Raserszene und Corona: "Leute sind völlig unterzuckert"

Raserszene und Corona: "Leute sind völlig unterzuckert"

Die Raserszene im Ruhrgebiet wächst - und wird aggressiver. Für den Essener Tuner und Szenekenner Klaus Stadler ist auch die Corona-Krise dafür verantwortlich. Ein Interview.

Der Essener Klaus Stadler betreibt eines der größten Tuning-Netzwerke für Mustang-Fans weltweit und unterstützt die Initiative "Tuning is not racing". Zu illegalen Treffen, wie am Samstag in der Dortmunder City, hat er eine klare Meinung.

WDR: Herr Stadler, in Dortmund hat die Polizei Samstagnacht ein riesiges, inoffizielles Tuner- und Rasertreffen beendet. Eine Ausnahme oder wächst die Szene?

Klaus Stadler: Die Szene hat unglaublich viel Zulauf bekommen. Was gestern in Dortmund los war, ist absolut keine Ausnahme. Eher die Regel.

WDR: Welchen Einfluss hat Corona?

Klaus Stadler Portrait

Klaus Stadler

Stadler: Corona ist ein absoluter Beschleuniger. Die Leute sind völlig unterzuckert, die haben einen Riesen-Drang. Man merkt das auch in den einschlägigen Tuner-Portalen, wie unzufrieden sie sind. Dann kommt es fast automatisch, dass einer sagt: Wir treffen uns einfach!

Und dann kommt es zu diesen illegalen Rennen. Sie fühlen sich einfach sicher, weil ja allgemein weniger Verkehr auf den Straßen ist.

WDR: Kann man Tuner- und Raserszene eigentlich klar voneinander trennen?

Stadler: Kann man. Tuner lieben es einfach zu zeigen, was man mit Autos auf legale Weise machen kann. Mit TÜV, mit Zulassung und so weiter. Auch wenn ich 700 PS unter der Haube habe, muss ich das nicht im Straßenverkehr beweisen.

Die Raser haben vielleicht nur 80 PS, die sie aber gnadenlos ausreizen. Da geht es nur um den Kick.

WDR: Wie ticken die Fans? Ist an den Vorurteilen was dran: jung, männlich, bildungsfern und rücksichtslos?

Stadler: Viele sind bestimmt so. Aber das ist nicht ausschließlich ein Jugend-Phänomen, da sind alle Altersgruppen dabei. Auch an der Ampel kann man durchaus erleben, dass ältere Fahrer dich zum Rennen auffordern.

WDR: Sie sind ja schon seit vielen Jahren in der Szene unterwegs. Hat sie sich in dieser Zeit drastisch verändert?

Stadler: Die Stimmung ist viel aggressiver geworden. Es gibt auch keinen Respekt mehr vor Polizei und Staat. In den 80ern gab es vielleicht mal kurze Ampelrennen mit 80, 90 km/h. Und da hat man schon Angst gehabt.

Heute zieht man durch die Innenstadt mit 160 Sachen. Die Hemmschwelle ist stark gesunken. Es gibt keine Spielregeln mehr.

Das Interview führte Andreas Poulakos.

Das Gespräch wurde für die Online-Version sprachlich bearbeitet und gekürzt.

Stand: 11.01.2021, 09:18