Bochumer Promotionsprojekt widmet sich einsamen Toden

Engelsfigur auf einem Friedhof

Bochumer Promotionsprojekt widmet sich einsamen Toden

Von Ann-Kristin Pott

  • 65.000 Sterbeurkunden werden ausgewertet
  • Erste Ergebnisse voraussichtlich im Frühjahr
  • Projekt soll Ansätze für Präventionsmaßnahmen liefern

Überfüllte Briefkästen oder über Wochen heruntergelassene Rolläden können ein Hinweis darauf sein, dass dem Nachbarn etwas zugestoßen ist. Manchmal kann ein Todesfall dahinter stecken. Andreas Freislederer glaubt, dass solche Fälle zunehmen.

Er ist Oberarzt am Rechtsmedizinischen Institut des Uniklinikums Essen: "Wir haben solche Fälle durchschnittlich 50 bis 70 Mal im Jahr. Uns erschreckt, dass viele Leute nicht vermisst werden, obwohl sie Nachbarn oder Familie haben."

Unentdeckte Todesfälle

WDR 5 Westblick - aktuell 10.12.2018 03:32 Min. Verfügbar bis 30.01.2020 WDR 5

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Pfarrerin gibt Impuls für Forschungsprojekt

Auch der evangelischen Pfarrerin Zuzanna Hanussek sind die einsamen Tode aufgefallen. Sie hat in Gelsenkirchen ordnungsamtliche Bestattungen durchgeführt. Das sind Bestattungen für Menschen, deren Angehörige sich nicht ermitteln lassen.

Hanussek hat bemerkt, dass in vielen Sterbeurkunden statt eines Datums eine "Liegezeit" angegeben ist. Das besteht aus zwei Daten: ein möglicher Tag, an dem der Verstorbene zuletzt gesehen wurde und das Auffindungsdatum.

Promotionsprojekt zu "unentdeckten Todesfällen"

Manchmal werden Verstorbene erst nach Wochen oder Monaten gefunden. Hanussek hat sich mit diesen "unentdeckten Todesfällen" an die Evangelische Hochschule in Bochum gewandt. In einem Forschungsprojekt wurden daraufhin 60 Todesfälle aus Gelsenkirchen untersucht.

Das Ergebnis: 75 Prozent der Verstorbenen waren männlich, ledig und haben meistens allein gelebt. Susanne Loke hat das Masterprojekt auf ihr Promotionsprojekt ausgeweitet. Sie will ein statistisches Profil von Verstorbenen erstellen, die erst nach langer Zeit tot aufgefunden wurden.

Gründe für einsame Tode: Überaltung, soziale Isolation

Susanne Loke glaubt, dass es gesellschaftliche und individuelle Gründe dafür gibt, dass Menschen nach ihrem Tod nicht vermisst werden. "Es gibt durchaus soziale und räumliche Bedingungen, die Vereinsamung und soziale Isolation begünstigen".

Ältere Frau, den Kopf auf ihre Hand gestützt.

Einsamkeit im Alter

Als Beispiel nennt sie Stadtteile mit Mehrfamilienhäusern und fehlenden Nachbarschaftsangeboten. Auch Überalterung und das Lösen von familiären Strukturen können mögliche Gründe sein.

Ergebnisse sollen Präventaionsansätze bieten

Die Ergebnisse von Lokes Projekt sollen Ansätze für Präventionsmaßnahmen wie Nachbarschaftstreffen oder Besuchsdienste sein. Zudem können so Hinweise auf besonders gefährdete Personengruppen ermittelt werden.

Insgesamt wertet Loke rund 65.000 Sterbeurkunden aus Gelsenkirchen und Aachen aus den Jahren 2006 bis 2016 aus. Die Erhebung in Aachen ist bereits abgeschlossen. Im März 2019 soll sie in Gelsenkirchen fertig gestellt werden.

Stand: 03.02.2019, 06:00