mehrere Männer sitzen an Tisch im Gerichtssaal, jede Zweiergruppe getrennt durch Corona-Schutzfolien

Dortmund: Prozessauftakt gegen Neonazis wegen Kirchturmbesetzung

Stand: 12.04.2022, 10:30 Uhr

Am Dienstag hat vor dem Jugendschöffengericht in Dortmund der Prozess gegen elf Neonazis begonnen. Sie sollen im Dezember 2016 den Turm der Dortmunder Reinoldikirche besetzt haben.

Der erste Prozess richtet sich gegen fünf der elf angeklagten Neonazis. Wegen der räumlichen Kapazitäten wurde der Prozess aufgeteilt.

Den elf Angeklagten aus der rechten Szene wird Hausfriedensbruch und Nötigung oder Beihilfe dazu vorgeworfen. Acht von ihnen sollen im Dezember 2016 den Kirchturm "besetzt", dabei ein Banner gegen eine vermeintliche "Islamisierung" aufgehängt und Pyrotechnik gezündet haben. Die restlichen Angeklagten sollen unterhalb des Turms Flugblätter zu der Aktion verteilt haben.

Neonazis haben den Tatort offenbar ausgekundschaftet

Zeugenaussagen einer Kirchenmitarbeiterin und mehrerer Polizisten lassen darauf schließen, dass die Rechtsextremen ihre Aktion gut vorbereitet hatten. Die Mitarbeiterin erinnerte sich daran, dass wenige Tage vor der "Besetzung" zwei Neonazis in der Kirche waren und sich unter anderem erkundigten, ob man auch zur Adventszeit mit einer größen Gruppe auf den Turm dürfe.

Ein Teil einer zerstörten Tür liegt im Glockenturm der Reinoldikirche

Die Polizei brach die Tür zum Kirchturm auf

Während der Aktion hatten sich die Neonazis auf dem Kirchturm verbarrikadiert. Dazu sollen sie nach Zeugenaussagen mit einem Metallbolzen und Spanngurten die Tür zur Aussichtsplattform fixiert haben, damit diese nicht mehr geöffnet werden kann. Die Polizei musste die Feuerwehr anfordern, um die Tür aufzusägen. Erst dann konnten die Beamten die Rechten in Gewahrsam nehmen.

Die Angeklagten haben sich bisher nicht zu den Vorwürfen geäußert.

Pfarrerin übertönt Parolen der Neonazis mit Kirchturmglocken

Friedrich Stiller von den Christ*innen gegen Rechts war an dem Abend zufällig mit seiner Familie auf dem Weihnachtsmarkt und ganz in der Nähe der Aktion. Als er Böller und Rufe hörte, ging er zur Kirche, um nachzusehen, was da los war.

Eine Glocke im Kirchturm der Reinoldikirche

Die Glocken der Reinoldikirche übertönten die Parolen der Neonazis

Als er erkannte, was auf dem Banner stand, informierte er die Pfarrerin, die an dem Abend Dienst hatte. Die ließ spontan die Glocken des Kirchturms läuten - als Protest gegen die Aktion der Neonazis und um deren Parolen zu übertönen. Auch vor der Kirche gab es Protest, erinnert sich Friedrich Stiller. Mehrere Menschen hätten lautstark "Nazis raus!" gerufen.

Das Glockengeläut brachte der Pfarrerin eine Anzeige der Neonazis wegen Körperverletzung ein. Dieses Verfahren wurde aber eingestellt. Die Staatsanwaltschaft sah im Läuten der Glocken eine Notwehrhandlung gegen die Aktion der Rechten.

Prozessbeginn nach über fünf Jahren

Der Fall sollte eigentlich schon 2020 verhandelt werden, musste aber wegen der Coronapandemie verschoben werden. Friedrich Stiller ist froh, dass der Fall endlich vor Gericht landet: "Es ist sehr wichtig, dass es auch eine juristische Aufarbeitung gibt. Weniger wegen der Schwere der Straftat, als wegen des Zeichens, dass der Rechtsstaat das nicht duldet."

Über dieses Thema berichten wir auch im Radio in der Lokalzeit auf WDR 2 am 12.04.2022.