Karstadt im Blut - eine Essenerin erzählt

Eine Karstadt-Mitarbeiterin steht vor einem Schaufenster, in dem für den Ausverkauf geworben wird

Karstadt im Blut - eine Essenerin erzählt

Von Kai-Hendrik Haß

Rita Sczepannek hat ihr gesamtes bisheriges Arbeitsleben bei Karstadt verbracht. Die Verkäuferin schildert, was das Aus der Essener Filialen für sie bedeutet.

"Manchmal", sagt Rita Sczepannek, "da stehe ich im Bad, schaue in den Spiegel und dann laufen auch schon Tränen drüber, weil ich so enttäuscht bin und auch ein wenig Wut habe - wie das so passieren konnte, da wo wir jetzt stehen."

Wie ihr Unternehmen selbst stehen auch Mitarbeiter von Galeria Karstadt Kaufhof am beruflichen Abgrund, zumindest vor einer Zäsur. Rita Sczepannek ist 53, verheiratet und hat ihr gesamtes Berufsleben als Verkäuferin bei Karstadt verbracht.

Haustiere, Teppiche und Autozubehör

Besonders Schuhe hatten es der jungen Essenerin angetan. Ab 1983 lernt sie im Kaufhaus Verkäuferin. Zu dieser Zeit sind Häuser wie Karstadt oder Kaufhof noch richtige Gemischtwarenläden. Neben Teppichen und Autozubehör verkauften die Platzhirsche des Einzelhandels auch Hunde und Hasen.

Doch bald gibt es Spezialisten, die besser sind. Und nicht viel später das Internet. Das bekommt auch Karstadt zu spüren. Marken und Manager kommen und gehen. 2009 muss Karstadt unter dem Dach von Arcandor zum ersten Mal Insolvenz anmelden.

Noch heute wundert sich Rita Sczepannek über die Unverfrorenheit des damaligen Vorstandsvorsitzenden. "Im März hatte damals noch der Herr Middelhoff bei uns gestanden und mit einem Lächeln gesagt, dass alles gut ist. Und im Mai waren wir dann in der Insolvenz."

Bittere Tränen

In den Jahren darauf geben sich ambitionierte Investoren wie Berggruen und Benko die Klinke in die Hand. Richtig erfolgreich sind sie nicht. Der österreichische Immobilienunternehmer René Benko fusioniert die alten Konkurrenten Karstadt und Kaufhof. Und dann kommt Corona. Die Pandemie zwingt den Konzern endgültig in die Knie.

Mitte Juni heißt es: Von 172 Häusern müssen 62 schließen. Auch das Haus am Limbecker Platz in Essen. Rita Sczepannek wirkt heute noch fassungslos, wenn sie über diesen Tag spricht: "Ich habe geweint. Ganz bitterlich. Weil ich konnte mir das gar nicht vorstellen. Das war so, als wenn etwas aus einem rausgerissen wird. Eine Kollegin musste mich in den Arm nehmen und trösten."

Der Funken Hoffnung

Seit einigen Tagen läuft in Rita Sczepanneks Filiale am Limbecker Platz der Ausverkauf. Stand heute (04.08.2020) werden in Essen auch die Filiale am Willy-Brand-Platz und Karstadt Sport schließen. Um die 250 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.

Die Verhandlungen für den Limbecker Platz laufen allerdings noch. Das nährt bei Rita Sczepannek zumindest einen Funken Hoffnung. Ansonsten wird sie Anfang November das erste Mal in eine Transfergesellschaft wechseln: "Ich bin für alles vorbereitet. Wenn die Tür zufällt, geht eine andere auf. Aber mir wird natürlich ein Stück fehlen. 37 Jahre kann man nicht einfach so wegwerfen."

Stand: 04.08.2020, 16:29

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