Deutsch-Russen: "Es ist Putins Krieg, nicht unserer!"

Stand: 05.03.2022, 16:13 Uhr

Der Ukraine-Krieg hat eine neue Eiszeit in den deutsch-russischen Beziehungen eingeläutet. Darunter habe auch die russische Community in Deutschland zu leiden, sagt die Journalistin Walerija Petrowa.

Für die in Russland geborene SWR-Journalistin Walerija Petrowa war ihre Herkunft nie ein Problem: Sie habe "russische Wurzeln und eine ziemlich deutsche Mentalität", heißt es im Begleittext zum SWR-Podcast "njette Mädchen", in dem sie alle zwei Wochen zusammen mit einer Kollegin deutsch-russische Befindlichkeiten auslotet.

Seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs sei alles anders, erklärt sie im WDR-Interview: Seitdem müssten sie und andere Deutsch-Russen mit Anfeindungen und Beleidigungen zurechtkommen. In der Community wachse die Angst vor der Zukunft.

WDR: Frau Petrowa, ist es zurzeit leicht, eine Deutsche mit russischen Wurzeln zu sein?

Walerija Petrowa: Ich würde sagen: nein. Leicht ist es im Augenblick sicher nicht.

WDR: Was hat sich seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs für Sie konkret geändert?

Petrowa: Was ich vorher so noch nicht gekannt habe, sind die vielen Anfeindungen, Beleidigungen, blöde Kommentare. Man hat plötzlich Bedenken, in der eigenen Muttersprache in der Öffentlichkeit zu sprechen. Das Ganze findet auch in den sozialen Netzwerken statt: Dann bekommt man Bilder oder Videos, in denen es heißt: "Russen raus".

WDR: Passiert so etwas nur im Netz?

Petrowa: Es häufen sich Geschichten von Freunden und Bekannten, die seit einer Woche ziemlich schlechte Erfahrungen gemacht haben. Zum Beispiel, dass sie nicht vom Taxi mitgenommen werden, weil sie mit russischem Akzent sprechen. Oder dass sie bei "Ebay Kleinanzeigen" angesprochen werden, dass sie bitte die russische Sprache aus der Anzeige entfernen sollen. Oder dass sie in manchen Restaurants nicht mehr erwünscht sind. Ob das wirklich alles genau so passiert ist, das kann ich auch nicht verifizieren. Aber solche Geschichten sprechen sich in der Community rasend schnell herum - das kann einen schon nervös machen.

WDR: Das klingt, als ob eine ganze Bevölkerungsgruppe plötzlich unter Generalverdacht steht.

Petrowa: Ja, das könnte hinkommen. Ich hab schon das Gefühl, dass viele Leute "die Russen" mit Putin-Unterstützern gleichsetzen. Das ist natürlich nicht der Fall. Menschen, die hier leben, haben in aller Regel einen guten Grund dafür, dass sie Russland verlassen haben. Wer hier aufgewachsen ist, hat rein gar nichts mit diesem Krieg zu tun. Das gilt auch für viele Menschen in Russland. Es ist Putins Krieg, nicht unserer.

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WDR: Wie erlebt ihre Familie diese Zeit?

Petrowa: Meine kleine Schwester ist jetzt 13 und hat sich in der Schule schon einige Beleidigungen von Mitschülern anhören müssen: Geh zurück in dein Land, Scheiß-Russin, solche Sachen. So etwas kannte sie bisher gar nicht und konnte das auch nicht einordnen. Sie hat mich dann gebeten, ihr bei einer Insta-Story zu helfen, in der sie sich von diesem Krieg distanziert. Dass eine 13-Jährige wegen der Ukraine Schuldgefühle hat - das bricht mir echt das Herz.

WDR: Und das kam jetzt alles völlig unerwartet? Vorher gab es nie blöde Sprüche?

Petrowa: Klar hat man auch vorher hin und wieder schlechte Erfahrungen gemacht. Aber das war in der Regel subtiler: Witze über Russen und Alkohol zum Beispiel. Und dass man von neuen Bekanntschaften ständig gefragt wird, wie man zu Putin steht. Aber so gemeine und rassistische Anwürfe wie zurzeit - so was habe ich tatsächlich noch nicht erlebt.

WDR: Wie reagiert die russische Community auf die dramatische Verschlechterung der deutsch-russischen Beziehungen?

Petrowa: Mit Angst. Auch was die Zukunft betrifft. In manchen Telegram- oder Whatsapp-Gruppen geht schon das Gerücht um, dass Menschen mit russischem Pass bald nicht mehr in Deutschland bleiben können. Das ist zwar völlig aus der Luft gegriffen, aber es wird wie verrückt geteilt.

WDR: Erleben Sie denn in ihrem russischen Umfeld auch Zuspruch für Putin und den Krieg?

Petrowa: Ich kann natürlich nicht für alle sprechen. Aber ich persönlich kenne niemanden, der den russischen Angriff auf die Ukraine unterstützt. Aber das ist es ja: Russen, die in Deutschland leben, haben gewöhnlich einen guten Grund dafür. Wer die russische Politik uneingeschränkt unterstützt, muss nicht auswandern.

Das Interview führte Andreas Poulakos

Über dieses Thema berichteten wir am 04.03.2022 auch im WDR Fernsehen: Aktuelle Stunde 18.45 Uhr.

Putins schamloser Krieg – Lena Gorelik

WDR 5 Neugier genügt - Redezeit 02.03.2022 22:35 Min. Verfügbar bis 02.03.2023 WDR 5


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