Kaum Lohn für viel Arbeit: Schwere Vorwürfe gegen Hagener Kurierdienst

Ein Kurierfahrer liefert Pakete aus, Symbolbild

Kaum Lohn für viel Arbeit: Schwere Vorwürfe gegen Hagener Kurierdienst

Von Philip Michael

  • Ex-Mitarbeiter von Hagener Kurierdienst fühlen sich betrogen.
  • Zwischen 130 und 200 Euro Lohn für einen Monat Arbeit.
  • WDR-Recherchen widerlegen Arbeitgeber.

Radi Radev und Ivan Dinev sind verzweifelt. Einen Monat haben sie Vollzeit gearbeitet - bis zu elf Stunden am Tag - und dafür kaum Geld gesehen, in einem Fall gerade mal 130 Euro in bar.

Dabei wurden ihnen nach ihrer eigenen Aussage viele Dinge versprochen, als sie beim Hagener Ein-Mann-Unternehmen "Zülal Türkeli Kurierdienste" anfingen, Touren zu fahren: zum Beispiel ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis und die Vorfinanzierung einer eigenen Wohnung.

Falsche Versprechen

Radi Radev seitzt mit seiner Familie auf einer Couch.

Radi Radev und seine Familie.

Als Radev und Dinev ihre erste Fahrt machten, hatte keiner von ihnen einen Arbeitsvertrag gesehen, erzählen sie uns. Sie wurden von ihrem Chef ständig vertröstet. Ivan Dinev hat bis zum Ende des Beschäftigungsverhältnisses keinen Vertrag unterschrieben. Sein Kollege Radev bekam nach Drängen wenigstens einen Minijob-Vertrag. Arbeiten mussten sie in Vollzeit.

"Zülal Türkeli Kurierdienste" fährt Touren als Sub-Subunternehmen vor allem für die Apothekergenossenschaft Noweda - einen der größten Pharma-Großhändler in Deutschland. Noweda arbeitet bundesweit ausschließlich mit Subunternehmern und versorgt so rund um die Uhr Apotheken mit Ware. Aber auch für die Deutsche Post fahre "Zülal Türkeli Kurierdienste", so Dinev.

Türkeli-Anwalt: Radev hat nur an zwei Tagen gearbeitet

Zülal Türkelis Antwort ist überraschend. Er teilt schriftlich über seinen Anwalt mit, dass Radi Radev überhaupt nur an zwei Tagen für ihn gearbeitet habe: "Richtig ist, dass Herr Radev (…) an zwei Einsatzterminen (…) für unseren Mandanten als Kurierfahrer auf Basis eines Minijobs tätig war. Herr Radev ist danach nicht mehr zur Arbeit erschienen und hat sich auch nicht mehr bei unserem Mandanten gemeldet. (…) Die weitere, in Ihrem Schreiben erwähnte Person (gemeint ist Ivan Dinev; Anm. d. Redaktion) ist unserem Mandanten nicht bekannt."

Unsere Recherchen zeigen: das stimmt nicht. Es gibt Zeugen, die uns bestätigen, dass Ivan Dinev ihnen regelmäßig Medikamente geliefert hat. Mehrere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in zwei verschiedenen Apotheken erzählen, dass sie sich sehr genau an ihn erinnern.

Apotheken-Mitarbeiterinnen erinnern sich

Eine Apotheken-Mitarbeiterin spricht mit einem der Fahrer.

Die Apotheken-Mitarbeiterin kennt den Fahrer.

"Der Herr hat Ende 2016 über mehrere Wochen Medikamente an uns geliefert", sagt Apotheken-Mitarbeiterin Kerstin Stickel. "Ich erinnere mich besonders an ihn, weil er so gute Arbeit geleistet hat. Er ist mir positiv aufgefallen, war immer nett und zuverlässig."

Es gibt weitere Belege. Ivan Dinev ist auf einem Blitzerfoto zu sehen. Am 30. Dezember 2016 war er zu schnell gefahren. Der Halter des Fahrzeugs ist ein Vertragspartner von Noweda namens WeSt-Logistik aus Bochum. Zülal Türkeli ist Subunternehmer von WeSt Logistik und damit Sub-Subunternehmer von Noweda. WeSt Logistik hat Zülal Türkeli nach eigenen Angaben Wagen zur Verfügung gestellt, zusätzlich zu Türkelis eigenen Wagen. Der Wagen, den Dinev gefahren ist, steht also in Verbindung mit Zülal Türkeli. Der hat auf die neuen Erkenntnisse des WDR bislang auch auf direkte Anfrage nicht reagiert.

Noweda will Fahrer schützen

Ein Noweda-Standort

Ein Standort der Apothekergenossenschaft Noweda.

Inwiefern steht die Apothekergenossenschaft Noewda als Auftraggeber selbst in der Verantwortung? Noweda antwortet, dass viele Vorkehrungen getroffen würden, um Fahrer zu schützen. Man verpflichte zum Beispiel die Vertragspartner dazu, die gesetzlichen Auflagen zu befolgen. Noweda hafte schließlich "als Bürge" für die ordnungsgemäße Zahlung des Mindestlohns durch einen Subunternehmer an dessen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Und weiter: "In unserer Verantwortung sehen wir auch, soweit der rechtliche Rahmen dies zulässt, unsere Vertragspartner zu kontrollieren, bei erwiesenen Verstößen zu handeln und uns ggf. vom jeweiligen Vertragspartner zu trennen." Im Fall Türkeli hat das nicht funktioniert und ist nur durch unsere Recherchen bekannt geworden.

"Opfer sind meistens die Fahrer"

Norbert Weidlich von der Gewerkschaft Verdi in Hagen ist Experte auf dem Gebiet der Logistik- und Expressdienst-Branche. "Firmen engagieren Subunternehmer meist, um Geld zu sparen und flexibel zu bleiben. Die Opfer sind meistens die Fahrer. Mir ist ein Rätsel, warum eine Firma wie Noweda, deren Kerngeschäft es ist, Medikamente zu liefern, die Kurierfahrten auslagert.“ Das Problem sei schon im System angelegt.

Die Betroffenen im Gespräch mit WDR-Reporter Philip Michael.

Die Betroffenen im Gespräch mit WDR-Reporter Philip Michael

Weidlichs Forderung: Die Verantwortung der großen Auftraggeber wie z.B. Noweda, Hermes oder DHL für Mitarbeiter von Subunternehmen müsse konkreter im Dienstvertrag festgehalten werden, damit sich die Auftraggeber nicht mehr herausreden können. Außerdem sollte eine gesetzliche Generalunternehmer-Haftung eingeführt werden, wie es bei der Fleischindustrie passiert ist.

Langfristiges Ziel müsse sein, dass Firmen Fahrer wieder direkt einstellen. Das System sei an sich arbeitnehmerunfreundlich. "Aber das wird die Politik erst durchsetzen, wenn der gesellschaftliche Druck groß genug geworden ist."

Betroffene müssen sich gewerkschaftlich organisieren

Sein Appell an alle Kurierfahrer: sich gewerkschaftlich stärker zu organisieren und so den Druck zu erhöhen. Auf die WDR-Recherchen gibt es eine erste Reaktion. Die Wiab GmbH aus Witten, einer der Noweda-Vertragspartner, hat schriftlich mitgeteilt, dass sie Zülal Türkeli als Subunternehmer gekündigt habe. Man habe sich verbindlich dazu entschlossen, "zukünftig alle Fahrer direkt zu beschäftigen."

Stand: 28.06.2017, 08:00