Vom Priester missbraucht: Ein Opfer bricht sein Schweigen

Rolf Kraus in der Kirche Heilig Kreuz in Köln Weidenpesch

Vom Priester missbraucht: Ein Opfer bricht sein Schweigen

Von Carmen Krafft

Die Übergriffe des Priesters Nikolaus A. beschäftigen nach Jahrzehnten der Vertuschung drei Bistümer - auch Essen. Zuletzt lebte er als Pensionär in einer Gemeinde in Bochum-Wattenscheid. Zum ersten Mal erzählt nun ein Opfer vom jahrelangen Missbrauch.

Rolf Kraus (70) hält seine Tränen nicht zurück. Seit 50 Jahren ist er wieder in seiner Heimat-Kirche Heilig Kreuz in Köln-Weidenpesch. Vier Jahre Jahre habe ihn Anfang der 60er Jahre der damals junge Kaplan Nikolaus A. missbraucht. Auch im Beichtstuhl. Es ist die Erinnerung an traumatische Augenblicke, die Kraus lange in sich hineingefressen hat. "Ich musste zugucken, wie A. onanierte. Hinterher fragte er mich, ob es mir gefallen hat und ließ mich zehn Vaterunser beten."

Übergriffe in der Dienstwohnung

Nikolaus A. zelebrierte

Setzte Umgang mit Kindern in der Gemeinde fort: Priester Nikolaus A.

Es blieb nicht beim Verhöhnen und Zugucken. Rolf Kraus ist gerade erst zehn, als der Kaplan seine erste Stelle in Weidenpesch antritt. In der Dienstwohnung sei A. körperlich übergriffig geworden. Immer wieder. "Es fing jedes Mal damit an, dass ich mich vor dem Spiegel ausziehen musste." Noch heute wacht der 70-Jährige jede Nacht auf, hat Alpträume. Als Erwachsener ist er zweimal kurz davor, Suizid zu begehen.

"Ich konnte mich niemandem offenbaren"

Rolf Kraus mit großem Bruder: vom Gemeinde-Priester jahrelang missbraucht

Rolf Kraus mit älterem Bruder Anfang der 60er Jahre

"Ich konnte mich niemandem offenbaren, war ihm damals ausgeliefert", so Kraus. "A. drohte mir und höhnte, dass mir sowieso keiner glauben würde." Rolf Kraus wuchs in einem streng katholischem Elternhaus auf. Nikolaus A. war sich seiner Sache offenbar sicher: Kinder schweigen. "Ich war nicht der einzige, es gab weitere Betroffene." Rolf Kraus trifft seinen Schulfreund Walter Wissmann: "Ich bin davongekommen, in der Dienstwohnung damals abgehauen", erzählt Wissmann. "Aber nackt vor den Spiegel mussten sich viele stellen."

Pfarrstellen gewechselt

Rolf Kraus geht es jetzt vor allem darum: Öffentlich machen, dass die Katholische Kirche den Fall Nikolaus A. jahrelang vertuschte, Kinder wie ihn dem pädokriminellen Priester auslieferte. Das Erzbistum Köln und das Bistum Münster schickten Nikolaus A. von einer Pfarrstelle in die nächste. Köln erlaubte ihm, immer wieder das Bistum zu wechseln. Obwohl er mehrfach von Gerichten als Sexualstraftäter verurteilt worden und seine Pädophilie diagnostiziert war.

Jahrzehntelange Vertuschung

Nikolaus A. als junger Kaplan

Nikolaus A. als junger Kaplan

Bereits Anfang der 60er Jahre wussten die vorgesetzten Geistlichen in Köln von Übergriffen in Köln-Weidenpesch. So steht es in einem Gutachten, dass das Erzbistum in Auftrag gegeben hat. Erzbischof Rainer Maria Woelki hat es bisher nicht veröffentlicht. Auf der Webseite des Bistums heißt es lapidar, dass im Fall A. "...Verantwortungsträger informiert gewessen sein mussten."

Antrag auf Entschädigung

Gerade hat Rolf Kraus beim Erzbistum Köln einen Antrag auf Entschädigung gestellt. Nicht, dass damit das Leid wieder gutgemacht werden könnte. "Aber es geht mir darum, dass die katholische Kirche uns als Betroffene endlich ernst nimmt."

Stand: 15.01.2021, 18:14