Polizistinnen sollen Kollegen in Lebensgefahr allein gelassen haben

Der Angeklagte betritt mit Krücken den Gerichtssaal

Polizistinnen sollen Kollegen in Lebensgefahr allein gelassen haben

Von Jan Schulte

Ein 37-Jähriger hatte auf mehrere Polizisten in Gevelsberg geschossen. Im Prozess in Hagen zeigt sich: Zwei zufällig vorbeifahrende Polizistinnen haben ihren Kollegen nicht geholfen.

Seit dem 13. Januar läuft vor dem Hagener Landgericht der Prozess gegen Vitalij K. aus Ennepetal. Der 37-Jährige soll im Mai vergangenen Jahres auf mehrere Polizisten in Gevelsberg geschossen und einen getroffen haben. Am dritten Prozesstag lässt die Richterin ein Beweisvideo abspielen - gleich mehrmals. Eine Dashcam im Streifenwagen hatte alles aufgezeichnet.

Dashcam-Video wirft Frage auf: "Wo waren Ihre beiden Kolleginnen?"

Zu sehen ist darin, wie während der Kontrolle des Angeklagten ein weiterer Polizeiwagen mit zwei Polizistinnen auf der Gegenspur vorbeifährt. Der 29-jährige kontrollierende Polizist gibt ein Handzeichen. "Ich wollte, dass die Kolleginnen zur Unterstützung anhalten", sagte er im Prozess.

Nur wenige Augenblicke später eskaliert die Situation. Auf dem Video ist zu sehen, wie der verdächtige Mann plötzlich in sein Fahrzeug springt, wie die beiden Beamten versuchen, ihn nach draußen zu zerren – und wie sich schließlich mehrere Schüsse aus dem Fahrzeuginneren lösen. Der 29-jährige Polizist sackt getroffen zu Boden.

Polizistinnen: Aus Angst davon gerannt

Im laufenden Prozess wurden die 32- und 37-jährigen Polizistinnen als Zeuginnen befragt. Beide geben an, dass sie tatsächlich angehalten haben. Das Winken des Kollegen hätten sie zunächst als Gruß wahrgenommen. Erst im Rückspiegel hätten sie gesehen, wie der Verdächtige flüchten wollte.

Als dann die Schüsse fielen, hätten es die beiden Frauen mit der Angst zu tun bekommen. Zunächst seien sie in Deckung gegangen und seien dann davongerannt. In diesem Verhalten sieht die Staatsanwaltschaft eine unterlassene Hilfeleistung. Beide hätten ihre Kollegen dem Schicksal überlassen.

Polizistinnen erwartet Strafverfahren

Die Beamtinnen sind mittlerweile in den Innendienst versetzt. Wegen "gemeinschaftlicher versuchter gefährlicher Körperverletzung durch Unterlassen" wird ihnen am 27. April 2021vor dem Amtsgericht Schwelm der Prozess gemacht. Den beiden Frauen droht der Ausschluss aus dem Polizeidienst.

Stand: 19.01.2021, 12:27