Bottroper putzen Stolpersteine gegen das Vergessen

Ein Mann putzt zum Gedenken an die Reichspogromnacht Stolpersteine in der Bottroper Innenstadt.

Bottroper putzen Stolpersteine gegen das Vergessen

Von Sebastian Tischkov

Vor 82 Jahren brannten in der Reichspogromnacht Synagogen, jüdische Geschäfte wurden verwüstet und Juden ermordet. In Bottrop wächst das Interesse an der historischen Aufarbeitung.

Uwe Rettkowski kniet sich mitten in der belebten Innenstadt hin. Am Pferdemarkt liegt der Stolperstein, für den er eine Patenschaft übernommen hat: Der Stein von Minna Reder, geboren am 27. November 1927 in Bottrop. Hier hat sie einen Teil ihrer Kindheit verbracht, als Tochter einer Kaufmannsfamilie. Als sie 10 Jahre alt war, wurden die Reders nach Polen deportiert, das Mädchen später von ihnen getrennt. Sie überlebte das Konzentrationslager Bergen-Belsen, als Einzige in der Familie.

Gegen das Vergessen

Ein altes, zu Schulzeiten aufgenommenes Bild der NS-Überlebenden Minna Redder.

Die Bottroper Stolpersteine sollen erinnern. Es ist ein Ort, der das schlimmste Verbrechen gegen die Menschheit sichtbar macht. Auch das ist für Uwe Rettkowski ein Grund, die Patenschaft zu übernehmen: "Dass die Deutschen Menschen verfolgt haben wegen ihres Glaubens, hat mich auf der einen Seite fasziniert und auf der anderen Seite angewidert".

Gedenkplaketten in ganz Europa

Mehr als 70.000 Stolpersteine verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig bisher in ganz Europa um an die Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken: Juden, Sinti, Roma, Behinderte, Homosexuelle – das sind nur einige Minderheiten, die ausgehend vom NS-Regime qualvolles Leid erfahren mussten. Inzwischen wurden in Bottrop 65 Stolpersteine verlegt, noch in diesem Jahr kommen neun dazu. Es werden immer Paten gesucht.

Mit Polierpaste, Schwamm und Lappen im Gepäck

Stolpersteine der Familie Redder vor dem Haus Pferdemarkt 2 in der Bottroper Innenstadt.

Stolpersteine der Familie Reder in Bottrop

Uwe Rettkowski übernimmt schon seit 13 Jahren die Patenschaft für den Stein – und das aus vollster Überzeugung: "Es ist mir ganz wichtig, dass wir als deutsche und als demokratisch aufgewachsene Menschen ein Zeichen setzen und deutlich machen, dass Menschen, welchen Glaubens und welcher körperlicher Verfassung auch immer, nicht benachteiligt und stigmatisiert werden dürfen".

Der heute wachsende Antisemitismus und die Missachtung von Minderheiten macht dem Pensionär Sorgen. "Ich bin richtig sichtlich sauer darüber, dass Menschen dummes Zeug erzählen, über andere Menschen, die sie nicht kennen und deren Glauben sie nicht kennen", sagt Rettkowski. Man dürfe in der Sache verschiedener Meinung sein, aber man sollte das mit Anstand und Respekt vor dem anderen Menschen tun.

Pandemie macht Gedenkfeiern unmöglich

Das Putzen pünktlich zum Gedenktag: Es ist dieses Jahr besonders wichtig, fallen Gedenkveranstaltungen wegen der Corona-Lage weg. Trotzdem sollen alle 65 Plaketten in Bottrop schimmern, pünktlich zur Pogromnacht, damit die Opfer nicht vergessen werden. Der Stein von Minna Reder glänzt jetzt.

Stand: 09.11.2020, 08:21