Flucht aus der Ukraine mit 100 Jahren

Stand: 29.03.2022, 14:18 Uhr

Bis zuletzt hatte Tamara Butenko in ihrem Zuhause in Charkiw ausgeharrt. Dann wurde ihr klar: Es geht nicht anders, sie muss die Ukraine verlassen.

Von Jennifer Kerkhoff

Eine Flucht vor dem Krieg ist für alte Menschen eine enorme Strapaze. Das hatte sie sich nicht zugetraut, erzählt Tamara Butenko, eine kleine Frau mit dünnen Armen. Doch dann ging es nicht mehr. Bomben flogen, Wohngebäude wurden zerstört. Mit 100 Jahren flüchtet sie aus Charkiw nach Mülheim. Hier hat sie Familie.

Ohne Hab und Gut geflüchtet

Tamara Butenko hat in der Sowjetunion viele Auszeichnungen für ihre Verdienste im Zweiten Weltkrieg bekommen

Als die Entscheidung fiel, weil die Gefahr zu groß wurde, hatte Tamara keine Zeit, noch Taschen zu packen. Deshalb besitzt sie nur noch das, was sie am Körper hat. Die Flucht per Lkw kam für die zierliche Dame nicht in Frage. Sie ist zwar für ihr Alter sehr gut zurecht, aber die Lkw müssen teilweise tagelang an Grenzübergängen warten, Kontrollpunkte passieren und kommen nur schwer weiter, hatte sie gehört. Also entschied die Ukrainerin zusammen mit ihren zwei Töchtern, die Flucht per Zug zu versuchen.

Am Bahnhof Lviv war es so voll, erzählt sie, dass Menschen versuchten, sich an Züge zu hängen. Einmal habe jemand einen Warnschuss in die Luft abgegeben, damit die Menschen den Zug fahren lassen. Doch auf die 100-Jährige und ihre Töchter hätten die Menschen trotz ihrer Angst Rücksicht genommen. Sie habe sogar einen Sitzplatz bekommen. Die zwei Töchter mussten 26 Stunden stehen.

Erinnerungen an 2. Weltkrieg

Die Geflüchtete Tamara Butenko feiert ihren 101ten Geburtstag in Mülheim

Die Geflüchtete Tamara Butenko feiert ihren 101ten Geburtstag in Mülheim

Den Bomben zu entfliehen war für die 100-jährige Tamara Butenko leider ein bekanntes Gefühl. 1941 hat sie im zweiten Weltkrieg als Krankenschwester an der Front gearbeitet. Damals hat sie für ihr Land viel gegeben, bekam dafür viele sowjetische Auszeichnungen. Später schrieb sie darüber sogar ein Buch. Dass sie jetzt ausgerechnet vor den russischen Truppen fliehen muss, lässt sie weinen. Sie versteht das nicht. Ihre Heimat wird sie wohl nie wieder sehen.

Am 22. März feierte Tamara Butenko ihren 101. Geburtstag in Mülheim. Zusammen mit ihrer Familie, die sich liebevoll um sie kümmert. Kinder, Enkel, Urenkel – alle waren da und sind gesund. Es gab Torte. Viel gesungen wurde auch. So war es wohl einer der schlimmsten und schönsten Geburtstage zugleich.

Über dieses Thema berichten wir am 29. März 2022 im WDR Fernsehen: Lokalzeit Ruhr, 19:30 Uhr.