Das Ruhrgebiet feiert seine Buden

Zahlreiche Besucher in Gelsenkirchen vor Dieter Tölle's Trinkhalle

Das Ruhrgebiet feiert seine Buden

  • 20.000 Besucher beim Tag der Trinkhallen
  • Kulturprogramm an 50 ausgewählten Buden
  • Trinkhallen im Ruhrgebiet blicken auf 100-jährige Geschichte zurück

Ursprünglich waren sie zur Versorgung der Arbeiter im Ruhrgebiet mit Mineralwasser entstanden. Entwickelt haben sich daraus kleine Verkaufsläden, in denen auch viele Alltagsartikel angeboten werden. Ein Büdchen gibt es im Ruhrgebiet fast bei jedem "umme Ecke", es ist fester Teil des Lebens im ganzen Revier.

Rund 200 Kioske im Ruhrgebiet haben am Samstag (25.08.2016) beim Tag der Trinkhallen mit Tausenden Besuchern ihre Budenkultur zelebriert.

20.000 Besucher

Trotz einiger Regenschauer kamen nach Angaben von Ruhr Tourismus rund 20.000 Besucher zum Tag der Trinkhallen. Der Zuspruch sei noch größer als 2016 gewesen, als das Event zum ersten Mal veranstaltet worden war.

Mythos Bude: Das Ruhrgebiet feiert die Trinkhalle

Von Antonia Kasparek

Beim zweiten Tag der Trinkhallen am Samstag, dem 25. August 2018, werden ruhrgebietsweit Buden und Kioske zu außergewöhnlichen Micro-Eventlocations. Wir stellen ein paar Büdchen oder Kioske im Revier vor.

Zahlreiche Besucher in Gelsenkirchen vor Dieter Tölle's Trinkhalle

Als "Dorfplatz der Großstadt" ist eben kaum ein anderer Ort so eng mit der Geschichte und den Menschen des Ruhrgebiets verbunden wie die Trinkhalle. Grund genug, die Trinkhallenkultur erneut einen Tag lang im gesamten Ruhrgebiet zu feiern: am Tag der Trinkhallen, am 25. August 2018. Kioske im ganzen Revier werden als Begegnungsort der Kultur(en) gefeiert. Unter dem Motto "Biken, Buden, Bömskes" bieten zahlreiche Trinkhallen der gesamten Metropole Ruhr ihren Kunden etwas Besonderes.

Als "Dorfplatz der Großstadt" ist eben kaum ein anderer Ort so eng mit der Geschichte und den Menschen des Ruhrgebiets verbunden wie die Trinkhalle. Grund genug, die Trinkhallenkultur erneut einen Tag lang im gesamten Ruhrgebiet zu feiern: am Tag der Trinkhallen, am 25. August 2018. Kioske im ganzen Revier werden als Begegnungsort der Kultur(en) gefeiert. Unter dem Motto "Biken, Buden, Bömskes" bieten zahlreiche Trinkhallen der gesamten Metropole Ruhr ihren Kunden etwas Besonderes.

Die Trinkhallen im Ruhrgebiet blicken auf eine über 100-jährige Geschichte zurück. Sie sind zur Versorgung der Arbeiter mit Mineralwasser entstanden. Entwickelt haben sich daraus kleine Verkaufsläden, in denen auch viele Alltagsartikel angeboten werden. Oft gibt es auch belegte Brötchen und Kaffee. Und immer noch kaufen Kinder dort gerne ihre "gemischten Tütchen" für 20 oder 50 Cent nach der Schule. Viel Platz brauchen die Trinkhallen nicht, auch auf engstem Raum bieten sie alles, was ihre Kunden brauchen: vom "Bömmsken" bis zum "Bierchen".

So vielfältig wie die Menschen im Revier sind auch die Buden im Ruhrgebiet. Das zeigt sich auch in ihrer Erscheinung. Manche sind elegant, grob gestaltet, herausgeputzt oder in die Jahre gekommen – aber alle sind wichtige Treffpunkte und "typisch Ruhrgebiet" eben. Rund 50 der typischen Revier-Kioske schmückten sich ab Samstagnachmittag mit Lesungen, Kabarett, Livemusik, Theater oder anderen doch eher Buden-untypischen Veranstaltungen.

Noch ein Eis oder eine Tüte Chips für den gemütlichen Fernsehabend? Schnell noch ein Sektchen oder eine Tiefkühlpizza? Die Trinkhallen haben auch offen, wenn andere Geschäfte schon längst geschlossen sind. Und das meist rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Für viele ist dieses Notversorgungs-Depot für Süßes und Zigaretten oft die Rettung ...

Zum Kiosk "Bei Mampf Fred" in Essen schauen ganz früh morgens meistens Handwerker, Taxifahrer oder Arbeiter vorbei, die von der Nachtschicht kommen. Und ein ganz besonderer Stammkunde, ein Landwirt, kann sich noch daran erinnern, dass früher Pferde an der Bude getränkt wurden. Denn bereits seit über 100 Jahren steht an diesem Ort eine Trinkhalle.

Die Trinkhalle "Bei Mampf Fred" wird derzeit von Jessica Kowalke geführt. Sie hat die Bude von ihrem Vater übernommen. "Mampf" Fred ist jeden Tag von 4 Uhr morgens bis 21.30 Uhr geöffnet. Jessica bietet selbst geschmierte Brötchen, Kartoffelsalat und Bockwürstchen, aber auch Süßigkeiten, Kaffee, Zeitungen, Zahnpasta, Eis und Tierfutter an – im Grunde ist es ein kleiner Tante-Emma-Laden.

Jutta Färber kann sich ein Leben ohne ihren Kiosk in Dinslaken nicht vorstellen. Ihre Mutter hatte die Trinkhalle vor 52 Jahren gepachtet. Als sie vor ein paar Jahren gestorben ist, hat Jutta Färber die Bude übernommen. Sie ist mit der Trinkhalle aufgewachsen und wohnt im angrenzenden Haus. Durch ihre Wohnung kommt die 65-Jährige direkt in ihre Bude und sagt: "Solange ich fit bin, mache ich weiter." Früher waren viele Zechenmänner Kunden, die Zeche ist auch direkt in der Nähe. Heute kommen viele Stammkunden und Schüler. Manchmal bekommt Jutta auch Geschenke von Kunden oder Kinder malen ihr ein Bild.

"Die Bude lebt von den Menschen", sagt Andreas Kontny, Inhaber von "Kontny’s Kiosk". Die Trinkhalle in Mülheim an der Ruhr gehört dem Duisburger seit mehr als vier Jahren. Zuvor war auch er selbst dort Stammkunde. Für Andreas Kontny gehört zum "Budenkult" am Kiosk ein "Quätschken" oder ein "Bierchen" dazu.

Fred-Dietmar Hundacker in seiner Trinkhalle "Frühstück bei Freddy" in Essen-Frillendorf. Vor zweieinhalb Jahren hat er die Bude übernommen. Hier gibt es Getränke, Tabak, Süßwaren, Zeitungen und Lebensmittel. Geöffnet hat er von 5 bis 22 Uhr, den Hauptumsatz macht Fred-Dietmar Hundacker aber vor allem mit belegten Brötchen am Morgen – hier ist der Name eben Programm.

Auch in diesem Kiosk ist der Name Programm: Aufgrund der Vielzahl seiner Stammkunden, die Hartz IV beziehen, hat sich der Besitzer des Kiosks im Duisburger Stadtteil Hochfeld zur Umbenennung seiner Trinkhalle in "Hartz IV Ecke" entschieden. Wie viele Buden im Ruhrgebiet ist auch diese "anne Ecke" zu finden.

Seit 35 Jahren steht Elke Joachimsmeier hinter dem Tresen der nach ihr benannten Bude in Eickel, für viele eine feste Anlaufstelle im Quartier. Dass sie mehr als ihr halbes Leben in einer "Bude" verbringen würde, hätte sich Elke Joachimsmeier auch nicht träumen lassen, als sie ihrem Mann vor mehr als 35 Jahren während des Unterrichts im Oberhausener Kolleg einen Zettel rüberschob: "Lass uns einen Kiosk aufmachen." Sie würde sich nicht noch einmal mit einem Kiosk selbstständig machen, sagt sie ehrlich. Bei täglich zwölf Stunden Öffnungszeit bleibt nicht viel Zeit für anderes.

Der Kiosk "Zwischenstopp" ist der letzte Kiosk vor dem BVB-Stadion in Dortmund und in der Fanszene bekannt. Vor den BVB-Spielen kommen oft Fans vorbei, um sich ein "Wegbier" zu besorgen. Aber sie kommen auch danach, um das Spiel zu analysieren und dabei ein Kaltgetränk zu schlürfen. Den Kiosk gibt es bereits seit circa 30 Jahren. Tahsin Tekin ist seit Januar der Inhaber. Der begehbare Kiosk liegt im Dortmunder Kreuzviertel und vermittelt Kiez-Flair. Es herrscht eine große Nachbarschaftskultur. Der Besitzer fühlt sich dadurch immer wieder an Berlin-Kreuzberg erinnert, wo er mehrere Jahre gewohnt hat. "Hier kommen Studierende, Professoren, Ärzte und Hartz-IV-Empfänger hin", sagt Tekin, "ein bunt gemischtes Publikum“.

Heinz und Erika Blumenstein in ihrer Trinkhalle "Erikas Futterstübchen" in Essen-Stoppenberg. Inhaberin Erika Blumenstein hat die Trinkhalle vor 40 Jahren eröffnet. Ungewöhnlich kurz für ein Büdchen sind die Öffnungszeiten von 7 bis 20 Uhr, aber die Rechnung geht auf. Erika Blumenstein macht ihren Hauptumsatz vor allem mit Zigaretten und hausgemachten Frikadellen.

Ein Hingucker ist das "Blaue Büdchen" in Ruhrort. Es ist eine der ältesten Trinkhallen in Duisburg und steht unter Denkmalschutz. Hier gibt es frische Brötchen, Frikadellen, Bockwurst, Gulaschsuppe und vieles mehr – natürlich auch Süßwaren und die auf Wunsch zusammengestellte "gemischte Tüte" mit Colafläschen, Teufelchen, Brausebonbons und Lakritz.

Holgers "Erzbahnbude" feiert nächstes Jahr Zehnjähriges. Holger selbst kommt aus Hamburg und hat dort als Fahrradkurier gearbeitet, bevor er ins "Büdchen-Geschäft" eingestiegen ist. Als er eines Tages auf der Erzbahntrasse mit dem Fahrrad unterwegs war und gestürzt ist, kam ihm die Idee für das Büdchen. Als er nämlich seinem Kollegen am Telefon erklären sollte, wo er ist, wurde Holger klar: Hier gibt es nichts, was er beschreiben konnte. In der Erzbahnbude gibt es Kaffee, Kuchen, Radler, kleine Snacks, Infos für Radfahrer und ganz wichtig: Flickzeug und Schläuche, denn die meisten Kunden sind mit dem Rad unterwegs. Die Bude hat ab 9 Uhr geöffnet und dann so lange, bis niemand mehr kommt. Oft spielen Musiker an der Bude, meistens ab 18 Uhr zum Sonnenuntergang. Man darf auch gerne selbst die Klampfe in die Hand nehmen. Die meisten Gäste sind Radfahrer und Pendler, die täglich mit dem Rad zur Arbeit fahren. Auch hier ist das Publikum gemischt, denn "auf dem Rad sind wir alle gleich", sagt Holger.

Der "Heide-Kiosk" in Recklinghausen wird von Geschwistern geleitet. Es gibt ihn schon seit zwölf Jahren, drinnen hängen Fotos der Gäste. Es werden nicht nur Süßigkeiten, Getränke und Eis, sondern auch Toilettenpapier oder Saucen angeboten. Außerdem gibt es im Kiosk drinnen und draußen Sitzmöglichkeiten. Das Besondere: Kunden und Besitzer treffen sich hier täglich, manche Kinder haben eine Eis-Flatrate, weil sie so oft kommen. Der Heide-Kiosk ist nicht nur ein Kiosk, sondern eine Kiosk-Clique. Einmal wurde jemand von seiner Frau verlassen, da haben andere Kunden Essen für ihn am Kiosk hinterlegt. Es gibt auch einen wöchentlichen Frauenstammtisch, da wird dann gemeinsam Fernsehen geguckt, gequatscht und manchmal sind auch Männer erwünscht.

Die Trinkhalle Zollerneck an der Bockenfelder Straße in Dortmund-Boevinghausen liegt in der Nähe der Zeche Zollern II/IV. Die Menschen hier kommen meist aus Bergbaufamilien. Sie sind nicht nur ihrem Büdchen verbunden, sondern auch einem weiteren Element des Lebens im Revier – dem Fußball – genauer gesagt, Borussia Dortmund, dem BVB.

Leider grassiert aber auch ein "Kiosksterben" im Ruhrgebiet. Diese Trinkhalle in Duisburg-Marxloh musste schließen.

Dieser Entwicklung entgegenwirken sollen Aktionen wie der "Tag der Trinkhallen", aber auch Projekte wie der Designkiosk "Anne Bude" in Essen – der zur Kultuhauptstadt Ruhr.2010 initiiert wurde. Doch auch dieser Kult-Kiosk "wahma" (war einmal), denn "Anne Bude" ist geschlossen, eine Essener Institution ist nicht mehr. Bei Elli und Wolfgang gab es leckere Brötchen und immer ein freundliches Hallo. Die Betreiber haben den Laden des verstorbenen Bruders "Bambus-Klaus" auf Sylt übernommen. Dort haben sich einige Stammkunden aus dem Pott schon für die Ferien angekündigt.

Egal, ob vor oder hinter dem Verkaufstresen: Jeder hat seine ganz eigene Geschichte parat, wenn es um die Trinkhallen, Buden, Büdchen und Kioske im Ruhrgebiet geht. Beim Tag der Trinkhallen im Ruhrgebiet werden einige davon neu erzählt. Da gibt es übrigens die Anstecker mit der Aufschrift "Ich bin Budist" – und das sind wir in NRW doch eigentlich alle, oder? Kommse anne Bude ...

Treffpunkte im Stadtteil

Ob man sie Büdchen, Buden, Kioske oder Trinkhallen nennt: Die kleinen Verkaufsstellen für Süßigkeiten, Zeitungen, Tabakwaren und vieles mehr sind der Treffpunkt im Stadtteil. Kaum ein anderer Ort wie der "Dorfplatz der Großstadt" ist so eng mit der Geschichte und den Menschen des Ruhrgebiets verbunden wie die Trinkhalle.

Begegnungsort der Kultur(en)

Kioske im ganzen Revier wurden zum zweiten Mal als Begegnungsort der Kultur(en) gefeiert. Sieben Stunden lang fand an 50 ausgewählten Buden ein buntes Kulturprogramm statt, das von der Ruhr Tourismus GmbH organisiert wurde. Unter dem Motto "Biken, Buden, Bömskes" boten zahlreiche Trinkhallen der gesamten Metropole Ruhr ihren Kunden etwas Besonderes wie Lesungen, Kabarett, Livemusik, Theater oder andere doch eher Buden-untypische Veranstaltungen an.

Ruhrgebiet feiert Tag der Trinkhallen: Anne Bude umme Ecke

WDR 2 25.08.2018 03:38 Min. Verfügbar bis 25.08.2019 WDR 2

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Stand: 26.08.2018, 14:20

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