"Mehr Lebenslust" – Georgine Kellermann über ihr Coming-Out

Georgine Kellermann Studioleiterin im WDR Studio Essen

"Mehr Lebenslust" – Georgine Kellermann über ihr Coming-Out

  • Georgine Kellermann bekommt positiven Zuspruch
  • Empfindet seit dem Coming-Out "mehr Lebenslust"
  • Briefe und Mails von WDR-Mitarbeitenden zum Coming-Out

Am Dienstag (26.05.2020) ist Diversity-Tag. Unternehmen und Institutionen zeigen, dass Vielfalt in der Gesellschaft, aber auch in der Arbeitswelt wichtig ist. Wir nehmen das zum Anlass, mit Georgine Kellermann über ihre Erfahrungen nach ihrem Coming-Out zu sprechen. Sie ist Studioleiterin im WDR-Studio Essen und hatte im September vergangenen Jahres ihr Coming-Out als Transgenderfrau - mit 62 Jahren.

WDR: Georgine, wenn du die vergangenen Monate Revue passieren lässt, was hat dich besonders bewegt?

Georgine Kellermann: Dass das alles so normal war. Gerade auch im Team. Ich habe den Eindruck, dass ich in meiner "wirklichen" Rolle genauso akzeptiert werde wie vorher. Ich glaube sogar noch ein bisschen mehr. Es kommen Leute zu mir und sagen, dass sie das ehrlicher finden, dass sie mich als Freundin sehen. Da wird mir warm ums Herz.

WDR: Eigentlich wolltest du dich erst in der Rentenzeit outen…wieso?

Georgine Kellermann: Ich hatte Sorge, dass man das nicht voneinander trennt, die journalistische Kompetenz – ich habe ja durchaus einige ordentliche Jobs abgeliefert – und die soziale Kompetenz, von der ich glaubte, dass man die hinterfragen würde. Das ist aber nicht passiert.

WDR: Gab es Momente, in denen du die Entscheidung bereut hast?

Georgine Kellermann: Nicht einmal. Ich habe es genau zum richtigen Zeitpunkt gemacht. Ich bezweifle, dass mein berufliches Leben so gelaufen wäre, wenn ich es in den 80er Jahren gemacht hätte. Der WDR war immer ein extrem liberales Unternehmen, ich habe ihn immer für die Offenheit geliebt. Aber da ist ja auch eine Gesellschaft und das wäre aus meiner Sicht zu der Zeit extrem schwierig gewesen. Das ist kein Vorwurf, die Zeiten waren so.

WDR: Mittlerweile hast du als Georgine vor der Kamera gestanden. Hättest du dir das vor ein paar Monaten träumen lassen?

Georgine Kellermann als Schaltenreporterin bei der Feuerwehr Bochum

Georgine Kellermann als Schaltenreporterin bei der Feuerwehr Bochum

Georgine Kellermann: Ich habe da vorher nicht drüber nachgedacht. Das war eine Liveschalte bei der Feuerwehr in Bochum. Da ist ein Reporter ausgefallen und ich wurde gefragt, ob ich einspringe. Natürlich muss man vorher mit den Vorgesetzten reden, die haben gesagt: Selbstverständlich. Und das allertollste war, dass die Leute bei der Feuerwehr so nett, so respektvoll waren und das überhaupt nicht hinterfragt haben.

WDR: Du warst als Korrespondent in Paris und Washington, Studioleiter in Duisburg und bist jetzt Studioleiterin in Essen. Glaubst du, dass dir deine Position das Coming-Out erleichtert hat?

Georgine Kellermann: Erleichtert hat mir das der ganze WDR. Erleichtert hat mir das mein Team. Ich bekomme inzwischen auch Briefe von Menschen aus dem WDR, die ihr Coming-Out noch nicht hinter sich haben. Ein bisschen überfordert mich das auch, weil es so viele sind, aber ich will jeden beantworten.

WDR: Was möchtest du Menschen mitgeben, die sich noch nicht getraut haben, sich zu outen?

Georgine Kellermann: Die Frage ist: Warum trauen sie sich nicht? Wenn es dieselben Gründe sind, die mich davon abgehalten haben, würde ich sagen: Das ist in unseren Köpfen. Ich hab mit einer Therapeutin daran gearbeitet. Mir hat geholfen, zu fragen: "Woran machst du die Angst fest?" Inzwischen erlebe ich es, dass jemand zu mir kommt und sagt: "Ich finde das so genial, wie Sie Ihr Ding machen." Das ist jedes Mal eine Bestätigung, dass es richtig war. Und es zeigt mir, dass die Gesellschaft das anders sieht, als ich dachte.

WDR: Was hast du aus dem Coming-Out gelernt?

Georgine Kellermann: Ich habe gelernt, wie wichtig Menschen sind – noch ein bisschen mehr, als vorher. Ich glaube ich war privat, in der männlichen Rolle, nicht immer jemand, den man gerne mochte. Ich glaube das lag daran, dass ich eine Rolle gespielt habe, dass ich unzufrieden war. Jetzt lebe ich viel bewusster als vorher. Wenn ich morgens aufstehe – wie gut es mir inzwischen geht! Was für eine Energie in mir steckt, was für eine Lebenslust. Richtige Lust zu leben… jeden Tag.

Das Interview führte Ann-Kristin Pott

Georgine Kellermann: Das Porträt einer Transgender-Chefin im WDR Aktuelle Stunde 12.12.2019 04:16 Min. Verfügbar bis 12.12.2020 WDR Von Andrea Moos

Stand: 26.05.2020, 07:00

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