Mordprozess Nicole-Denise Schalla: Angeklagter unter Coronaverdacht

Der Angeklagte verbirgt auf der Anklagebank im Landgericht sein Gesicht hinter einer Gesichtsmaske, einer Brille und unter einer Kapuze.

Mordprozess Nicole-Denise Schalla: Angeklagter unter Coronaverdacht

Fast 30 Jahre nach dem Tod der damals 16-jährigen aus Dortmund sollte der Prozess am Mittwoch zu Ende gehen. Weil der Angeklagte Ralf H. unter Coronaverdacht steht, wurde der Termin aber aufgehoben.

Der Prozess hätte am Mittwoch endlich seinen Abschluss finden können. Nur Plädoyers und Urteil fehlen noch. Der Termin wurde abgesagt, weil sich der Angeklagte möglicherweise mit Covid-19 infiziert hat. Ein Folgetermin am kommenden Montag (11.01.2021) steht aber noch.

Im Oktober 1993 war Nicole-Denise Schalla in Dortmund auf dem Heimweg aus dem Bus gestiegen. Dann wurde sie getötet. Die Staatsanwaltschaft ist sich sicher: Es war der Angeklagte, der heute 55-jährige Ralf H. Der Vorwurf: Mord. "Er soll sie überfallen und dann getötet haben", sagt Gerichtssprecher Dr. Thomas Jungkamp.

Neue DNA-Technik führte zum Angeklagten

Auf die Spur von Ralf H. sind die Ermittler vor drei Jahren durch neue DNA-Techniken gekommen. Der Prozess drehte seitdem einige Extrarunden. Ein erster Anlauf war wegen einer erkrankten Richterin geplatzt.

Die Eltern von Nicole-Denise Schalla treten in dem Mammut-Prozess als Nebenkläger auf. Für sie ist das Verfahren eine emotionale Herausforderung. Das sagten Joachim und Sigrid Schalla bei Prozessbeginn. Seitdem haben sie keinen Verhandlungstermin verpasst.

Vater des Opfers griff Angeklagten an

Im vergangenen August war es zu einem Zwischenfall gekommen: In einer Verhandlungspause war der Vater auf den Angeklagten losgegangen, hatte ihn beleidigt und geschlagen. Dabei traf er auf dessen Anwalt. Das Gericht ermahnte den Vater.

Gegen den Angeklagten spricht, dass eine Hautschuppe mit seiner DNA in der Leistengegend des toten Mädchens gefunden worden war. Juristisch ist das aber kein Beweis, sondern nur ein Indiz. Die Rechtsanwälte von Ralf H. werden daher voraussichtlich auf Freispruch plädieren.

Schwierige Entscheidung für das Gericht

Für das Schwurgericht geht es nicht nur darum, ob Ralf H. der Täter war. Entscheidend ist auch, ob es Mord oder Totschlag war. "Für den Fall, dass er Täter wäre, aber nicht ein Mordmerkmal erfüllt hätte, wäre die Tat bereits verjährt", erklärt Gerichtssprecher Thomas Jungkamp.

Das heißt: Das Gericht müsste das Verfahren einstellen. Und zwar selbst dann, wenn es davon überzeugt wäre, dass Ralf H. die Tat begangen hat. Er bliebe trotzdem auf freiem Fuß.

Stand: 05.01.2021, 17:01