Rechtsextremes Untergrund-Netzwerk im Ruhrgebiet?

Rechtsextremes Netzwerk C18 im Ruhrgebiet? 05:45 Min. Verfügbar bis 28.05.2020

Rechtsextremes Untergrund-Netzwerk im Ruhrgebiet?

Von Christof Voigt und Tobias Al Shomer

  • Offene Propaganda für rechtsextreme Terrorgruppe "C18"
  • Schwerpunkt von C18-Straftaten liegt im Ruhrgebiet
  • Spuren führen auch zu Kamener Geschäftsfrau

"C18" steht für "Combat 18", also "Kampf(-gruppe) Adolf Hitler". Bei den Anhängern von "C18" ist von Waffenaffinität und individueller Gewaltbereitschaft auszugehen, sagt Innenminister Reul. Trotzdem ist "C18" nicht verboten.

Propaganda für rechte Terrororganisation

Auf Demonstrationen der rechtsextremen Splitterpartei "Die Rechte" tritt ein Dortmunder Neonazi seit Wochen offen mit "C18"-Symbolik auf. Einem ganz bestimmten Drachen. Der steht europaweit für "C18" und diese Gruppe gilt als militanter Arm des ultraextremen Neonazi-Netzwerks "Blood and Honour".

Der, der da so offen Propaganda für eine international vernetzte rechte Terrororganisation macht, ist kein Unbekannter. Robin S. hat als Brieffreund der verurteilten Rechtsterroristin Beate Zschäpe bundesweit Schlagzeilen gemacht.

Robin S. auf einer Demonstration am 1. Mai in Duisburg

Robin S. auf einer Demonstration am 1. Mai in Duisburg

Er selbst saß lange im Gefängnis, wegen eines bewaffneten Raubüberfalls, bei dem er einen Menschen durch vier Schüsse schwer verletzt hat. Für den Rechtsextremismus-Experten Dierk Borstel von der Dortmunder Fachhochschule, ist das Verhalten von S. alarmierend: "Das Bekenntnis zu C18 ist eines zu Militanz, ist eines zu rechtsterroristischen Anschlägen. Da reden wir über die schlimmste, militanteste Form des Rechtsextremismus."

International vernetzt

S. selbst will sich auf Nachfrage des WDR nicht zu "C18" äußern. Unsere Recherchen zeigen aber: er ist schon lange im "C18"-Umfeld aktiv, hat viele internationale Kontakte, etwa nach Polen, England oder Skandinavien. Besonders enge Verbindungen werden ihm zu William Browning nachgesagt. Der gilt als einer der "C18"-Köpfe in England und war 2016 mehrfach in Dortmund.

Und zwar kurz nachdem Robin S. eine mehrjährige Haft verbüßt hatte. Im Juni und Oktober 2016 nahmen die beiden Rechtsextremisten gemeinsam an Demonstrationen der Dortmunder Neonazi-Szene teil.

Musik und Konzerte wichtig für C18-Strukturen

Robin S. ist nicht der einzige Dortmunder Neonazi mit Verbindungen zum "C18"-Netzwerk. Auch Marko G., langjähriger Freund von Robin S., ist dort tief verstrickt. Der Sänger der rechtsextremen Band Oidoxie hat das "Combat18"-Logo auf seiner Brust tätowiert. Mit seiner Band spielt G. regelmäßig die Hymne der "C18"-Bewegung "Terrormachine, Combat 18".

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C18-Spuren führen auch nach Kamen

Rechtsextreme

Bei unserer Recherche stoßen wir im Internet auf das Foto der Geschäftsführerin eines Unternehmens aus Kamen. Es zeigt sie und einen Dortmunder Neonazi bei einem rechten Konzert 2017 in Thüringen.

Außerdem werden auf einer antifaschistischen Internetseite Kontoauszüge eines führenden deutschen "C18"-Aktivisten veröffentlicht. Dort tauchen auch die Namen der Kamener Geschäftsfrau und des Dortmunder Neonazis auf. Demnach haben sie dem "C18"-Mann Geld überwiesen.

Ob- und wenn ja, warum sie das Geld überwiesen haben und wie sie zu C18 stehen, hätten wir gerne gewusst, eine Anfrage an die Unternehmerin bleibt aber unbeantwortet.

Geld für Waffen?

Eine Entwicklung, die die Grünen im Land mit Sorge sehen. Wenn Geld in rechtsterroristische Strukturen fließe, sei das immer gefährlich, etwa weil das Geld zum Kauf von Waffen genutzt werden könnte, sagt Verena Schäffer, Abgeordnete der Grünen im Landtag: "Die Sicherheitsbehörden müssen da nicht nur sehr genau hinschauen, sondern müssen meines Erachtens auch überprüfen, ob die gesetzlichen Voraussetzungen dafür da sind, diese Vereinigung zu verbieten."

Fäden laufen bei „Die Rechte“ zusammen

Demonstration Partei "Die Rechte" am 25.05.2019 in Dortmund

Demonstration Partei "Die Rechte" am 25.05.2019 in Dortmund

Welche Rolle "C18"-Strukturen in der rechtsextremen Dortmunder Splitterpartei "Die Rechte" spielen, bleibt unklar. Auf den Demonstrationen der Partei hat Robin S. in den vergangenen Wochen nicht nur offen "C18"-Symbolik zur Schau gestellt.

Am Samstag (25.05.2019) war er maßgeblich an der Logistik und Organisation einer Demonstration der Partei in Dortmund-Hörde beteiligt, baute zum Beispiel Lautsprecher auf dem Demo-LKW auf, ordnete während der gesamten Demonstration das Geschehen rund um diesen LKW.

Und am Steuer des Demo-Lasters: Marco G., der "C18"-Sänger. Auf Verbindungen zum "C18"-Netzwerk angesprochen, wollte einer der beiden Vorsitzenden der Partei, Sascha Krolzig, dem WDR nicht antworten. Es ist ein enges, schwer zu durchschauendes Netzwerk, das die Rechtsextremisten im Ruhrgebiet aufbauen.

Interview mit Rechtsextremismus-Forscher Dierk Borstel

Rechtsextremismus-Forscher Dierk Borstel von der FH Dortmund erklärt im Interview, was "Combat 18" genau ist.

WDR: Was ist "Combat 18"?

Rechtsextremismus-Forscher Dierk Borstel

Rechtsextremismus-Forscher Dierk Borstel

Dierk Borstel: "Combat 18" ist eine Art rechtsterroristisches Netzwerk, ein internationales Netzwerk. Es ist einst entstanden aus den Blood & Honour-Strukturen. Die sind ja in Deutschland verboten, haben aber trotzdem weiter existiert.  Und diese Blood & Honour-Bewegung hat im Endeffekt zwei Flügel: der eine Flügel setzt auf Kultur, vor allem auf Musik und Konzerte und "Combat18" ist der militante Arm. Sie setzen auf Gewalt, sie setzen auf Anschläge und sie setzen auf ein Konzept, was sich „Führerloser Widerstand“ nennt.

WDR: Was bedeutet das, wenn ein bekannter Neonazi in Dortmund sich offen zu "Combat 18" bekennt, zum Beispiel indem er eine Jacke mit dem "C18-Drachen" trägt?

Borstel: Erstmal ist es eine eindeutige Androhung von Militanz und Gewalt. Das Bekenntnis zu "C18" ist eines zu Militanz, ist eines zu rechtsterroristischen Anschlägen. Da reden wir dann nicht über irgendeine Jugendkultur, über irgendwelche Mitläufer, sondern da reden wir über die schlimmste, militanteste Form des Rechtsextremismus . Die Jacke ist natürlich ein Bekenntnis, was aber nicht heißt, dass er losschlagen muss.

WDR: Wie ernst sind diese Drohgebärden?

Borstel: Wir wissen natürlich in Dortmund, dass wir gerade eine Radikalisierung von Einzelpersonen erleben. Das Problematische bei "Combat 18" ist, dass es ein anderes Netzwerk ist, als wir das bei den Nazis sonst kennen. Üblicherweise haben Nazis einen Führer und die anderen folgen. Das ist bei "Combat18" aber nicht der Fall. Das heißt eben führerlos. Jeder, der sich selbst dazu berufen fühlt, kann Teil dieser Bewegung werden und soll selber den Zeitpunkt bestimmen, wann er mit Militanz loslegt.

WDR: Was bedeutet das?

Borstel: Es ist der Aufruf an jeden einzelnen, wann der Schritt für die Bewegung da sein soll. Das heißt: wann soll es eine Gewalttat geben oder einen militanten Anschlag? Jeder ist für sich berufen, über diesen Zeitpunkt zu entscheiden. Dazu gehört eben auch, möglichst vorher keine großen Reden zu halten, öffentlich aufzufallen. Unauffälligkeit schützt ja auch vor Verfolgung und das macht die Sache für polizeiliche Organe nochmal schwieriger, sie überhaupt zu beobachten.

WDR: Warum sind die Rechtsterroristen ausgerechnet vor der Europawahl aktiv geworden?

Borstel: Dieser ganze Bereich Partei, Wahlen gilt eigentlich als relativ wenig erfolgsversprechend. Und das sind dann immer Zeiten, wo die anderen Flügel, das heißt sowohl der kulturelle als auch der militante Flügel, wieder im Aufschwung sind, zu sagen:  'Jetzt ist die Zeit reif. Wir haben Unterstützung aus der Mitte der Gesellschaft für unsere Werte.' Das zeigt sich in der AfD und den Wahlergebnissen und auch in dem, was deren Politikerinnen und Politiker kund tun. Und sie verstehen es eben als Aufforderung, sozusagen dieser Stimme auch mit Gewalt ein zusätzliches Signal zu geben.

WDR: Wie viel Sorge bereitet Ihnen aktuell "Combat 18"?

Borstel: Mir bereitet es große Sorgen. Beim Rechtsterrorismus sprechen wir über den Bereich, wo wir über Tote, über sehr, sehr schlimme Attentate nachdenken. Der NSU war ja zum Beispiel eine Struktur, die da auch teilweise in der Szene als Vorbild gehandelt wird.

Das Interview führten Christof Voigt und Tobias Al Shomer

Straftaten mit C18-Bezug in NRW

In NRW sind in den vergangenen 10 Jahren insgesamt 12 Rechtsextremisten mit einem "C18"-Bezug straffällig geworden. Insgesamt sind die für 84 Straftaten verantwortlich. Darunter das Zeigen verfassungsfeindlicher Symbole, Bedrohung, gefährliche Körperverletzung oder Nötigung. Dabei stechen vor allem Dortmund mit 41 Taten, aber auch Köln mit 20 deutlich heraus. Das Innenministerium geht davon aus, dass zurzeit neun "C18"-Mitglieder in NRW leben. 

Grafik Straftaten mit Combat 18-Bezug in NRW 2009-2019, Dortmund 41

Grafik Straftaten mit Combat 18-Bezug in NRW 2009-2019

Stand: 28.05.2019, 23:00