Verurteilter Mörder von Nicole-Denise Schalla vor Haftantritt geflohen

Stand: 23.12.2021, 16:34 Uhr

Der zuletzt in Münster lebende Ralf H. hat seine Fußfessel abgelegt und ist geflohen, kurz bevor er seine lebenslange Haft hätte antreten müssen.

Der Mann war im Januar in Dortmund für den Mord an der damals 16-jährigen Schülerin Nicole-Denise Schalla zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Rund 27 Jahre nach der Tat. Nach dem Urteil hatte sein Anwalt Revision eingelegt.

Bis zur Entscheidung des Bundesgerichtshofs blieb Ralf H. frei, da er vorher schon zwei Jahre in Untersuchungshaft gesessen hatte. Weil die Justiz keine Fluchtgefahr sah und das Urteil noch nicht rechtskräftig war, blieb der Deutsche nach dem Schuldspruch frei und bekam eine Fußfessel. Die hat er nach Angaben der Staatsanwaltschaft wohl am Dienstagabend in Münster abgelegt und ist seitdem verschwunden.

Wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft sagte, wurde das Urteil nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshof vor wenigen Tagen rechtskräftig. Am Dienstag sei die Staatsanwaltschaft darüber informiert worden, woraufhin sie die Haft vollstrecken lassen wollte. Die Behörden fahnden nach Ralf H.

Lebensgefährtin als Fluchthelferin?

Die Polizei fahndet inzwischen europaweit nach ihm und seiner Verlobten. Gegen die 54-jährige Frau wurde Haftbefehl wegen Beihilfe erlassen. Sie soll bei der Flucht geholfen haben. Möglicherweise begleitet sie den Mann. Die Polizei sucht auch nach dem Fluchtwagen der beiden - Mercedes C-Klasse in blau mit Münsteraner Kennzeichen.

Für Eltern des Opfers ist die Flucht "eine Katastrophe"

Die Mutter von Nicole-Denise, Sigrid Schalla, ist entsetzt: "Das ist das Schlimmste, daß er wieder mit irgendwas durchkommt. Er wird nicht einfach festgenommen, kann sich seiner Fußfessel entledigen - das ist ein schlechter Witz."

Anwältin Arabella Pooth, die Nicole-Denise Schallas Eltern als Nebenkläger vor Gericht vertreten hatte, sagte am Mittwochabend: "Es war klar, dass der Mann sich seiner Haftstrafe nicht stellen würde." Dass er nach dem Prozess zunächstauf freiem Fuß geblieben war, sei rechtlich zwar möglich gewesen, aber aus ihrer Sicht falsch. Dass der Mann nun verschwunden sei sei für die Eltern des Opfers "eine Katastrophe" und schwer zu begreifen.

Sein Verteidiger Udo Vetter bestätigte am Mittwoch, dass auch er die Entscheidung des Bundesgerichtshofes erhalte habe. Mehr wisse er derzeit nicht. Im Prozess hatte der Anwalt stets auf die schwachen Indizien hingewiesen. Der Gerechtigkeit sei nicht genüge getan, wenn jemand verurteilt werde. "Es muss auch der Richtige verurteilt werden", so Vetter.

Der inzwischen rechtskräftig verurteilte Mörder war 2018 nach einer Neuauswertung von DNA-Spuren festgenommen worden. Dabei ging es um eine Hautschuppe, die auf der Leiche von Nicole Schalla gefunden worden war. Das 16-jährige Opfer war 1993 in einem Dortmunder Vorort überfallen und erwürgt worden - aus sexuellen Motiven. Ein erster Prozess war wegen einer kranken Richterin geplatzt.