Fanforscher Robert Claus

Interview mit Fanforscher Robert Claus über die Hooligan-Gruppe "Northside"

Stand: 19.11.2021, 11:18 Uhr

Der Fanforscher und Autor Robert Claus beobachtet die Dortmunder Hooligan-Gruppe Northside. Die sei gewalttätig und habe Kontakte in die Neonaziszene. Die Northside hatte ihr 20-jähriges Jubiläum in der Gaststätte "Mit Schmackes" gefeiert. Sie gehört Ex-BVB-Profi Kevin Großkreutz und seinem Geschäftspartner Christopher Reinecke.

WDR: Herr Claus, was genau ist die Northside?

Robert Claus: Northside ist die führende Hooligangruppe in der Fanszene von Borussia Dortmund. Sie hat vor kurzen ihren 20. Geburtstag gefeiert. Man muss aber sagen, dass sie im Stadion des BVB in den letzten Jahren kaum aufgetreten ist. Man wird keine Zaunfahne sehen, wo "Northside" draufsteht. Insofern hat die Northside weniger den Anspruch, eine aktive Fangruppe zu sein. Viel mehr hat sie den Anspruch, das Gewalt- und Machtmonopol in der Fanzsene zu bilden.

WDR: Was für Menschen schließen sich so einer Gruppierung an?

Robert Claus: Ich gehe davon aus, dass die Gruppe nicht größer als 30 Personen ist. Die Mitglieder, von denen ich weiß, sind junge Männer unter 35 und haben alle eine längere Geschichte in gewaltaffinen Gruppen in der Fanszene des BVB.

Dazu muss man wissen, dass es in den letzten Jahren mehrere Gruppen gab, die gewaltaffin oder gewalttätig waren. Zu nennen wäre da die gewaltaffine Ultra-Gruppe Desperados und die Gruppe 0231/Riot, die für viel Aufmerksamkeit sorgte. Die hat sich dann selbst aufgelöst. Ich denke dabei, dass sie es getan hat, um sich der Strafverfolgung zu entziehen. Wichtig ist aber, dass die führenden Köpfe der Gruppe 0231/Riot zu Northside gegangen sind. Man sieht also ein Kontinuum in den Biographien dieser Herren.

WDR: Was genau möchte diese Hooligans?

Hooligans posieren vor der Gaststätte "Mit Schmackes"

Robert Claus: Hooligans definieren sich selber über den Zusammenhang zwischen Gewalt und Männlichkeit. Der Anspruch ist, sich gewalttätig mit anderen Fanszenen zu messen. Die eigene Männlichkeit über die Gewalt darzustellen. Kaum eine öffentliche Bühne oder Szene bietet sich dabei so an, wie der Fußball. Dort kann man die Konkurrenz zu den anderen Fanszenen aktiv ausleben.

Zudem sind Hooligangruppen nicht nur im Fußball aktiv, sondern auch im Kampfsport. Das lässt sich auch bei der Northside beobachten. Deren Mitglieder in den letzten Jahren unter dem Titel "Boxclub Dortmund" oder "Hooligans Dortmund" unter anderem an rechtsextremen Kampfsportveranstaltungen teilgenommen haben. Meines Wissens betreibt die Northside auch eigene Trainingsräume.

WDR: An welchen Kämpfen haben die denn teilgenommen?

Robert Claus: Mitglieder der Northside Dortmund haben eine wichtige Rolle für die Entwicklung des neonazistischen Kampfsportevents "Kampf der Nibelungen" gespielt. Der hat zuletzt als Großevent 2018 stattgefunden, wo nachweislich mehrere Hooligans mit dem T-Shirt "Hooligans Dortmund" im Publikum saßen. Es gibt mehrere andere Kampfsportveranstaltungen, wo Dortmunder Hooligans als "Boxclub Dortmund" aufgetreten sind.

WDR: Wodurch fällt die Northside sonst auf?

Robert Claus: Wenn ich sage, dass die Gruppe Northside im Stadion selten als Gruppe auftritt, dann heißt es nicht, dass sie keine Macht in der Fanzsene hat. In den letzten Jahren kam es des Öfteren zu Angriffen auf Ultras, die an Protesten gegen Neonazikundgebungen teilgenommen haben. Über solche Gewalt wird deutlich, dass man Politik in der Ultraszene nicht duldet. Letztendlich ist die Gewalt der Northside ein Teil der politischen Auseinandersetzung in der Dortmunder Ultraszene.

WDR: Die Gruppe duldet Politik im Stadion also nicht. Aber wie ist die Gruppe selbst politisch zu verorten?

Robert Claus: Hooligan-Gruppen sind politisch immer schwierig zu beurteilen, weil viele Mitglieder für sich in Anspruch nehmen, unpolitisch zu sein. Gleichzeitig müssen wir aber festhalten, dass die Abkürzung von Northside "NS" heißt. Da wird politisch eine ganz deutliche Anspielung gemacht.

Wenn man sich anguckt, in welchen Netzwerken die Aktiven der Northside sich bewegen, dann sind ganz enge Kontakte in die militante Neonaziszene in Dortmund nachweisbar. Insofern lassen sich Hooligangruppen selten als gänzlich rechts verorten, aber sie bewegen sich mindestens in gewalttätigen, männerbündischen Milieus, die stark von Neonazis und Rockern geprägt sind. Genauso würde ich auch die Northside beschreiben.

WDR: Wo gibt es Überschneidungen zwischen der Northside und den Dortmunder Neonazis?

Robert Claus: Die Hooligans der Northside und die militante Neonaziszene in Dortmund sind nicht deckungsgleich, es gibt aber personelle Überschneidungen. Das heißt, es gibt Dortmunder Hooligans, die Neonazis sind und sich dort auch zur militanten Szene zählen. Der Dortmunder Neonazi Sven S.* beispielsweise tauchte 2018 beim Kampf der Nibelungen im "Hooligans Dortmund"-Shirt auf.

WDR: Auch die Ultragruppierung Desperados stand vor einigen Jahren in der Kritik rechtsextrem zu sein. Welche Verbindungen gibt es da zur Northside?

Robert Claus: Alle mir bekannten Mitglieder der Northside haben eine längere Geschichte im gewaltaffinen Teil der Dortmunder Fanszene und einige kommen von den Desperados. Man kann Gruppen wie die Desperados als Rekrutierungspool für die Northside ansehen.

Die Dortmunder Desperados haben sich immer als Ultras und Hooligans verstanden. Wenn man sich mit Fanszenen und aktiver Fankultur beschäftigt, dann bilden Ultras und ihre kreativen Choreographien einerseits, Hooligans und ihre Gewalt andererseits, zwei unterschiedliche Typen von Fankultur. Allerdings überlappen die sich in der Gruppe der Dortmunder Desperado. Die besten Kämpfer, also die gewalttätigsten Männer der Gruppe der Desperados, wurden in die Gruppe Northside übernommen.

WDR: Ist das Label „Hooligans Dortmund“ gleichbedeutend mit der Northside?

Robert Claus: Ich geh davon aus, dass sich unter dem Label "Hooligans Dortmund" verschiedene Hooligans versammeln, unter anderem auch die Desperados. Das hat gegenüber der Polizei den Vorteil, dass kein konkreter Gruppenname verboten werden kann.

Ich kenne keine Accounts in den sozialen Medien, der sich "Northside" nennt, es gibt auch keine Homepage. Es bedeutet, es ist schwierig die Northside zu identifizieren. Die Sachen, die vor allem darauf hinweisen, sind Pullover mit der Aufschrift Northside, Graffitis oder Dortmunder Hooligans, die den Begriff in sozialen Medien für sich nutzen.

WDR: Die Northside hat ihren 20-jährigen Geburtstag in dem Lokal des Ex-BVB Profis Kevin Großkreutz und seines Geschäftspartner Christopher Reinecke gefeiert. Nur ein Zufall?

Die Gaststätte "Mit Schmackes" in Dortmund

Robert Claus: Mehrere Dortmunder Hooligans, die ich der Northside zuordnen würde, verkehren regelmäßig im "Schmackes". Bilder in sozialen Medien belegen das. Man trifft sich dort zu netten Abenden. Das heißt aber auch, dass man Netzwerke bildet und sich über die eigenen Aktivitäten austauscht. Insofern ist es kein Zufall, dass die Gruppe Northside ihren Geburtstag im Schmackes zelebriert hat.

WDR: Vor einigen Jahren hat Kevin Großkreutz ein Foto geteilt, auf dem Mitglieder der Northside und eine Drohung gegen einen Dortmunder Journalisten zu sehen sind. Davon hatte sich der Ex-BVB-Profi distanziert...

Robert Claus: Ich geh davon aus, dass Kevin Großkreutz aktive Kontakte in die Dortmunder Hooliganszene hat. Ob ihm die politische Tragweite bewusst ist, muss man gesondert betrachten. Meines Erachtens nach ist jemand wie Kevin Großkreutz, der eine imposante Geschichte beim BVB hat, deutlich aufgerufen, sich zu davon aktiv distanzieren und das nicht nur oberflächlich zu tun.

WDR: Worin besteht die Gefahr, wenn man Hooligans "hofiert"?

Robert Claus: Jedes Mal, wenn jemand wie Kevin Großkreutz sich mit Dortmunder Hooligans ablichten lässt und mit ihnen feiert, geht davon ein fatales Zeichen aus, weil es als Unterstützung und Rückendeckung gewertet werden kann.

WDR: Die Northside ist in letzter Zeit auch wieder im Stadion aufgetaucht. Was ist das für ein Signal an die Fans des BVB?

Robert Claus: Das ist vor allem eine Machtdemonstration, die darauf abzielt, wer die Hoheit über die eigene Fanszene hat. Gleichwohl sollte man im Kopf haben, dass die Dortmunder Fanszene sehr ausdifferenziert ist. Es gibt dort viele Menschen, die sich gegen Rechtsextremismus und Gewalt positionieren. Gegenüber einer gut organisierten und trainierten Hooligan-Gruppe ist das nur leider nicht einfach. Da ist mit Bedrohungsszenarien fest zu rechnen.

Der BVB hat in den letzten zehn Jahren sehr viele Präventionsmaßnahmen ins Leben gerufen. Konkret in Bezug auf Neonazihooligans muss man immer ein wachsames Auge haben und sobald Straftaten nachweisbar sind, diese auch zur Anzeige bringen.

*Sven S. (früher Sven K.) hatte 2005 den Punker Thomas Schulz in einer Dortmunder U-Bahn-Station erstochen.

Das Interview führten Christof Voigt und David Peters.