Gelsenkirchen: Krebserregende Ölpellets im Kohlekraftwerk

Gelsenkirchen: Krebserregende Ölpellets im Kohlekraftwerk

Von Jürgen Döschner und Jochen Taßler

  •  Ölpellets sind Rückstände aus BP-Raffinerie
  • Jurist: Genehmigung ist rechtswidrig
  • Toxikologe: Erhöhtes Krebsrisiko für die Region

Als bekannt wurde, dass giftige "Ölpellets" in einer Tongrube am Niederrhein entsorgt worden waren, sorgte das für landesweites Aufsehen. Dies könnte aber nur die Spitze des Eisbergs sein. Den größten Teil der Pellets verbrennt BP im benachbarten EON-Kraftwerk. Mit behördlicher Genehmigung. Experten halten diese jedoch für rechtswidrig und das Vorgehen damit für illegal.

Ölpellets laut Gutachten krebserregend

Ginge es ausschließlich nach den Inhaltsstoffen, dann wären die Ölpellets aus der BP-Raffinerie wohl Sondermüll. Das besagen mehrere Gutachten. Denn neben den berüchtigten Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) enthalten sie auch große Anteile an gefährlichen Schwermetallen wie Nickel und Vanadium – allesamt krebserzeugende Stoffe.

Pellets mit hohem Brennwert

Allerdings haben die Pellets auch einen hohen Brennwert. Grund genug für einen Deal zwischen BP und dem benachbarten EON-Kraftwerk: BP liefert dem Kraftwerk täglich bis zu 100 Tonnen Pellets, dafür verbrennt EON den lästigen und gefährlichen Rückstand. „Kostenneutral“, wie aus internen Unterlagen hervorgeht.

Behörde genehmigt

Offenbar um den Deal abzusichern, wollte BP, dass zumindest jene Pellets, die in das Kraftwerk gehen, nicht als Abfall sondern als „Produkt“ deklariert werden. Die Genehmigungsbehörde, die Bezirksregierung Münster, stimmte dem zu und genehmigte die Verbrennung in dem Kohlekraftwerk. Doch der renommierte Umweltjurist Martin Führ hält die Genehmigung für rechtswidrig. BP und die Bezirksregierung weisen das zurück.

Ölpellets werden zu "Petrolkoks"

Nach Führs Auffassung hätten die Pellets in dem Moment, wo sie auf dem Papier zu einem Produkt wurden, eine Registrierung gemäß der Europäischen Chemikalienverordnung REACH benötigt. Doch die gibt es nicht. Deshalb sei der ganze Vorgang illegal, so Führ. Daran ändere auch nichts, dass BP die Pellets zusätzlich zu „Petrolkoks“ umdeklarierte. Denn das sei ein völlig anderer Stoff.

Geheime „Task-Force“

Eingestielt wurde der umstrittene Deal schon vor Jahren von einer vertraulichen Arbeitsgruppe führendern BP-Angestellter, genannt „Task-Force Reduzierung Pelletskosten“ – womit auch das Ziel der Gruppe klar wird.

Keine Toleranzwerte für krebserregende Stoffe

Bei der Verbrennung der Pellets hält das Kraftwerk zwar die gesetzlichen Grenzwerte ein. Dies ist aus Sicht des Umwelttoxikologen Herman Kruse jedoch kein Grund zur Entwarnung. Denn für krebserregende Stoffe, so Kruse, gebe es keine Toleranzwerte. Jede zusätzliche Belastung mit solchen Stoffen wie z.B. Nickel oder Vanadium, führe auch zu einem erhöhten Risiko – zumal in einer Region, die ohnehin stark belastet ist.

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Stand: 27.09.2018, 08:59

Kommentare zum Thema

21 Kommentare

  • 23 Anny Mennoia 28.09.2018, 23:34 Uhr

    Das ist unfassbar! Man müsste die Bezirksregierungen ob Münster oder Arnsberg mal überprüfen, entweder sind Sie korrupt oder nicht fähig, gewissenhaft ihre Arbeit zu machen! Das kann doch alles nicht sein, was geschieht nur in unserem Land!

  • 22 Uwe Mensing 28.09.2018, 23:06 Uhr

    Die Verbrennung sofort einstellen und durch unabhängige Sachverständige prüfen lassen wie gefährlich die Pellets sind.Wir sind in Scholven und Hassel schön mit genug Umweltdreck belastet.

  • 21 Bärbel 28.09.2018, 22:46 Uhr

    Diesel sind schlimm????????

  • 20 Bernhard Valentin 28.09.2018, 10:59 Uhr

    Ich habe den Bericht im Fernsehen gesehen, man sieht in unserer Regierung , oder in den Landesregierungen nur noch Betrüger sitzen, Profitgier setzt sich überall durch, auf Kosten der Bevölkerung. In der Autoindustrie ist das gleiche, Die Regierung ist nur noch ein Spielball. Bei allen Politikern ist nur noch viel Gelaber und kein Handeln zu erkennen. Man kann eindeutig Maffia ähnliche Methoden erkennen, alle schauen weg, wie immer

  • 19 Astrid Bick 28.09.2018, 09:48 Uhr

    Die Umweltkriminalität wird zusätzlich erleichtert durch die Zerschlagung der Stabsstelle für Umweltkriminalität durch die Landesregierung NRW. Außerdem gibt es in Deutschland kein Unternehmensstrafrecht.

  • 18 Micha 28.09.2018, 09:10 Uhr

    Der Artikel ist sehr schlecht rechechiert, denn das Kraftwerk gehört seit Jahren nicht mehr zum E.ON Konzern. Das ist so offensichtlich und hätte auffallen müssen, journalistisch also ein Fauxpas. Daher ist zu hinterfragen inwieweit auch der nur Rest Panik und Schlagzeilen machen ist. Ich stimme zu, dass Behörden bei Genehmigungen eine besondere Sorgfaltspflicht haben und wirtschaftliche Aspekte hinter gesundheitlichen zweifelsohne zurückstehen müssen. Das Kraftwerk und die Genehmigungen stammen aus SPD regierten Zeiten. Selbst die Grünen hatten in NRW jahrelang eine Umweltministerin, die offensichtlich keine Gründe zum Einschreiten gesehen hat. Nun die CDU an den Pranger zu stellen ist unqualifiziert. Wir müssen Gesundheit und Umwelt schonen. Gar keine Frage! Vielleicht mal im kleinen anfangen und nicht rauchen oder weniger Auto fahren, bewusster Energie und Ressourcen nutzen ... Abwarten, was nach diesem wahrscheinlich wieder einmal Sturm im Wasserglas herauskommt.

    Antworten (1)
    • Uwe 28.09.2018, 23:10 Uhr

      Das mit Eon ist doch garnicht so falsch Uniper gehört doch zum Konzern.Es ändert dich nichts an den Fakten das auf Kosten der Bevölkerun BP und Uniper Profit machen.

  • 17 Gelsenkrichener[sic!] 28.09.2018, 01:21 Uhr

    Lese ich das richtig? 100 Tonnen Pellets am TAG?! Und ich dachte immer, wir hätten in Deutschland kein großes Problem mit Organisierter Kriminalität... In Italien verklappt man den hochgiftigen Sondermüll wenigstens noch in Mafia-Tradition irgendwo im kalabrischen Gebirge, bei uns wird der Sch**ß doch tatsächlich noch mit behördlicher Genehmigung im Kraftwerk verbrannt. Und das noch nachdem die illegale Entsorgung in Schermbeck aufgeflogen und BP es doch tatsächlich noch geschafft hat, sich als Opfer darzustellen. Liebes Monitor-Team, lieber WDR, bitte unbedingt dranbleiben an der Sache. Der Politik scheinen die Großkonzerne ja mal wieder gehörig auf der Nase rumzutanzen. Gut, dass es noch die "4. Gewalt" gibt. Sonst dürfen wahrscheinlich bald in Scholven auch noch die radioaktiven Abfälle aus dem Zwischenlager in Ahaus mit offizieller Genehmigung verbrannt werden. Bietet sich der räumliche Nähe wegen ja eigentlich auch an...

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    • Oliver Goldau 28.09.2018, 08:16 Uhr

      Zu der Zeit (1993 bis 2002) wurden etwa 50t in 24h der Kohle zugesetzt. Ich habe dort diese Stoffe abgerechnet. Dazu kamen 1% Neutralisationsschlamm aus der REA sowie 20t Klärschlämme pro Blocklager. Das Problem für die Umgebung sind die ausgefilterten Flugaschen. Davon wurden 4Stellige tonnen täglich in SiloLKW verladen, wobei 1-3% verloren gingen. Feinstaub. Analysen und Dokumente zu dem Fall findet man in meinem Facebook Foto Ordner. Mir wurde per Gerichtsbeschluss nahegelegt mich nicht mehr damit zu befassen. GE hatte die höchste Rate an Atemwegserkrankungen und Säuglingssterblichkeit. (Ich kann ja nichts dafür wenn die Bürger sich selbst in den Unterlagen informieren)

  • 16 Alexander 27.09.2018, 22:51 Uhr

    @Stefan Als naturwissenschaftlich gebildeter Mensch dürften Sie mir doch zustimmen, dass Vanadium im Werkzeug und Nickel in der Brille, also Legierungen, toxikologisch anders zu bewerten sind, als im staubförmigen oder gasförmigen Zustand, in welchem sie durch die Atemluft in den Organismus gelangen. Insofern sind Ihre verharmlosenden Vergleiche alles andere als harmlos und vielleicht sogar der gezielte Versuch einer Desinformation.

  • 15 Petra 27.09.2018, 22:11 Uhr

    Wir sind 1965 nach Scholven gezogen. Mein Papa ist 1992 im Alter von 62 Jahren an Krebs gestorben. Meine älteste Schwester hat Krebs, und meine jüngere Schwester, die wohnt immer noch in Scholven hat jetzt auch Krebs. Ihr müßt mal nach Scholven, wenn die BP abfackelt, dieser Krach und dieser Gestank ist unzumutbar für die Anwohner.

  • 14 Stefan 27.09.2018, 21:25 Uhr

    Tut mir leid, lieber WDR, aber von Herrn D habe ich schon so viel halbwahres Zeug gelesen, dass ich hier sehr skeptisch bin. Um welche krebserregenden Stoffe handelt sich denn konkret, und, vor allem, in welcher Konzentration kommen sie vor. Nickel ist in meiner Brille, und Vanadium ist in den Schraubenschlüsseln in meinem Werkzeugkasten. Tut mir leid, aber das klingt alles zu sehr nach Panikmache für naturwissenschaftlich (chemisch) weniger Gebildete.

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    • Gerhard Kalus 27.09.2018, 22:44 Uhr

      Schauen Sie sich mal die Krebszahlen in Gelsenkirchen und Umgebung an, es sind dcie höchsten in ganz NRW!!! Wie kann man da noch die Gefährlichkeit dieser Geschichte in Frage stellen.

    • Gelsenkrichener[sic!] 28.09.2018, 02:25 Uhr

      Diese fadenscheinige Argumentation lässt sich ohne jegliches Spezialwissen innerhalb von 5 Minuten widerlegen. Nickel und Vanadium sind karzinogen. Das ergibt schon eine einfache Recherche bei Wikipedia. "Das Einatmen anorganischer Nickelverbindungen ist mit einem erhöhten Krebsrisiko [...] der Lunge und der oberen Luftwege verbunden" (de.wikipedia.org/wiki/Nickel). Bei Nickel ist die Art der Aufnahme also entscheidend. Eine Nickelbrille atmet man aber nur eher selten ein, während das Nickel bei Verbrennung in einem Kraftwerk in die Luft gelangt. Und natürlich muss man auch die aufgenommene Menge berücksichtigen. Ein anderes Beispiel wäre Aluminium: Camping-Geschirr aus Aluminium ist vermutlich unbedenklich. In veränderter chemischer Form (als Aluminium-Salz) und über die Haut aufgenommen ist es zumindest potentiell karzinogen. Just my two cents, aber ich bin wohl naturwissenschaftlich auch nicht so gebildet wie Sie. Habe seinerzeit das Proseminar in Fake-Science geschwänzt...

  • 13 Gerhard Kalus 27.09.2018, 18:38 Uhr

    Es ist wirklich unglaublich was dort passiert mit dem Segen der Bezirksregierung Münster. Das gleiche macht ja die Bezirksregierung Arnsberg im Fall Suez in Herne bzw. beim PCB-Skandal in DO. Der nächste Skandal mit der Genehmigung zur Erweiterung der Emscherbruchdeponie durch Münster steht an. Wir Bürger hier im Ruhrgebiet sind den Machenschaften, von unseren politischen Vertretern und einer profitgierigen Industrie, ausgeliefert. Aber Dank Ihnen wird es zumindest jetzt wieder öffentlich. Das sich aber etwas ändert, läßt einem nach der Aufarbeitung des ENVIO-Skandal zweifeln.