Prostitution im Lockdown: "Freier fragen trotz Corona nach Sex"

Prostituierte auf einer Demonstration für die Öffnung der Bordelle in Stuttgart im August

Prostitution im Lockdown: "Freier fragen trotz Corona nach Sex"

Seit Mitte November bleiben die Türen von Bordellen wegen Corona geschlossen. Viele Prostituierte sind aber gezwungen, illegal weiterzuarbeiten.

Seit November verbietet die Corona-Schutzverordnung Prostituierten die Ausübung ihrer Tätigkeit. Das führt viele Betroffene in finanzielle Notlagen, erzählt die Essener Sozialarbeiterin Maike van Ackern. Sie erlebt im Rahmen ihrer Beratung, vor welche Problemen der Lockdown Prostituierte stellt.

"Sie werden ihrer Existenzgrundlage beraubt."

"Viele Frauen waren lange selbstständig, haben ihr Geld verdient und dann geht das plötzlich nicht mehr", erklärt van Ackern. "Sie werden ihrer Existenzgrundlage beraubt." Dazu komme, dass Prostituierte aus Osteuropa häufig nach Deutschland kommen, um ihre Familie zu unterstützen. Andere Betroffene finanzierten über ihre Tätigkeit eine Drogensucht.

Deshalb arbeiten einige Frauen illegal weiter und begeben sich dabei in gefährliche Situationen. Während es auf dem Essener Straßenstrich Beratungsmöglichkeiten und Alarmeinrichtungen gibt, "sind sie jetzt in dunklen Gewerbegebieten tätig oder treffen sich in Privatwohnungen", so die Sozialarbeiterin. Wie viele Frauen illegal arbeiten, kann sie nicht schätzen. "Viele Absprachen werden über das Internet getroffen."

Nachfrage ist weiterhin da

Das beobachtet auch die Streetworkerin Petra Jochheim aus Oberhausen. Sie erzählt von Internetseiten, in denen Prostituierte sich trotz Lockdown zum Sex anbieten - oder angeboten werden. Denn für Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden, ändert sich durch Corona wenig. „Die Freier fragen trotz Corona Sex nach", so Jochheim. "Und den Zuhältern ist es egal, wenn sich die Frauen anstecken."

Gebäude von außen mit rot beleuchteten Fenstern

Im Lockdown hat die Wohnungsprostitution zugenommen, sagt Streetworkerin Petra Jochheim.

Deshalb habe die Wohnungsprostitution, also der Verkauf von Sex in Privaträumen, durch die Schließung von Bordellen zugenommen. Auch Frauen, die im Bordell wohnten, seien der Streetworkerin zufolge weiter davon abhängig, sich zu verkaufen. "Die Prostitution ist jetzt im Dunkelfeld."

Wenig finanzielle Hilfen

Zwar können Prostituierte nach Angaben des NRW Wirtschaftsministeriums November- und Dezemberhilfen vom Bund beantragen. Das gilt aber nur, wenn sie ihr Gewerbe angemeldet haben und über eine Steuernummer verfügen.

Dazu kommt, dass Prostituierte nur Arbeitslosengeld beantragten können, wenn sie regelmäßige Steuerzahlungen nachweisen. "Das ist schwierig, denn viele Frauen heben ihre Quittungen nicht auf", erklärt Petra Jochheim. Darüber hinaus müssen sie in beiden Fällen in Deutschland gemeldet sein, sodass viele Prostituierte aus Osteuropa überhaupt keine Anträge stellen können.

Sexkaufverbot nach Nordischem Modell kontrovers

Die geschlossenen Bordelle gleich zu lassen? Immer wieder fordern Politiker verschiedener Parteien ein Sexkaufverbot nach skandinavischem Vorbild. Im sog. Nordischen Modell können Freier für den Erwerb von sexuellen Dienstleistungen bestraft werden. Prostituierte selbst werden nicht kriminalisiert und sollen beim Ausstieg unterstützt werden.

Maike van Ackern hält ein solches Verbot nicht für sinnvoll, denn Sexarbeit und Menschenhandel müssten unterschieden werden. "Menschenhandel ist ein Straftatbestand und sollte selbstverständlich bestraft werden. Auf der anderen Seite gibt es viele Frauen, die diesen Beruf freiwillig ergreifen."

Für Petra Jochheim ist ein Sexkaufverbot dagegen "ein guter Ansatz, um Menschenhandel zu verhindern." Außerdem schaffe ein solches Gesetz auch Bewusstsein und Kultur. "Den Freiern wird das Recht auf die Benutzung eines Frauenkörpers abgesprochen."

Stand: 25.01.2021, 16:19