Kommentar zur Loveparade: Unsere Gerichte funktionieren

Benjamin Sartory

Kommentar zur Loveparade: Unsere Gerichte funktionieren

Von Benjamin Sartory

21 Tote, hunderte Verletzte, ein auf den ersten Blick verantwortungsloses Sicherheitskonzept. Und doch womöglich keine Schuldigen für das Duisburger Loveparade-Unglück. Das hört sich an wie ein Justizskandal erster Güte – in Wahrheit ist es wohl das Gegenteil.

Es ist ein Beweis, dass unsere Gerichte funktionieren, weil sich die Strafkammer frei machen muss von den Erwartungen der Öffentlichkeit und auch der Hinterbliebenen. Sie hat die Aufgabe, sich insgesamt anzuschauen, was eigentlich passiert ist. Um das zu erklären, hilft vielleicht ein - wenn auch hinkendes - Beispiel.

Man stelle sich vor, dass ein Autofahrer seinen Wagen mit Eigenbau-Bremsen tuned. Der Wagen passiert trotzdem den TÜV. Dennoch versagen die Bremsen, es kommt zum Unfall. Der andere beteiligte Fahrer ist allerdings zu schnell gefahren, die Ampel an der Kreuzung war kaputt. Der Winterdienst hatte darüber hinaus die Straße nicht geräumt.

Übertragen auf die Loveparade bedeute das, dass nur ein Teil der verantwortlichen Akteure jetzt auf der Anklagebank sitzt. Ein anderer Teil aber nicht. Und ein Gutachter sagt auch noch, dass jede Panne für sich genommen die Katastrophe wohl nicht ausgelöst hätte.

Es gibt also tatsächlich aus meiner Sicht gute Gründe, um zu sagen: Die mögliche Schuld der Einzelnen ist zu gering, um sie wegen fahrlässiger Tötung zu verurteilen.

Was also nun? Ich weiß, dass es vielen Hinterbliebenen sowieso nie um Verurteilungen ging. Und ich weiß, dass ein Angeklagter der Stadt Duisburg in einer Prozesspause still und heimlich auf eine Hinterbliebene zugegangen ist. Die genauen Inhalte des Gesprächs kenne ich nicht. Aber die Mutter eines getöteten Jungen sagt, es habe ihr gut getan.

Vielleicht ist es das, was noch fehlt bei der Aufarbeitung der Duisburger Loveparade-Katastrophe. Dass die Angeklagten sich öffnen, sich persönlich erklären. Jeder weiß doch, dass sie das alles auch nicht wollten.

Stand: 16.01.2019, 15:15

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