Essener Rü: Eine Fahrradstraße, die keine ist?

Seit über einem Jahr ist die Rüttenscheider Straße eine Fahrradstraße.

Essener Rü: Eine Fahrradstraße, die keine ist?

Von Björn Henke

In Essen fordern die Macher des Radentscheids Einschränkungen für den Autoverkehr auf der Rüttenscheider Straße. Über ein Jahr nachdem die Rü zur Fahrradstraße erklärt wurde, hat sich am Verkehrschaos nichts geändert.

Hilmar von dem Bussche wird energisch, wenn man ihn nach seinem Fazit zur Fahrradstraße Rü fragt. "Wir sagen, es ist gar keine", so der Aktivist vom Radentscheid Essen. "In einer Fahrradstraße sind Autos nur ausnahmsweise erlaubt. Doch hier hat sich rein gar nichts verändert."

Seine Mitstreiterin Claudia Harfst ergänzt: "Zu viel Durchgangsverkehr. Leute suchen Parkplätze, halten in zweiter Reihe, laden Einkäufe ein und aus. Das hält permanent auf, dabei soll eine Fahrradstraße für flüssigen Radverkehr sorgen."

#NennMichNichtFahrradstraße

Oft Stau auf der Rüttenscheider Straße in Essen

Für viele Radfahrer in Essen ist die Rü keine richtige Fahrradstraße.

Unter Essens aktiven Radlern kursiert seit Monaten der Hashtag #NennMichNichtFahrradstraße. Darunter posten sie Fotos von genau solchen Szenen. Radler im Auto-Stau. Auch an diesem Dezember-Mittag ist das Chaos zu besichtigen.

Pkw, Transporter und Lkw halten auf der Fahrbahn, Autos kreisen auf der Suche nach einer freien Parklücke. Radler werden - oft deutlich zu eng - überholt und immer wieder kommt der Verkehr in der engen Straße auf beiden Seiten zum Stillstand.

Zählungen belegen: viele Autos, weniger Radler

Stichprobenartige Messungen im Auftrag der Stadt belegen, dass die Zahl der Radler nach Ausweisung als Fahrradstraße sogar deutlich abgenommen hat. Stadteinwärts waren es in den Morgenstunden an den Tagen der Zählung gerade einmal gut halb so viele wie im Vergleichszeitraum 2019. "Für den Bereich Rüttenscheider Stern zeigt die Auswertung des Autoverkehrs eine in etwa gleichbleibend hohe Verkehrsbelastung, die am Nachmittag nochmals anwächst", stellt die Stadt fest.

Forderung nach "modalen Filtern"

Die Initiatoren des Radentscheids fordern deshalb so genannte "modale Filter" für die Rü. Gemeint sind Abbiegezwänge an Kreuzungen, temporäre Durchfahrts- oder Halteverbote, abschnittsweise gegenläufige Einbahnstraßen oder sogar physische Sperrelemente. "All das hat die Polizei schon im Sommer vorgeschlagen", sagt Hilmar von dem Bussche.

Nachmittags kommen die Poser hinzu

Tatsächlich hatte die Verkehrsdirektion des Essener Präsidiums im August in einem Brief an die Stadtverwaltung genau solche Veränderungen empfohlen. "Radfahrer werden durch Kfz-Führer riskant und rücksichtslos überholt", heißt es darin. Die Kfz-Dichte sei für eine Fahrradstraße zu hoch, die Fahrbahn werde zum Halten und Laden missbraucht. Ab dem Nachmittag kämen dann auch noch rasende Autoposer hinzu.

Stadt Essen: Evaluation noch nicht abgeschlossen

Während Rad-Aktivisten von der Verwaltung fordern, sofort etwas zu unternehmen, ist das laut Stadt noch gar nicht möglich. "Es findet zu diesem Thema derzeit eine entsprechende politische Diskussion statt", schreibt eine Sprecherin von OB Thomas Kufen dem WDR. Und: "Hierzu soll es eine Beobachtungsphase und Auswertung seitens der Polizei im neuen Jahr geben." Die Stellungnahme des Präsidiums von August sei noch nicht abschließend gewesen. Die Polizei selbst will sich auf Anfrage aktuell nicht zu dem Vorgang äußern.

Rü-Anlieger wollen keine weiteren Veränderungen

"Wir waren und sind für die Fahrradstraße", sagt Rolf Krane, der als Sprecher der Interessengemeinschaft Rüttenscheid die Haltung der Rü-Anlieger vertritt, darunter vor allem Händler. "Aber wir sind für die Regelung, wie sie jetzt ist. Abbiegezwänge und ähnliche Maßnahmen würden den Autoverkehr in die umliegenden Wohnstraßen verlagern. Das schafft nur neue Probleme."

Er hält die Erwartung für illusorisch, dass die Rü als als schnelle Nord-Süd-Achse für den Radverkehr funktionieren kann. "Das ist eine Geschäftsstraße und wir sind froh, dass wir hier auch noch hochwertige Händler haben. Wer in einem teuren Modegeschäft einkaufen möchte, der tut das halt nicht mit dem Fahrrad."

Stand: 30.12.2021, 21:24

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