNE

Ich mache drei Kreuze: Der Wahlkampf 2021 ist endlich vorbei

Von Ralph Sina

In diesem Wahlkampf haben alle wirklich wichtigen Themen gefehlt, bilanziert Ralph Sina. Um welche Fragen es hätte gehen müssen? Darum geht es in der letzten SamstagsKOLUMNE vor der Bundestagswahl.

Ich habe es getan. Ich habe mir den TV-Wahlkampf von A-Z angetan: Dazu gehören sämtliche Trielle und auch die Schlussrunde der Parteivorsitzenden vorgestern Abend.

Meine Bilanz: Wir verlieren die Welt aus den Augen. Deutschland und die EU werden zunehmend so provinziell wie dieser Wahlkampf. Im Jahre 2000 kamen noch 41 der 100 wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt aus Europa - heute sind es nur noch 15. Selbst der Börsenwert des wertvollsten deutschen DAX-Unternehmens, namens SAP, ist im Vergleich zu Microsoft ein Witz.

Deutschland auf dem Abstellgleis

In Deutschland kommen nur 25 Prozent der Internetanschlüsse auf eine Übertragungsrate von mehr als 100 Megabit. In den USA sind es dagegen gut 60 Prozent und in Südkorea sogar über 90 Prozent. Deutschland ist die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Bei den Glasfaserverbindungen liegen wir im OECD-Ranking aber gerade mal auf Platz 34 von 38. Abgeschlagen noch hinter Spanien, Dänemark, Frankreich und Italien. Nur knapp vor dem kleinen und von mir sehr geschätzten Königreich Belgien.

"Deutschland ist in Sachen Internet selbst innerhalb Europas auf dem Weg zum Entwicklungsland." Ralph Sina

Aber abgesehen von Schlagworten wie, "Digitalisierung" und "Modernisierung" habe ich dazu in diesem Wahlkampf herzlich wenig gehört. Dabei geht es doch in diesem Superwahljahr um eine entscheidende Weichenstellung für die wichtigste Volkswirtschaft der EU. China, Indien und sogar der US-Bundesstaat Kalifornien sind dabei uns hoffnungslos zu überrunden und wir sitzen im Wahlkampf-Schlafwagen und blenden die Welt aus.

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Die letzte große Reform in der Bundesrepublik - die Agenda 2010 - wurde vor zwanzig Jahren erdacht. Im Klartext heißt das: zwei Jahrzehnte Reform-Stillstand. Gekrönt durch einen gähnend langweiligen Wahlkampf 2021, der alles andere war als ein Wettstreit der Ideen. Ein öder Pippi-Langstrumpf-Wahlkampf der endlich vorbei ist.

Inger Nilsson als Pippi Langstrumpf zusammen mit ihrem Affen "Herr Nilsson" auf der Schulter. Darüber die Aufschrift "Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.".

Pippi Langstrumpf: "Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt."

Ich mache drei Kreuze wenn dieser Wahlkampf vorbei ist, bevor ich an diesem Sonntag zwei auf meinem Wahlzettel mache.

Der Klimawandel hat im Wahlkampf eine erbärmliche Rolle gespielt

Mich interessiert dabei herzlich wenig, dass Herr Söder und Herr Laschet angeblich ihren Fleischkonsum einschränken und Olaf Scholz dazu steht, dass er als Minister und Wahlkämpfer viel mehr mit dem Flugzeug unterwegs ist, als er eigentlich möchte. Mich interessiert, dass der CO2-Ausstoß weiter steigt und dass das Jahrhundertthema Klimawandel in diesem TV-Wahl-Krampf eine erbärmliche Rolle gespielt hat.

Für zukünftige Wahlkämpfe wünsche ich mir eine wirkliche Konfrontation der Kanzlerkandidat:innen. Und zwar mit den Bossen der Chemie-, Stahl- und Zementindustrie - die Firmen, die am meisten CO2 verursachen. Und wenn Baerbock, Laschet und Scholz bei konkreten Frage ausweichen, haken Jörg Schönenborn, Marlies Schaum oder Bettina Boettinger nach.

Auf diesen Krimi habe ich im Wahlkampf vergeblich gewartet. Eine Fragestunde auf dem Firmengelände von Thyssenkrupp in Duisburg oder BASF in Ludwigshafen vor Tausenden von direkt betroffenen Arbeitnehmer:innen - das wär's gewesen.

"Klima-Tatort Ludwigshafen"

Martin Brudermüller bei einer Pressekonferent der BASF SE.

BASF-Vorstandsvorsitzender, Martin Brudermüller

Ludwigshafen - Sitz von BASF - dem größten Chemiegigant der Welt. Einer der größten CO2-Produzenten der Republik. Wird ausgerechnet der Klimakiller zum Hoffnungsträger? Das ist die Tatort-Frage. Martin Brudermüller ist der Vorstandsvorsitzende dieses Konzerns. Der 64-Jährige hat den Geist von Fridays for Future geatmet und diskutiert leidenschaftlich im Wirtschaftsrat der Grünen.

Der BASF-Chef ist für mich einer der wichtigsten Klima-Vorkämpfer in Deutschland. Er will den CO2-Ausstoß am Standort Ludwigshafen bis 2030 um 30 Prozent im Vergleich zu 2018 reduzieren. Und bis 2050 auf netto null.

Und er mischt China in Sachen CO2-Reduktion auf: Dort errichtet BASF eine Fabrik, die noch weit größer wird als der Ludwigshafen-Gigant. Nur wenn die USA und China mit im Klimaboot sitzen, gibt es Aussicht auf Erfolg. Aber Brudermüller ist skeptisch, ob die grüne Industrie-Revolution in Deutschland gelingt. Seine skeptischen Fragen haben mir im Wahlkampf gefehlt.

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Was nun, Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz?

Die Frage nämlich wie es ganz konkret gelingen soll die Produktion von Chemie, Stahl und Beton CO2-frei zu machen. Um die fossilen Klimakiller zu ersetzen, brauchen Konzerne wie BASF oder ThyssenKrupp bis zu vier Mal mehr Energie als bisher. Wohlgemerkt regenerative Energie, sonst kann man sich das Ganze sparen.

Denn ohne ein radikales ökologisches Umsteuern dieser drei CO2-intensivsten Industrien ist die Klimakatastrophe programmiert.

Aber wo sind die nötigen gigantischen Offshore-Windparks dafür? Wo sind die Tausenden neuen Windräder? Wo sind die neuen Stromtrassen die dafür sorgen, dass der Strom von Nord nach Süd kommt? Wer sorgt dafür, dass die Verlegung eines Seekabels zur Energiedurchleitung nicht mehr zehn Jahre dauert? Wo sollen die rund 3.000 Windräder stehen, die ganz konkret notwendig sind, damit ThyssenKrupp in Duisburg grünen Stahl produzieren könnte?

Wir brauchen im Rekordtempo neue Energiespeicher, bessere Netze und bessere Steuerungssysteme, um die regenerativen Energien aus den zukünftigen BASF- und RWE-Windparks in der Nordsee Richtung Süden zu bringen. Aber es fehlt der Plan für das Wie. 

Es darf nicht so weiter gehen

Deshalb ist diese Wahl so wichtig. Diese Wahl und die Koalition, die aus ihr hervorgeht, stellt die entscheidenden Weichen für das kommende Jahrzehnt. Klima- und wirtschaftspolitisch. Unabhängig davon, ob der oder die zukünftige Kanzler:in Curry- oder Veggi-Wurst bevorzugt.

"Deshalb wünsche ich mir, dass mindestens 90 Prozent der Wähler:innen ihre Stimme abgeben, wie zu den Zeiten der Bonner Republik." Ralph Sina

Deutschland hat die Wahl - nutzen wir sie!

Haben Sie Ideen, wie Wahlkampf besser funktionieren kann? Oder wie Firmen und Politiker:innen enger zusammenarbeiten könnten? Dann lassen Sie uns darüber sprechen!

Stand: 25.09.2021, 13:30

Kommentare zum Thema

10 Kommentare

  • 10 Omega7 27.09.2021, 13:43 Uhr

    Das ist euch selbstverständlich alles erst NACH der Wahl aufgefallen. Ich lach mich kaputt. Ganz ehrlich, dieser Artikel kommt deutlich zu spät.

  • 9 Mawi 26.09.2021, 15:09 Uhr

    @ Sven: "Ich glaube, daß es keine gute Alternative gibt zu einer jungen Frau mit Familie mitten im Leben." Dann frage ich Sie: Mitten in welchem Leben? Als Teilzeitkanzlerin mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie dem Gendern als oberste Priorität. Das geht an der Politik der Weltbühne vorbei, natürlich nur ganz wenig...

  • 8 Ron 26.09.2021, 14:33 Uhr

    Sie sprechen mir aus dem Herzen. 20 Jahre Stillstand der Infrastruktur treten nun zu Tage. Hohe Steuern und explodierende Energiepreise. Digitalisierung war Chefsache?? Das Volk sieht nix,also weiter so,wahrscheinlich geht es uns noch zu gut!

  • 7 Struppi 26.09.2021, 10:12 Uhr

    Der Wahlkampf ist in diesem Land nie vorbei; ab Montag werden wir mit der kommenden Wahl in RWE- Land zugetextet.

  • 6 Loreley11 25.09.2021, 22:23 Uhr

    Mir es egal von woher das Geld in der Wirtschaft fließt, doch mit einem des höchsten Steuersatzes der Welt, als Bürgerin , sehe ich dieses Geld in dem öffentlichen Leben nicht. Seit mehr als zwanzig Jahren als ich in Deutschland eingewandert, hat sich hier sehr wenig verändert, alles nur noch schlimmer geworden- DB, Müll, Wohnungsnot, selbstgebackene Flüchtlingskrise als die zukünftige Terror-Plage , dumme Bürokratie. Besonders bei der jungen Fachleute macht das alles heute Deutschland nicht attraktiv, dazu steht keine Hoffnung für Veränderung in Sicht. Und gleichzeitig geht die äußere Welt nach vorne. Armes Land, armes Volk!

  • 5 Ben 25.09.2021, 17:15 Uhr

    Die Wahlen sind wie immer nur Spektakel, um dem Volk zu sagen, dass sie gewählt werden möchten. Keine klaren Aussagen. Später ist alles vergessen. Es ändern sich Namen aber nicht die Politik. Bloß das Volk begreift es nicht, wie immer.

  • 4 Hans H. 25.09.2021, 15:17 Uhr

    Im gekennzeichneten Kommentar oder Kolumne ist einseitige Meinung völlig in Ordnung. Beim Umweltschutz bin ich beim Denkansatz mit dabei und gehe noch eine Weile mit aber bei Auswahl zwischen den Extremen würde ich die sogenannten Klima-Leugner als kleineres Übel vorziehen. Es ist inzwischen bei vielen Themen so, dass beim Anfang zustimmen kann aber am Ende immer auf der anderen Seite lande. Ist der Wahlkampfs 2021 endlich vorbei mache ich allerdings nicht drei sondern nur zwei Kreuze; für Erst- und Zweitstimme und die werden durch Erfahrung aus der Vergangenheit beeinflusst und noch ein wenig mit Versprechen für die Zukunft, weniger durch „Kampf“. Nach der Wahl haben wird dann nur noch ein Kreuz, das Kreuz mit der Regierung. Egal wer mit wem, das wird nicht einfach, egal bei welcher Fehlentwicklung man wie den Schwerpunkt setzt.

  • 3 Paul voss 25.09.2021, 13:41 Uhr

    Hallo Herr Sina... Sie sind sicher Grünen Wähler.. Ist doch ok.. Aber der Wahlkampf sollte doch auch im WDR langsam vorbei sein.. Nervig.. Übrigens hab ich schon gewaeht... Alternativen gibt's immer.. Gruss aus Stuttgart..

    Antworten (1)
    • Sven 25.09.2021, 15:14 Uhr

      Ich habe einmal 1987 in NRW die Grünen gewählt, weil sie in NRW gegen Garzweiler II waren. Das Tausende von Menschen Ihre Häuser und Wohnungen verloren, nur damit man die billigere und noch dreckigere Braunkohle im Tagebau baggern konnte und zugleich die Zechen im Ruhrpott schloss, ging mir nicht auf. Kaum im Ministersessel Kehrtwende! Danach habe ich über 30 Jahre die Parteien gewählt, die Klimaschutz "sofort in 30 Jahren" versprachen. Aber wenn man auf dem Land wohnt und durch die Wälder geht, sieht man das schlimme Ausmaß besser als Städter. Ich glaube, daß es keine gute Alternative gibt zu einer jungen Frau mit Familie mitten im Leben. Stattdessen bekommen wir wieder einen Opa egal wie er heißt. Nicht gut, wirklich nicht gut. Und mir ist bewußt, daß ich mehr zahlen muß, weil ich mehr Auto fahre als Städter und ich eine Ölheizung habe, die zu neu ist, um sie schon auszutauschen. Ich nehme es hin, weil es notwendig ist. Und das sage ich, ausgerechnet ich als EX-Grünenhasser!

  • 2 Zu einfach Herr Sina 25.09.2021, 12:44 Uhr

    Hallo Herr Sina, das Volk bekommt, was es verdient. Lacher, geschönte Lebensläufe, dämliche Bücher und ein Teflon-Scholz. Ja aber auch unfähige und nicht bissige Journalisten. Ich gehöre zur älteren Generation, die noch Claus-Hinrich Casdorff und Klaus Bednarz als Beispiel kannten. Bissige Journalisten, die die Politiker mit ihren inhaltslosen "Placebo-Aussagen" nicht hätten durchkommen lassen. Hier hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk versagt. Sie haben die Rundfunkgebühren mitnichten verdient wegen mangelnder Leistung. Bissige Journalisten hätten zur Rente, zum Klima etc.. immer und immer und immer wieder gefragt und Politiker in die Ecke getrieben, bis sie eine klare Aussage machen. Wo sind diese Journalisten? Die jungen Leute - und das sage ich als Opa Ü 50 - können nicht so viel fressen, wie sie kotzen möchten. Und das zurecht! Und ich kotze bei nicht bissigen, lammfrommen Journalisten wie Illner, Maischberger und Co. Der einzig - einigermaßen - bissige Terrier ist Lanz..

  • 1 Christiane König 25.09.2021, 11:55 Uhr

    So ist es! Politiker ohne Mut zur Wahrheit und eine Bevölkerung, die zu einem großen Teil im Anspruch ´weiter so´ verharrt - da kann fff gar nicht laut und vielstimmig genug eine Chance auf Zukunft einfordern. Ich, 71, bin dabei. Vielen Dank, Christiane König (ehemals Kloster) Münster

    Antworten (2)
    • Sven 25.09.2021, 12:51 Uhr

      Hallo Frau König, das ist mir zu kurz gesprungen. Es ist nicht nur die Bevölkerung. In Ihrem Alter kennen Sie auch noch Journalisten wie Casdorff und Bednarz. Die hätten die Politiker nicht so davon kommen lassen mit Ihren Placebos, wie das heute Maischberger, Illner und Co machen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat hier auch versagt. Ich würde liebend gerne meine Rundfunkgebühren bezahlen für einen bissigen, öffentlichkeitswirksamen Journalismus. Aber auch der ÖRR hat sich auf unwichtige Sachen wie Lacher, Buch, Lebenslauf etc. viel zu lange versteift. Es kann mir keiner sagen, daß der ÖRR den Wahlkampf nicht hätte anders gestalten können. Und es ist seine Aufgabe, da das die Privatsender mit ihren Werbepartner sicher niemals machen. Die eigentliche Enttäuschung in diesem Wahlkampf sind nicht die Politiker mit ihren inhaltslosen Sprüchen, sondern die Journalisten, die sie damit durchkommen lassen haben. Markus Lanz nehme ich hier mal aus als Einzigen. Der ging noch.

    • Micha 26.09.2021, 19:35 Uhr

      @Sven: Ich sehe gerade noch die "Aktuelle Stunde". Obwohl die ersten Hochrechnungen die SPD mit 0,2 % v o r der CDU sehen, hat sie in den gezeigten Grafiken "ständig" 1 Sitz weniger im Bundestag als die CDU. - Isses möglich? Ist das der NRW-Ministerpräsidenten-Bonus? --- Es ist noch viel zu früh, um etwas zu sagen, doch fragen möchte ich das WDR-Fernsehen schon etwas: Bin ich einfach verwirrt und kapier' es nicht - oder ist das (vorübergehend) der Lacher der Stunde bis 19:30 Uhr?

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