Missbrauch im Bistum Essen: Papst Benedikt XVI. schwer belastet

Stand: 21.01.2022, 07:08 Uhr

Ein neues Gutachten zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche erhöht den Druck auf den früheren Papst Benedikt. Er soll auch von Fällen im Bistum Essen gewusst haben.

Mit Spannung hatten Betroffene von sexueller Gewalt im Bistum Essen auf das Gutachten aus München gewartet, das am Donnerstag vorgestellt wurde. Es geht vorrangig um Fälle im Erzbistum München und Freising. Im Mittelpunkt steht dabei auch ein Priester, der aus dem Bistum Essen nach München kam und der im Ruhrgebiet für mehrere Taten verantwortlich gemacht wird.

Papst Benedikt bestreitet seine Verantwortung

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. ist in dem neuen Gutachten nun schwer belastet worden. Benedikt habe als damaliger Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger in vier Fällen nichts gegen des Missbrauchs beschuldigte Kleriker unternommen, teilten die Gutachter am Donnerstag in München mit.

Papst Benedikt XVI.

Der frühere Papst Benedikt XVI.

In zwei der Fälle, bei denen die Gutachter ein Fehlverhalten des damaligen Münchner Erzbischofs sehen, sei es um Kleriker gegangen, denen mehrere begangene und auch von staatlichen Gerichten attestierte Missbrauchstaten vorzuwerfen seien. Beide Priester seien in der Seelsorge tätig geblieben, kirchenrechtlich sei nichts unternommen worden. Ein Interesse an den Missbrauchsopfern sei bei Ratzinger "nicht erkennbar" gewesen.

Essener Fall war Ratzinger wohl bekannt

Die Gutachter sind mittlerweile auch überzeugt, dass Ratzinger Kenntnis von der Vorgeschichte des Priesters Peter H. hatte, der 1980 aus dem Bistum Essen nach München kam. H. war als Pädophiler verurteilt und beging später im Erzbistum München weitere Missbrauchstaten. Rechtsanwalt Martin Pusch sagte, Ratzinger habe bei der Erstellung des Gutachtens zunächst eine "anfängliche Abwehrhaltung" gezeigt. Diese habe er aber später aufgegeben und ausführlich schriftlich Stellung genommen.

Sexualisierte Gewalt: Erfahren, was die Kirche wusste

WDR 5 Morgenecho - Westblick am Morgen 20.01.2022 03:28 Min. Verfügbar bis 20.01.2023 WDR 5 Von Christina Zühlke


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In dieser Stellungnahme lehnte Benedikt eine Verantwortung "strikt" ab, die Gutachter halten aber daran fest, wie Rechtsanwalt Martin Pusch sagte.

Kardinal Marx: "Erschüttert und beschämt"

Auch dem Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, wird Fehlverhalten im Umgang mit Verdachtsfällen vorgeworfen. Marx bat noch am Nachmittag die Opfer um Entschuldigung. Sein erster Gedanke gelte den Betroffenen sexuellen Missbrauchs, die durch kirchliche Vertreter Unheil in einem erschreckenden Ausmaß erlebt haben, sagte er in einem Statement. "Ich bin erschüttert und beschämt."

Er fühle sich mitverantwortlich für die Institution Kirche, erklärte der frühere Vorsitzende der Bischofskonferenz, der im Sommer wegen solcher Missbrauchsfälle und den Umgang damit eigentlich auch sein Bischofsamt abgeben wollte. "Die Missbrauchskrise ist und bleibt eine tiefe Erschütterung für die Kirche."

Im Ruhrgebiet hofft man auf Konsequenzen

Betroffene aus Bottrop hoffen nach der Veröffentlichung des Gutachtens mehr denn je, dass alle Verantwortlichen jetzt zur Rechenschaft gezogen werden. Denn der Priester aus Essen hatte ihnen viel Leid angetan. "Für uns als Betroffene ist wichtig, dass jemand, der gravierende Fehler gemacht hat, auch seinen Hut nehmen muss", fordert Markus Elstner, der einer der Betroffenen ist.

Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer zeigte sich im Gespräch mit dem WDR nach der Veröffentlichung des Gutachtens betroffen. "Ja, es erschüttert mich", so der Vertreter des Bistums.

Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer vor dem Essener Dom

Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer

Gleichzeitig sei das Gutachten auch ein Befreiungsschlag. Pfeffer betonte, "dass jetzt mal wirklich die Zeit vorbei sein muss, sich irgendwie aus der Affäre zu ziehen als Verantwortungsträger, auch wenn man Papst gewesen ist. Und auch mal deutlich zu sagen, ja, ich hatte damals eine Verantwortung. "

Derzeit prüft die Justiz, ob kirchliche Verantwortungsträger sich womöglich strafbar gemacht haben. Die Staatsanwaltschaft München untersucht 42 Fälle von Fehlverhalten kirchlicher Verantwortungsträger. Dies bestätigte die Sprecherin der Behörde der Deutschen Presse-Agentur.

Betroffene setzen an Essener Dom ein Zeichen

Auch als Reaktion auf das Gutachten wollen nun Betroffene und Kirchen-Initiativen wie Maria 2.0 am Freitagnachmittag in Essen ein Zeichen setzen. Sie versammeln sich dann auf dem Burgplatz am Essener Dom und wollen in einem stillen Protest auf die Verantwortung des dort ansässigen Bistums in den Fällen hinweisen.