Krankenhausschließung in Essen: "Da kommen mir die Tränen"

Protestierende halten ein Banner mit der Aufschrift "Krankenhäuser übernehmen – Gesundheitsvorsorge in öffentliche Hand".

Krankenhausschließung in Essen: "Da kommen mir die Tränen"

Von Sebastian Tischkov

Anwohner in Essen-Stoppenberg sind zur Schließung des St. Vincenz-Krankenhauses am Mittwoch mit einem Trauerzug durch den Stadtteil gezogen. Auch die Belegschaft nahm tränenreich Abschied.

Sie tanzten bei Facebook in leeren OP-Sälen und vereinsamten Patientenzimmern zur "Jerusalema-Challenge". Am Mittwoch (30.12.) zogen sie mit schwarzen Sarg und Kerzen durch den Stadtteil. Die Belegschaft des Sankt Vincenz-Krankenhauses in Essen-Stoppenberg wollte nochmal ein Zeichen setzen, bevor ihr Krankenhaus am Donnerstag (31.12.) schließt. Ein Zeichen, das an die guten Zeiten der knapp 139 Jahre alten Klinik erinnert.

"Krankenhaus: Wer braucht denn sowas?" steht auf einem der Transparente, die an diesem Mittwochvormittag ans Stoppenberger Rathaus gehängt wurden. Gut 100 Anwohner haben sich zu dem Trauermarsch eingefunden - corona-konform mit Masken und Abstand. Viele von ihnen fühlen sich vom Klinik-Betreiber und der Essener Politik im Stich gelassen. Vor sechs Jahren hat die Contilia-Gruppe das Haus übernommen – seit einiger Zeit waren dann erst Verkaufspläne, danach die Schließung im Gespräch.

Angst vor schlechter Versorgung

Ein symbolischer Sarg steht vor dem Eingang des St. Vincenz-Krankenhauses, das am Ende des Jahres 2020 geschlossen wird.

Ein symbolischer Sarg steht vor dem Eingang des St. Vincenz-Krankenhauses, das am Ende des Jahres 2020 geschlossen wird.

Menschen aus dem Stadtteil und Klinik-Beschäftigte sprechen von einer Mischung aus Wut, Enttäuschung und Angst vor einer ungewissen Zukunft. Nach der Schließung des Marienhospitals im Stadtteil Altenessen vor drei Monaten sorgen sich die Anwohner im Essener Norden, künftig medizinisch massiv unterversorgt zu sein. Die Fahrt zum nächstgelegenen Krankenhaus sei aus Stoppenberger Sicht doppelt so lang. Gerade in der jetzigen Situation, in der durch das Coronavirus die Intensivbetten knapp werden, ist das für viele unverständlich.

Krankenpflegerin: "Wie eine zweite Familie"

Krankenschwester Hatice Celik steht vor dem Sankt Vincenz-Krankenhaus in Essen, welches kurz vor der Schließung ist.

Eine, die an diesem Mittwoch beim Trauerzug nicht mitlaufen kann, ist Hatice Celik. Die Krankenpflegerin hat ihren letzten Arbeitstag im Sankt Vincenz. "Die Kollegen hier wird man nicht so schnell wiedersehen. Wir sind alle gerne hier gewesen. Das ist wie eine zweite Familie", sagt sie. Seit 28 Jahren arbeitet Celik in diesem Krankenhaus. Sie ist sogar eine der ersten Schülerinnen gewesen, die im Haus ausgebildet wurden: "Man fühlt Trauer, Enttäuschung und einen Vertrauensverlust. Die Emotionen gehen hoch und runter. Das ist einfach nur traurig".

Grabkerzen und weiße Kreuze vor dem Eingang

Als der Sarg vor dem Krankenhaus ankommt, fehlen Hatice Celik die Worte: "Es ist echt traurig. Da kommen mir die Tränen". Zum Abschluss zünden Menschen Grabkerzen vor dem Eingang an – die Trauer, sie ist im Stadtteil zu spüren. Die monatelangen Proteste von Anwohnern und Personal waren trotzdem vergebens.

Stand: 30.12.2020, 17:17