Bischof Overbeck widerspricht Vatikan bei Segnung Homosexueller

Bischof Franz Josef Overbeck auf der Ruhr-Konferenz 2020

Bischof Overbeck widerspricht Vatikan bei Segnung Homosexueller

"Auf gleichgeschlechtlichen Paaren liegt viel Segen", sagt Ruhr-Bischof Franz-Josef Overbeck im WDR-Interview. Innerhalb der Kirche gebe es aber auch andere Stimmen.

Christen feiern an Ostern die wichtigsten Festtage ihres Glaubens, aber zugleich sind ganz offensichtlich viele katholische gläubige Christen in Deutschland ganz und gar nicht mehr in Feierlaune, wenn sie sich ihre eigene Kirche anschauen.

Im Skandal um sexuelle Gewalt, die über Jahrzehnte von Klerikern ausgeübt werden konnte, brüskieren einzelne Kirchenobere immer wieder die Opfer. Die Zentrale in Rom, der Vatikan, mauert sich ideologisch immer höher ein, wenn er zum Beispiel ein vermeintliches Naturrecht bemüht, um Homosexualität zu bewerten oder weiter die Gleichstellung von Frauen ignoriert und sie vom Priesteramt ausschließt.

WDR: Herr Overbeck, stößt Ihnen Ihre eigene Kirche manchmal sauer auf?

Ruhr-Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck: Die Kirche selber ist ein ganz buntes Gemisch von vielen, vielen Menschen. Viele stärken und stützen mich, aber andere machen mich mehr als nachdenklich, das ist in der Tat so.

WDR: Wenn wir uns zum Beispiel beim Thema Homosexualität das Meinungsspektrum der deutschen katholischen Bischöfe anschauen: Von wo bis wo reicht das?

Overbeck: Ich glaube, es gibt auf der einen Seite keinen, der nicht sagt: "Wir akzeptieren jeden Menschen." Es gibt aber auch sehr verschiedene Formen der Annahme aber auch der Ablehnung der Form, wie homosexuelle Menschen zusammenleben können.

WDR: Wo verorten Sie sich selbst darin?

Overbeck: Ich selber würde für mich sagen, ich habe im Laufe der letzten zwölf Jahre da einen langen Weg gemacht und würde heute sagen: Es ruht auch viel Segen auf denen, die gleichgeschlechtlich zusammenleben als Paare - mit Treue und in verlässlichen Verbindungen.

WDR: Und wenn wir uns die Mehrheitsverhältnisse innerhalb dieses Spektrums ansehen bei diesem Thema, welches Bild zeigt sich da?

Overbeck: Ich glaube, es zeigt sich ein sehr differenziertes Bild. Es gibt einige wenige, die sind strikt gegen jede Form dieser Verbindung, mit Begründungen, die eben sehr mit unserer Tradition und der Geschichte der Kirche und des Christentums zu tun haben. Es gibt dann solche, die eher unentschieden sind, aber durchaus nachdenklich angesichts der vielen Veränderungsprozesse, gerade im Blick auf die Sexualmoral und Partnerschaft.

Und es gibt auch diejenigen, die sagen, das ist der nächste Schritt, den wir tun können, ohne dass wir deswegen sagen müssen, wir verstoßen gegen alles, woran wir bisher geglaubt haben.

WDR: Gilt das ähnlich bei anderen Streitthemen, wie zum Beispiel der Zulassung von Frauen zum Priesteramt, und zu anderen auch hohen Kirchenämter, wie es für evangelische Christen zum Beispiel das normalste von der Welt ist?

Overbeck: Wir haben eine sehr andere Geschichte, und das betrifft eben auch den Zugang von Frauen zum Priestertum, um diese Frage, die Sie gestellt haben, da zu beantworten. Auch da ist die Unterscheidung, glaube ich, ziemlich deutlich: Es gibt einige, die sagen, das geht gar nicht, es gibt diejenigen, die eher nachdenklich, unentschieden sind und es gibt die, die sagen, auf Dauer können wir uns das vorstellen.

WDR: Gehorsam gegenüber dem Papst - ich weiß, dass das für Sie als Bischof ein grundlegendes Gebot ist, wie für viele andere Bischöfe auch. Wie viel "Ungehorsam" - oder nehmen wir ein anderes Wort - wie viel "kreatives Deuten von Vorgaben aus Rom" sind Ihnen und denen Ihrer Kollegen, die das auch wollen, möglich?

Overbeck: Auf der einen Seite, sind wir natürlich gebunden an das, was uns in die Gemeinschaft mit dem Papst hineingenommen hat, aber auch in ihr hält. Das gilt ja für die ganze Weltkirche, das macht auch ihre Stärke aus. Gleichzeitig muss jeder Bischof vor Ort sehen, wie er das lebt und umsetzt, was möglich ist, um mit den Gläubigen, mit denen und für die er ja da ist, Kirche leben zu können. Das gilt auch für die von Ihnen gerade benannten Fragen.

Hier ist sehr deutlich, dass wir uns in der Kirche in sehr unterschiedlichen Kulturen mittlerweile befinden und deswegen auch die Auseinandersetzung ob dieser Fragen und ihrer Bedeutung für uns so heftig geworden ist. Es gibt ja unterschiedliche Regionen dieser Erde, in denen diese Fragen noch gar nicht gestellt werden oder strikt abgelehnt sind, und es gibt unsere Region, in der das sehr anders ist, angesichts der Traditionen, in denen wir heute leben.

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WDR: Da gucken wir sofort nochmal drauf, aber noch mal zurück: Heißt das konkret, wenn zum Beispiel ein Pfarrer in Ihrem Bistum ein homosexuelles Paar segnet, dann werden Sie den dafür garantiert nicht maßregeln?

Overbeck: Das werde ich nicht tun, nein. Ich werde ihn deswegen nicht suspendieren oder andere Kirchenstrafen auf ihn legen. Das habe ich und das haben ja schon andere Bischöfe auch deutlich gesagt: "Tue ich nicht."

WDR: Sie haben die Unterschiede in dieser Weltkirche beschrieben, die verschiedenen Kontinente, in Europa und Nordamerika sieht es ja zum Beispiel ein bisschen anders aus als in Afrika und Südamerika. Und aus Rom will die Zentrale letztlich alle "bedienen". Wie lang ist dieser ideologische Dauerspagat überhaupt noch zu bewältigen?

Overbeck: Ich halte das nicht für einen ideologischen Dauerspagat, sondern schlicht und ergreifend für einen Entwicklungsprozess in Blick auf die Frage: Wie können wir in unserer Welt heute Kirche und Christen sein? Und unter dieser Rücksicht gibt es immer wieder Auseinandersetzungen.

Mir ist daran eher gelegen, das zu tun, was ich in anderen Feldern auch immer sage: Lasst uns eine konfliktive Kultur, aber die muss konstruktiv sein, üben und nicht einfach nur den Konflikt in die Mitte stellen. Und wenn wir das tun, verlangt das von uns mehr, als wir es früher gekannt haben.

Das etwas gekürzte Interview führte Thomas Schaaf im WDR 5 Morgenecho. In voller Länger hören Sie es hier:

Kirche und Homosexualität: "Differenziertes Bild"

WDR 5 Morgenecho - Interview 03.04.2021 05:51 Min. Verfügbar bis 03.04.2022 WDR 5


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Stand: 03.04.2021, 15:21