Bochumer Obdachlose: "Das ist schlimmer als die Hölle"

Obdachloser Mann mit Käppi und Kapuze auf dem Kopf

Bochumer Obdachlose: "Das ist schlimmer als die Hölle"

Wolfgang Riedel ist obdachlos. Trotz Minusgraden muss er diesen Tag draußen in Bochum verbringen, gegen die Kälte anlaufen. Die Lokalzeit Ruhr hat ihn ein Stück begleitet.

"Das ist schlimmer als die Hölle, die Kälte", sagt Wolfgang Riedel. Seine Winterjacke hat er bis oben hin zugezogen. Doch sie reicht kaum aus, um ihn gegen die Minusgrade zu schützen, die an diesem verschneiten Tag in Bochum herrschen. Er trägt eine löchrige Käppi, über die er die Kapuze seines Pullovers gezogen hat. Keine Handschuhe, kein Schal.

Kein Platz für Wolfgang Riedel

Wolfgang Riedel hat an diesem Montag kein Glück gehabt. Der Tagesaufenthalt für wohnungslose Menschen in der Nähe der Bochumer Innenstadt ist voll. Er hatte gehofft, noch einen Platz zu bekommen. Zehn Personen dürfen sich dort momentan tagsüber aufhalten und aufwärmen.

Jetzt steht der 35-Jährige draußen vor der Tür. Im Schnee. Die Flocken wirbeln um ihn herum. Um gegen die Eiseskälte anzukämpfen, läuft er gegen sie an. Sein Weg führt ihn zur Bochumer Jahrhunderthalle. Dort hat er einen Zufluchtsort gefunden.

Einen Platz in der Nähe einer Stromanlage. Sie strahlt etwas Wärme aus und der Schnee kommt dort nicht hin. "Da leg ich mich hin", zeigt Wolfgang Riedel. Zeit rumkriegen, das ist das Ziel. Bis die Notschlafstellen für die Nacht öffnen und er ins Warme kann.

Hilfsverein kritisiert Angebote in Bochum

Genau wegen Menschen wie Wolfgang Riedel hat der Hilfsverein Bodo e.V. in Bochum nun Alarm geschlagen. Der Verein gibt die Straßenzeitung "bodo" heraus. Bastian Pütter, der Leiter der Redaktion, macht sich Sorgen über die Situation in der Stadt.

"Anlaufstellen sind meist geschlossen, die Suppenküchen und Essensausgaben können nicht so arbeiten, es gibt keine Tagesaufenthalte“, so Pütter. Dem WDR gegenüber betont er, dass schon im vergangenen Jahr auf die prekäre Situation aufmerksam gemacht wurde.

Im Dezember hat die Stadt Bochum ihr Kältekonzept verabschiedet: Zehn Seiten lang, auch mit einem Abschnitt über die Obdachlosenhilfe im Lockdown. Der Bodo-Verein kritisiert besonders die Notfallpakete aus dem Konzept: 30 Pakete mit jeweils einem Rucksack, einem Schlafsack, einer Iso-Matte und Hygieneartikeln. Das ist zu wenig, so der Hilfsverein.

"Manchmal kann Nachfragen Leben retten"

Vor allem aber gibt es zu wenig Aufenthaltsmöglichkeiten, sagt Pütter. Als am vergangenen Sonntag (07.02.) der Schnee über Bochum hereingebrochen ist, sind Pütter zufolge Obdachlose trotz des eiskalten Wetters aus den Unterkünften verwiesen worden. "Das haben wir als lebensgefährlich erachtet“.

Bastian Pütter appelliert an die Bürger: "Wenn Sie jemanden sehen, der wohnungslos ist und so aussieht, als könnte er Hilfe gebrauchen, fragen Sie ihn oder sie. Und rufen Sie zur Not einen Rettungswagen oder die Polizei. Manchmal kann dieses besorgte Nachfragen Leben retten“.

Leben im Ausnahmezustand – Bei Wohnungslosen

WDR 5 Neugier genügt - Freifläche 24.11.2020 11:10 Min. Verfügbar bis 24.11.2021 WDR 5


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Mittlerweile hat die Stadt Bochum aber reagiert: Mehrere Einrichtungen und auch eine Schule sollen nun tagsüber für Menschen ohne Wohnung geöffnet werden. Wolfgang Riedel ist darauf angewiesen, dass die Stadt ihre Versprechen hält. Denn die kommenden eiskalten Tage machen dem 35-Jährigen und vielen anderen obdachlosen Menschen Angst.

Stand: 08.02.2021, 20:13

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