Als Security bei Loveparade-Unglück: "Das verfolgt mich mein ganzes Leben"

Eine Frau mit langen braunen Haaren

Als Security bei Loveparade-Unglück: "Das verfolgt mich mein ganzes Leben"

  • Nicole Ballhauser war Ordnerin bei der Loveparade
  • Ihren Beruf nach dem Unglück aufgegeben
  • Auch zehn Jahre später hat sie Schuldgefühle

Am 24. Juli 2010 stand Nicole Ballhauser als Mitarbeiterin einer Security-Firma am Ost-Eingang des Tunnels, der auf das Loveparade-Gelände führte. Ein Gespräch über das Unglück und die Folgen.

WDR: Frau Ballhauser, arbeiten Sie noch immer im Security-Bereich?

Nicole Ballhauser: Nein. Nach dem Unglück musste ich meinen Beruf aufgeben. Die Angst, dass so etwas noch einmal passieren könnte, ist einfach zu groß. Ich kann seitdem auch nicht mehr auf Veranstaltungen gehen. Seit zwei Jahren mache ich zudem eine Therapie.

Eine Frau mit langen braunen Haaren

Nach dem Unglück war Schluss mit dem Security-Job

WDR: Wieso erst seit zwei Jahren? Das Loveparade-Unglück war vor zehn Jahren.

Nicole Ballhauser: Ich war vorher einfach noch nicht bereit dazu. Ich habe immer gedacht, ich schaffe das allein. Dann ist mir vor knapp zwei Jahren eine ältere Dame auf dem Schoß verstorben und ich stand sofort wieder mittendrin in der Loveparade. Da habe ich eine Therapie begonnen.

WDR: Hätten Sie damals gedacht, dass der Tag mit so einer Katastrophe enden könnte?

Nicole Ballhauser: Ganz im Gegenteil. Als die Loveparade in Essen war, fand ich das schon schön. Und als unser Chef dann gefragt hat, ob wir in Duisburg arbeiten wollen, war ich sofort dabei.

WDR: Was war Ihre Aufgabe an dem Tag?

Nicole Ballhauser: Ich stand an den sogenannten Vereinzelungsanlagen an der Karl-Lehr-Straße (Anm. d. Redaktion: östlicher Eingang zum Tunnel, der auf das Gelände führte). Wir haben dort kontrolliert, dass die Leute keine Glasflaschen mit auf das Gelände nehmen.

WDR: Haben sie da schon gemerkt, dass zu viele Menschen in den Tunnel strömen?

Nicole Ballhauser: Das haben wir gar nicht mitbekommen. Natürlich war es bei uns auch sehr voll, aber wir hatten keinen Überblick, wie viele Menschen da waren.

WDR: Wann haben sie denn gemerkt, dass die Situation kippt?

Nicole Ballhauser: Erst einmal gar nicht. Wir mussten zwar irgendwann den Einlass stoppen und die Wartenden beruhigen, aber irgendwann ging es dann weiter. Da haben wir den Leuten gesagt: "Geht in den Tunnel!" Seitdem habe ich Schuldgefühle, dass ich 21 Menschen auf dem Gewissen habe.

Ich weiß zwar, dass es nicht so ist, für mich fühlt es sich in meinem Kopf aber so an.

WDR: Sind Sie denn auch irgendwann hinunter in den Tunnel?

Nicole Ballhauser: Ja. Irgendwann kam jemand zu uns hoch und sagte, da unten würde sich eine Katastrophe abspielen. Wir sind dann mit sechs Mann runter und haben uns auf eine Schlägerei eingestellt. Im Tunnel war es dann auch gar nicht mehr voll oder eng.

Als wir dann aber um die Kurve zur Rampe gegangen sind, stand ich schon vor dem ersten Toten. Das wird mich mein Leben lang verfolgen.



Stand: 24.07.2020, 09:49