Alkohol bei Lkw-Fahrern - Die unterschätzte Gefahr?

Alkohol bei Lkw-Fahrern - Die unterschätzte Gefahr?

Von Till Krause und Thorsten Pfänder

Zwei schwer verletzte Menschen, wochenlange Abriss- und Reparaturarbeiten. Der Lkw-Unfall auf der A40 bei Mülheim im September hat einen Millionenschaden verursacht. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die "erhebliche Alkoholisierung" des Lkw-Fahrers die Unfallursache war. Wie verbreitet ist Alkohol unter Lkw-Fahrern?

Es ist nass, kalt und dunkel, am Freitagmorgen um 6:00 Uhr auf den Rasthöfen Hamm-Rhynern-Nord und -Süd. Die meisten der mehr als 180 Lkw, die hier über Nacht standen, sind bereits wieder auf der Autobahn. In den Mülltonnen und Glascontainern haben einige Fahrer eindeutige Spuren hinterlassen. An mehreren Tagen finden WDR-Reporter hier im Lkw-Parkbereich leere Schnaps- und Weinflaschen sowie Dutzende Bierdosen.

Fahrer kaufen auch Schnaps an der Tankstelle

Schnapsflaschen im Altglascontainer auf der Raststätte Hamm Rhynern

Schnapsflaschen im Altglascontainer auf einem Rasthof

Es ist ein erstes Indiz für problematischen Alkoholkonsum bei einem Teil der Lkw-Fahrer. Lars Borck fährt seit vielen Jahren Lkw und macht ähnliche Beobachtungen. "Ich sehe es regelmäßig, dass sich Fahrer an den Tankstellen Alkohol kaufen", erzählt er. "Auch wirklich das harte Zeug, nicht nur zwei Dosen Bier." Solche Beobachtungen macht auch der Vorsitzende der Kraftfahrergewerkschaft in NRW, Ralf Vüllings. "Auf jedem Rasthof sehe ich das", erklärt er. Der Großteil der Fahrer würde sich an die Regeln halten - aber eben nicht alle.

Leeres Weinpaket im Mülleimer auf der Raststätte Hamm Rhynern

Leeres Weinpaket im Mülleimer auf einem Rasthof

Diese Beobachtungen bestätigen Schwerpunktkontrollen in anderen Bundesländern - zum Beispiel in Hessen. Dort hat die Polizei auf Rasthöfen kurz vor Ende des sonntäglichen Lkw-Fahrverbots rund 1200 Fahrer auf Alkohol kontrolliert. 190 Fahrer waren alkoholisiert, 79 hatten so viel getrunken, dass ihnen die Weiterfahrt untersagt werden musste. Ausgerechnet im verkehrsreichsten Bundesland NRW gibt es solche Kontrollen nicht.

Das NRW-Innenministerium schreibt auf WDR-Anfrage zwar von einem erhöhten "Gefahrenpotential" durch Lkw im Vergleich zu anderen Fahrzeugen. Aber "die Annahme, dass insbesondere die Autobahnen von einer hohen Zahl alkoholisierter Lkw-Fahrer genutzt werden, lässt sich aus den bisherigen Ergebnissen polizeilicher Kontrollen in NRW nicht ableiten", so das Ministerium.

Kein Wunder: Das Land NRW erfasst nämlich gar nicht, wie viele alkoholisierte Lkw-Fahrer die Polizei insgesamt erwischt. "Im Jahr 2019 hat die Polizei NRW rund 14.000 Verstöße wegen Alkohol/Drogen am Steuer geahndet. Es liegen allerdings keine Informationen vor, wie viele davon Lkw-Fahrer betrafen", so das Ministerium. Auch die Zahl der negativen Atemalkoholvortests wird nicht erfasst. Das wäre wichtig, um die Anzahl der positiven Tests besser einordnen zu können.

Wie aussagekräftig ist die Statistik?

Die Frage ist also, wie aussagekräftig die "Ergebnisse polizeilicher Kontrollen" sind. Der TÜV-Verband kritisiert, dass generell in Deutschland viel zu wenig kontrolliert wird. "Die polizeiliche Verkehrsüberwachung führt derzeit ein Schattendasein", teilt der Verband auf WDR-Anfrage mit. Der Polizei fehle das Personal. Auch die Kraftfahrergewerkschaft NRW, der Deutsche Verkehrssicherheitsrat und der Verband Verkehrswirtschaft und Logistik NRW bemängeln die wenigen Kontrollen.

Immerhin bei Verkehrsunfällen "mit Personenschaden" wird explizit erfasst, ob ein alkoholisierter Lkw-Fahrer ihn verursacht hat. Diese Statistik bestätigt auf den ersten Blick die Aussage des Landes NRW. Nur in 2,4 Prozent der Unfälle, die Lkw-Fahrer 2019 verursachten und bei denen Personen zu Schaden gekommen sind, waren die Fahrer alkoholisiert. Allerdings "wird nicht bei jedem Unfallbeteiligten festgestellt, ob er unter dem Einfluss von Alkohol oder anderen berauschenden Mitteln gestanden hat", schreibt der TÜV-Verband. Man müsse daher von einer "erheblichen" Dunkelziffer ausgehen. Der Verband stellt aber auch klar, dass der Großteil der Fahrer sich an die Regeln hält: "In unserer Wahrnehmung sind sich die meisten Lkw-Fahrer der besonderen Verantwortung und Gefahrenlage bewusst."

Trotzdem sei das Thema wichtig. Denn Alkoholunfälle weisen eine "überdurchschnittliche Schwere" auf - so der TÜV-Verband. In Deutschland sei jeder 13. Verkehrstote bei einem Alkoholunfall ums Leben gekommen. Der Unfall auf der A40 bei Mülheim zeigt zusätzlich, wie schwer die Folgen eines Lkw-Unfalls sein können. Dort war im September ein alkoholisierter Fahrer mit einem Tanklaster von der Fahrbahn abgekommen. Die Folgen: Zwei schwer verletzte Menschen und wochenlange Reparaturarbeiten. Ende 2017 war bei einem Unfall mit einem alkoholisierten Lkw-Fahrer eine Polizistin ums Leben gekommen.

Stand: 14.12.2020, 14:20