Einmalige Forschung in Bochum: Spinnen werden gemolken

Die Seidenspinnen in ihrem Netz

Einmalige Forschung in Bochum: Spinnen werden gemolken

Von Nathalie Arendt

Die langen dünnen Beine und der dicke Körper machen beim ersten Anblick direkt Gänsehaut. Dabei kann die goldene Radnetzspinne Gutes tun - mit ihrer Spinnenseide!

Anna Bartz verzieht keine Miene, als die handgroße langbeinige Spinne über ihre Hände krabbelt - ganz im Gegenteil! Sie liebt die achtbeinigen Tiere. "Für mich ist es das schönste, die Spinne auf dem Arm zu haben. Für mich hat das eine sehr beruhigende Wirkung", erzählt die Doktorandin der Uniklinik Aachen.

Jetzt forscht sie an ihren Lieblingstieren. Im Fokus stehen dabei die Spinnenfäden. Andere Forschungsgruppen untersuchen bereits, wie damit zum Beispiel Wunden genäht werden können. Doch Anna Bartz möchte auf Spinnenseide Knochenersatzmaterial züchten. Eine deutschlandweit einmalige Forschung.

Spinnenseide wird gemolken

Anna Bartz mit ihren Lieblingstieren

Anna Bartz und ihr Forschungspartner

Wichtig dafür ist das Spinnenmelken! Das geht nur bei den ausgewachsenen Weibchen. Dafür legt Anna Bartz das Tier auf den Rücken. Mit einer Pinzette zieht die Doktorandin den Spinnfaden aus dem Hinterteil der Spinne und befestigt ihn an einer Spule. Die dreht sich dann und wickelt so den goldgelben Faden auf.

Aufwändiges Verfahren

500 Meter Spinnenseide brauchen etwa zwei Stunden - und für jeden Versuch braucht Anna Bartz über 100 dieser Webrahmen. Eine sehr aufwändige Arbeit! Den Webrahmen dafür und den Prototypen der "Melkmaschine" hat Anna Bartz selbst aus Lego-Technik gebaut.

Hilfe bei Knochenbrüchen

Die Spinnen-Melkmaschine

Die Spinnen-Melkmaschine wickelt die Seide auf

Im Labor sät sie auf den Rahmen Stammzellen aus menschlichen Hüftgelenken aus. Die sollen dann an der Seide kleben bleiben und wachsen. Daraus soll perfektes Knochenersatzmaterial entstehen. "Das wird für Menschen geeignet sein, die zum Beispiel nach einem Verkehrsunfall große Knochenbrüche erlitten haben. Dann natürlich auch bei Knochentumoren, bei Osteoporose - überall da, wo Knochenersatzmaterial benötigt wird", sagt Anna Barzt, während sie dabei zusieht, wie die Spinnenseide sich immer weiter aufwickelt.

Tierpark züchtet Spinnen

Der Tierpark Bochum stellt die goldenen Radnetzspinnen für das Projekt. Die kann man besonders gut melken. Momentan leben hier etwa 200 Radnetzspinnen - die meisten hinter den Kulissen. Die Haltung und Aufzucht der Tiere ist aufwändig. Bisher gibt es erst 20 melkbare Spinnen. Das soll sich aber ändern.

Stolze Partner

Die Seidenspinne auf der Hand der Forscherin

Die Seidenspinne auf der Hand der Forscherin

"Wir sind überzeugt von der Forschung und würden uns freuen, wenn sie soweit vorangetrieben werden kann, dass sie in der Klinik zum Einsatz kommt. Dann können wir sagen: wir haben dazu beigtragen, dass das entwickelt wurde", freut sich Kerstin Schulze vom Tierpark Bochum. Und wenn das wirklich passiert, dann wird diese Spinnenforschung vielen Menschen helfen.

Spinnenseide - Zukunftsmaterial für die Medizin?

WDR 5 Quarks - Hintergrund 21.07.2020 12:39 Min. Verfügbar bis 21.07.2025 WDR 5


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Stand: 23.07.2021, 12:29