Das Bild zeigt Jesus am Kreuz in einer Kirche vor bunten Kirchenfenstern. Der Kopf der Jesusfigur ist von einem schwarzen Schleier verdeckt.

Gelsenkirchen: Schwarzes Tuch über Kruzifix

Stand: 03.11.2021, 07:49 Uhr

Über dem Altar der Propsteikirche St. Urbanus in Gelsenkirchen hängt Jesus am Kreuz – soweit alles normal. Doch das Kruzifix ist mit einem schwarzen Tuch bedeckt. Die Gemeinde will mit dieser Aktion auf Missstände in der katholischen Kirche hinweisen.

Von Simon Voigt

Die verhüllten Kruzifixe sind in fünf Gelsenkirchener Gotteshäusern zu finden. Die Aktion der katholischen Pfarrei soll ein Zeichen der Betroffenheit aber auch der Solidarität für die Opfer sexuellen Missbrauchs sein.

330.000 Missbrauchsopfer

Die Idee für die Installation hatte der Karikaturist Thomas Plaßmann. Er ist selbst Kirchenmitglied und war erschüttert von der Anzahl der Menschen, die sexuelle Gewalt durch die katholische Kirche erfahren haben. Ein aktueller Bericht zeigt, dass alleine in Frankreich 330.000 Kinder seit 1950 Opfer sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche wurden.

"Es braucht ein wirklich starkes Zeichen", sagt der Karikaturist, "dass nach innen nach außen und zu den Opfern zeigt: Wir machen hier nicht einfach so weiter, wir gehen nicht zur Tagesordnung über". Seiner Meinung nach seien die Opfer Brüder und Schwestern einer Organisation, deren Mitglieder millionenfach Verbrechen an den Schwächsten und Unschuldigsten unternommen haben. "Dazu stehe ich in einem Bezug. Wir können nicht so tun, als würde uns das nicht betreffen."

Propst Pottbäcker ist fassungslos

Das Fotos zeigt Propst Markus Pottbäcker in dunkler Kleidung im Innenraum einer Kirche.

Propst Markus Pottbäcker fordert eine schnellere Aufarbeitung der Missbrauchsvorfälle.

Auch der Gelsenkirchener Propst Markus Pottbäcker zeigt sich fassungslos von der Dimension der Missbrauchsfälle. "Das, was geschehen ist, zerreißt mich innerlich", sagt er. "Das Ziel der Aktion ist zu irritieren und zu verstören." Er fordert eine schnellere Aufarbeitung und Maßnahmen, die verhindern, dass so etwas wieder passiert.

Facebook-Post: „Jesus schämt sich“

Auf Facebook postet die Gemeinde ein Bild der Aktion mit dem Titel "Jesus schämt sich". Pottbäcker möchte bewusst provozieren, um auf die Vorkommnisse in der Kirche hinzuweisen. "Natürlich ist es schwierig zu sagen, dass Jesus trauert. Aber ich bin mir sicher, dass er Schmerz über das Leid der Opfer empfindet", so Pottbäcker.

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Ein junger Mann steht in blauer Jacke in einer Kirche.

Nils Schulz engagiert sich in der katholischen Kirche.

Nils Schulz engagiert sich ehrenamtlich in der Gemeinde. Er berichtet von kritischen Stimmen unter den Gläubigen, denen die Aktion zu weit geht. Er selbst ist überzeugt, man könne den Finger gar nicht tief genug in die Wunde legen. Er findet es daher gut, dass die Missbrauchsvorfälle weltweit durch die Aktion neue Aufmerksamkeit bekommen. Bis zum Beginn der Adventszeit sollen die Kruzifixe noch in Gelsenkirchen verhüllt bleiben.