Streitkultur: Was wir von Lindner und Habeck lernen können

Die Samstagskolumne: Vassili Golod

Kolumne

Streitkultur: Was wir von Lindner und Habeck lernen können

Von Vassili Golod

Sie attackierten sich heftig in Talkshows und im Parlament - doch bald sitzen FDP und Grüne vermutlich zusammen auf der Regierungsbank. Warum wir als Gesellschaft nur durch Streit weiterkommen, erklärt Vassili Golod in der SamstagsKolumne.

Eines vorweg: Ich streite verdammt gerne. Das können Hörer:innen des Machiavelli-Podcasts bestätigen.

Richtig guter Streit ist vielleicht sogar meine größte Leidenschaft. 

Seit ich denken kann, besteht die Welt aus Widersprüchen. In der Regel aus ganz banalen: Zu wenig Salz im Borschtsch (einer köstlichen ukrainischen Rote Bete-Suppe), meinte mein Opa. Ausreichend, meinte Oma. Opa hat in seinem Teller nachgesalzen, Meinungsverschiedenheit geklärt, Familienfrieden gewahrt. Komplizierter wird es, wenn der Streit über Geschmacksfragen hinaus geht.

Es wird laut, Tränen fließen

Zum Beispiel, wenn es um den russischen Oppositionspolitiker und Putin-Kritiker Alexej Nawalny geht. Das ist der Mann, der mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok vergiftet wurde und jetzt aus rein politischen Gründen in einem Straflager inhaftiert ist.

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Aus meiner Sicht muss Nawalny umgehend freigelassen werden. Teile meiner in Russland lebenden Familie sehen das anders. 

Und damit herzlich willkommen in meinem Leben.

Nach dem Giftanschlag zuckten sie mit den Schultern, als handele es sich um eine Bond-Szene. Dass Nawalny in Haft sitzt, finden sie in Ordnung - allein schon deshalb, weil seine ständige Putin-Kritik "unpatriotisch" sei. Doch sobald ich mit Meinungsfreiheit und Menschenrechten argumentiere, wird mir schnell "westliche Propaganda" vorgeworfen. In diesen Momenten ist es schmerzhaft Teil dieser Familie zu sein. Und trotzdem streite ich weiter. Auch wenn es laut wird, Tränen fließen und langes Schweigen folgt.

Die Samstagskolumne: Vassili Golod

Viele haben in der Corona-Pandemie Vergleichbares erlebt. Langjährige Freundschaften sind in die Brüche gegangen, Familien haben sich zerstritten. Einander zuhören, Argumente austauschen, gemeinsam nach Lösungen suchen - darauf wollen sich viele nicht mehr einlassen, haben sich quer gestellt. 

"Ausgerechnet die Politik macht uns seit der Bundestagswahl vor, wie wir diese tiefen Gräben überwinden könnten." Vassili Golod

FDP und Grüne: Saure Freundschaft

Noch vor wenigen Monaten konnten sich FDP und Grüne nicht ausstehen. FDP-Politiker Marco Buschmann warf den Grünen einen "Verbotsfetisch" vor.

Grünen-Urgestein Jürgen Trittin zitierte aus der ZDF-Satireshow "Die Anstalt": "F.D.P.: Fick den Planeten" - was er und fast fünftausend andere lustig fanden, sorgte für Unmut bei vielen Liberalen.

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Und jetzt: Gelb macht keine Witze mehr über den Haarschnitt von Anton Hofreiter und kommt dessen Partei sogar bei ihren vergleichsweise ambitionierten Klimazielen entgegen. Grün erlaubt Porsche-Fan Christian Lindner im Gegenzug auch in Zukunft das für ihn symbolisch wichtige Durchdrücken des Gaspedals auf der Autobahn.

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Drei Lektionen für erfolgreichen Streit

Die grün-gelbe Zitruspartnerschaft der vergangenen Wochen wirkt sich erfrischend auf die Debattenkultur in Deutschland aus. Und zwar nicht, weil Grüne und Liberale plötzlich nicht mehr streiten. Wir können uns sicher sein, dass am Verhandlungstisch leidenschaftlich diskutiert wird. Denn Christian Lindner und Robert Habeck sind nicht nur optisch und rhetorisch sehr unterschiedliche Typen, sie verfolgen auch weiterhin unterschiedliche politische Ansätze, haben große Egos und wollen beide Finanzminister werden. Neu ist das gemeinsame Verantwortungsgefühl.

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FDP und Grüne sind in ihrer frischen politischen Beziehung aneinander gewachsen. Drei Lektionen lassen sich festhalten:

1. Sie haben gelernt, dass sie mit unsachlichen und ideologischen Angriffen bei dem jeweils anderen nicht weit kommen.

2. Sie sprechen jetzt lieber in persönlichen Gesprächen miteinander, nicht auf diversen Medienplattformen übereinander.

3. So finden sie Kompromisse, das schafft Vertrauen für eine nachhaltige Partnerschaft.

Was die Politik kann, können wir auch!

Alle Koalitionsparteien, inklusive der Wahlsiegerin SPD, sind klug genug zu verstehen, dass sie nur gemeinsam etwas bewegen können. Gemeinsamkeit hervorheben - das war in der Vergangenheit nicht für alle so selbstverständlich und ist es mit Blick auf die zerstrittene Union bis heute nicht. Bis Nikolaus soll der Ampel-Koalitionsvertrag stehen. Auf dem Weg dahin wird in 22 Arbeitsgruppen verhandelt und inhaltlich gestritten.

Ich frage mich: Wenn sogar Grüne und FDP konstruktiv streiten können, können wir das dann nicht alle? 

Spätestens in zwei Monaten haben wir eine Antwort auf diese Frage. Dann sitzen viele von uns über die Weihnachtsfeiertage mit unseren Familien zusammen, knabbern Kekse und werden unterschiedliche Meinungen haben zu Corona, zu den Plänen der Ampel-Koalition. 

Oder, wie im Fall meiner Familie, zu der Situation von Alexej Nawalny. Und auch wenn dieser konkrete Streit aussichtslos scheint, werde ich ihn führen. Um weiterzukommen müssen wir streiten - ohne uns zu zerstreiten.

Sehen Sie das anders? Wie wird in Ihrer Familie gestritten? Schicken Sie uns gerne Ihre Erfahrungswerte. Wir freuen uns auf den Austausch. Hier, per Mail oder bei Social Media.

Stand: 23.10.2021, 09:59

Kommentare zum Thema

7 Kommentare

  • 7 Lars 26.10.2021, 22:58 Uhr

    Man sollte versuchen Meinungsverschiedenheiten in sachlichen Diskussionen auszutragen. Streiten geht eigentlich einen Schritt weiter. Fängt da an, wo die Diskussion endet. Es wird emotional, aufgeregt. Man will seine Meinung anderen aufzwingen. Die Sachlichkeit geht schnell verloren. Streiten ist etwas unangenehmes, führt schnell zum Kampf. Streiten erinnert mich an Krieg. Genauso wie Wahlkampf. Es sollte Wahlwerbung heißen. Streiten und Kämpfen wird in der Deutschen Sprache leider (noch) zu oft verwendet. Es zeugt von einer Mentalität wo die Basis das Gegeneinander und nicht Miteinander ist. Das Leben ist KEIN Kampf!

  • 6 Sven 25.10.2021, 08:32 Uhr

    Lindner Finanzen wegen Europa Baerbock Außen Habeck Klima Scholz Kanzler und Lauterbach Gesundheit Digitales FDP Arbeit Hubertus Heil ( Finger in den Hals haben die Sozen keinen anderen? ) und damit Klappe halten nicht diskutieren!! Haha nee war ein Witz, aber könnte mir vorstellen so ungefähr kommt das raus. Ich wünsch Euch was moin moin

  • 5 Detlev Freihoff 24.10.2021, 19:20 Uhr

    Hallo Herr Golod. Mal wieder: Vergleiche hinken. Dieser besonders. Wenn Sie sich mit Ihrer Familie treffen, tauschen Sie sich unverbindlich aus. Da kann jeder auf seiner Meinung beharren, und Sie gehen wieder auseinander. Haben Sie aber ein gemeinsames Ziel vor Augen, wollen Sie sich einer gemeinsamen Verantwortung stellen, ist der Zwang zu vernünftigen Kompromissen zwingend. Sonst wird das nix mit Ziel und Verantwortung. Lindner und Habeck verhandeln und schweigen nach außen über die Details. Das erspart unnötigen Gesichtsverlust. Und ist damit zielführend. Ihre Familie sollte einfach nur nachsalzen und beim Thema Politik schweigen. Da ist das Ziel ein ruhiges Weihnachtsmiteinander. Die Welt retten die anderen.

  • 4 B.Giertz 24.10.2021, 11:20 Uhr

    FDP und Verantwortung übernehmen der war gut auch wenn einem das Lachen im Halse stecken bleibt Lindner geht es nur um das Durchdrücken der Interessen seiner Klientel Egoismus statt Verantwortungsbewusstsein

    Antworten (1)
    • Sven 25.10.2021, 08:51 Uhr

      Es geht ALLEN Parteien und Politikern um das Durchdrücken ihrer Interessen und Ihrer Eitelkeiten ( Ministersessel ). Das ist kein FDP-Phänomen. Und es gibt keine tolle Partei und man wählt das kleinere Übel. Beispiel: Diese Koalition ist die Angenehmste, weil Aufbruch aber nicht jeder geldpol. Furz von rot-grün durchgewunken wird. In NRW z. B. never ever rot-grün. Jeder Eigentümer erinnert sich noch an die schwachsinnige Verordnung der rot-grünen Regierung mit der Dichtungssicherung von Ableitungsrohren für drei Tropfen die "auslaufen", während die Gülle auf die Äcker geschüttet wird. Das braucht keiner und man denke an den unfähigen Innenminister Jäger oder diesen furchtbaren Umweltminister Remmel mit abgebrochenem Studium als Quali. Da ist ein Herr Reul als Beispiel nun wirklich eine Wohltat. Von daher so als Diskussionsbeitrag: Ich kann Leute, die Parteien ideologisch sehen und nicht pragmatisch, echt nicht ab. Jede Zeit hat Ihre Regierung und Land und Bundesland auch different

  • 3 R. Binder 23.10.2021, 12:20 Uhr

    Zu Habeck fällt mir nichts ein aber von Lindner kann man eine Menge lernen; z.B. wie man Land bei Ebbe verkaufen kann. Es sollen massig Milliarden für „Klimaschutz“ ausgegeben werden und bei Lindner ist nur sicher wie es nicht finanziert werden soll, nämlich über Steuern. Bei Maybritt Illner habe ich nur kurz reingeschaut aber passend dazu wie Lindner der Frage ausweicht wie das alles bezahlt werden soll. Ich bin gespannt ob Anne Will morgen den Pudding an die Wand nageln kann. Den Grünen glaube ich den Anspruch nach sozialer Gerechtigkeit aber die haben die reichsten Wähler und schlicht keine Ahnung von der Realität in Schröders besten Niedriglohnsektor den sie mitbeschlossen haben. Nichts gegen zivile „Streitkultur“ aber Lindner und Habeck taugt wohl eher als Beispiel wie einer den anderen über den Tisch zieht. Ein Streit kann konstruktiv sein aber dazu braucht man auch manchmal deutliche Worte und darf Ausweichmanöver nicht zulassen, sonst ist man immer nur bei der halben Wahrheit.

    Antworten (1)
    • mawi 24.10.2021, 02:58 Uhr

      In Deutschland gibt es immer noch ein Rechtsfahrgebot. Daran würde auch ein Tempolimit nichts ändern. Sie sollten also besser nicht von dauerndem Linksfahren träumen. Notorische Links- oder Mittefahrer und Fahrer, die meinen, mit 80 auf die Überholspur ziehen zu müssen, sind weitaus größere Unfallrisiken als diejenigen, die schneller unterwegs sind.

  • 2 Jupp 23.10.2021, 09:42 Uhr

    Danke für den guten Artikel. Aber Ich streite mit: 1. Patriotismis war im II.WK angebracht bei den Russen und Briten aber nicht mehr im 21.Jh - TR, RU, HU, PL, BeloRUS sind auf dem Weg in die Diktatur und Nawalny ist ein Hoffnungsträger genauso wie die weißrussische Oppostionsführerin, die beide weggesperrt wurden! 2. Die Aufgabe des Tempolimits ist ein Schlag ins Gesicht für mich und viele die grün gewählt haben. Wieviele Menschen sterben nun weiter, da der Verkehr auf den Autobahnen, wo rasen weiter erlaubt ist, weiter ungeordnet läuft? Was meine Ich damit? Ich brauche nicht ständig die Spur zu wechseln und nach hinten schaun , ob da wieder einer mit 200 hinter mir kommt... Der Vorteil liegt doch darin. daß man mit 130 auf der linken Spur bleiben kann und es weniger Unfälle durch I) weniger Rasereei und II) weniger Spurwechsel gibt...

    Antworten (4)
    • Hermann 23.10.2021, 10:38 Uhr

      Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er gegen unsere Netiquette verstößt. (die Redaktion)

    • Hermann 23.10.2021, 12:48 Uhr

      Liebe WDR-Redaktion, weshalb haben Sie meine Mail 10.38 Uhr, 23.10.21 gelöscht ? Bitte um Info.

    • M. P. 24.10.2021, 14:38 Uhr

      @ Jupp: Wenn ich mit 130 überhole, möchte ich auch nicht von hinten weggedrängelt werden. Sobald ich aber die Möglichkeit habe, fahre ich wieder auf die rechte Spur (so wie es die StVO vorsieht). Ich habe den Eindruck, dass Autofahrer wie Sie offenbar ein Problem damit haben, sich an die StVO zu halten und damit die mittlere oder linke Fahrspur tatsächlich zu blockieren, nur weil Sie scheinbar zu bequem (zu faul oder auch zu dumm?) sind, ordentlich Auto zu fahren.

    • Sven 25.10.2021, 09:04 Uhr

      Also mit dem Tempolimit ist umweltpol. nun wirklich vernachlässigbar. Und ich teile auch nicht die Meinung. Vorab unverantwortliche Raser und Drängler rede ich nicht das Wort. Aber schnell fahren, den Verkehr beobachten und VORAB reagieren und vom Tempo gehen, wenn viele dichtgedrängt rechts fahren ( weil einer zieht mindestens raus OHNE GUCKEN ) funktioniert auch. Ich fahre schnell wesentlich besser und ausdauernder, da sehr konzentriert. In Holland fahren ist ein Graus, weil eklig langsam und einschläfernd. Nach 1 Std. Holland bin ich so MÜDE, daß ich halten muß, damit ich nicht einpenne und gegen die Leitplanke fahre. Also ich wehre mich entschieden dagegen, daß schnelles Fahren automatisch verantwortlungslos ist. Es ist es dann, wenn es voll ist und nicht geht. Aber dann ist man auch anders konzentriert. Wie viele Überlandunfälle gibt es z. B. in den USA wegen Übermüdung?!!

  • 1 Armin 23.10.2021, 09:20 Uhr

    Ein Pleitier und ein Philosoph: im Grunde auch nur Wendehälse.

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